1. Fuldaer Zeitung
  2. Fulda

Der Ukraine-Krieg bewegt die Menschen in Hessen - und weckt schlimme Erinnerungen

Erstellt:

Johanna Leipold erzählt von ihrem Leben im 2. Weltkrieg, der Zerstörung der Stadt und dem Wiederaufbau.
Johanna Leipold erzählt von ihrem Leben im Zweiten Weltkrieg, der Zerstörung der Stadt und dem Wiederaufbau. Die Bilder aus der Ukraine wecken schlimme Erinnerungen. © Frank Rumpenhorst/dpa

Bombardements und zerstörte Häuser, verzweifelte und flüchtende Menschen, weinende Kinder - der russische Angriffskrieg auf die Ukraine ist auch in Hessen sehr präsent und löst Mitgefühl und Ängste bei Jung und Alt aus.

Hanau - Die Bilder und Berichte vom Krieg in der Ukraine wecken schlimme Erinnerungen bei Johanna Leipold. Als junge Frau durchlebte die 100-Jährige die Schrecken des Zweiten Weltkrieges mit ihrer Familie in ihrer Heimatstadt Hanau (Main-Kinzig-Kreis). Nach Bombardements bereits in den Vormonaten wurde die Stadt kurz vor Kriegsende, am 19. März 1945, durch einen alliierten Luftangriff in Schutt und Asche gelegt. Mehr als 2000 Menschen verloren ihr Leben, viele weitere wurden verletzt und verloren ihr Zuhause.

Leipold half damals als freiwillige Rotkreuzschwester. Sie kann nachfühlen, wie es den Menschen in der vom Krieg geschüttelten Ukraine ergehen muss. Auch nach 77 Jahren bekommt die Seniorin die Eindrücke von damals nicht aus dem Kopf: Menschen, die mit nichts als einem Nachthemd am Leib und ihren Kindern an der Hand aus dem zerstörten Stadtzentrum kamen, die vielen Verletzten, überall Trümmer und Brände, so dass von der Hitze die Straßendecke ganz aufgeweicht war.

Ukraine-Krieg bewegt Generationen - Traumata und Zukunftssorgen

Und als reichte das alles noch nicht, tauchten plötzlich Tiefflieger auf und beschossen die Menschen. Sie flogen so tief, dass die Piloten in den Kabinen zu erkennen waren, erinnert sich Leipold. „Krieg ist was ganz, ganz furchtbares!“ Dass er nun zurückgekehrt ist nach Europa, wühlt sie auf und macht ihr große Angst. (Lesen Sie hier: Der Krieg im Klassenzimmer: Schulen bereiten sich auf Flüchtlingskinder aus der Ukraine vor)

Nachrichten über das Kriegsgeschehen in der Ukraine schaut die 100-Jährige deshalb nur dosiert an. Tägliche Sondersendungen mit Laufband-Texten zu den neuesten Entwicklungen - das ist der alten Dame zu viel, auch wenn sie das Schicksal der Menschen, die nun voller Angst in Verstecken ausharren müssen oder sogar Verletzte und Tote zu beklagen haben, sehr beschäftigt. Oft sitzt sie mit ihrem Sohn zusammen und spricht über die Ereignisse von damals und heute. Es helfe sehr, mit den Sorgen nicht allein zu sein.

Wie präsent diese Sorgen für sie sind, zeigt, dass sie wieder eine Tasche mit dem nötigsten gepackt hat - wie damals in Kriegszeiten steht sie griffbereit in einer Zimmerecke, um sie notfalls mit ins Kellerversteck nehmen zu können. In jenen düsteren Zeiten, habe man nie gewusst, ob man den nächsten Tag noch erlebt. Sollte auch Deutschland wieder in den Krieg verwickelt werden, steht eines für die Seniorin fest: Aus ihrem Haus geht sie nicht weg.

Ähnlich wie Leipold ergeht es vielen Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges. Derzeit melden sich etwa viele Menschen beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und drücken ihre Fassungslosigkeit darüber aus, dass in Europa nun wieder Krieg herrsche - und das, obwohl längst nicht alle Opfer der beiden Weltkriege geborgen und identifiziert worden seien, sagt eine Sprecherin der humanitären Organisation. Durch die Bilder von zerstörten Häusern und fliehenden Menschen fühlten sie sich zurückversetzt in diese schlimmen Zeiten.

„Krieg ist was ganz, ganz furchtbares!“

Johanna Leipold berichtet auf Bitten der Stadt Hanau hin und wieder über ihre Erlebnisse und Erfahrungen. Zusammenhalt und ein friedliches Miteinander, das sind Werte, die sie den Schülerinnen und Schülern dabei mitgeben will. Nicht alle erreicht sie damit, weiß Leipold, aber manche fragen nach und versuchen, sich in diese Zeit hineinzudenken.

Der Krieg nicht als Thema im Unterricht, sondern ganz real in einem europäischen Land - auch die Hanauer Abiturientin Jessica Pilz ist darüber fassungslos. „So ein Krieg ist etwas, dass sich Menschen in meinem Alter schwer vorstellen können, weil das so lange nicht mehr lokal präsent war“, sagt die 19-Jährige.

Natürlich wisse sie von den bewaffneten Konflikten und Kriegen der Welt, doch diese seien immer weit weg gewesen „und jetzt ist es nah bei uns“. Der Schülerin hilft in dieser Situation, sich mit anderen auszutauschen sowie selbst aktiv zu werden - sei es, auf Demonstrationen ihre Solidarität zu zeigen, Spenden zu sammeln oder andere zu informieren, was sie tun können, um zu helfen.

Pilz ist auch Hessens Landesschulsprecherin, redet mit der Deutschen Presse-Agentur aber nicht in dieser Funktion über den Ukraine-Krieg, sondern als Angehörige der jungen Generation. Deren Stimmungslage fasst die Schülerin so zusammen: Eine Mischung aus Fassungslosigkeit, Angst vor einer Ausweitung des Konflikts, Hilflosigkeit, aber auch ein Stück weit Wut darüber, „dass es auf unserer Welt immer zu solchen bewaffneten Konflikten kommt und wir unsere Probleme und Auseinandersetzungen offenbar nicht anders lösen können“.

Video: Krieg in der Ukraine - Das bewegt Deutschland

Und da sei noch das Gefühl vieler junger Leute, von einer Krise in die nächste zu taumeln - Klimakrise, Corona-Pandemie und nun auch noch der Krieg in der Ukraine. „Ich glaube, ein großer Wunsch von vielen ist, dass man normal jugendlich und unbeschwert sein kann und sich nicht immer Sorgen machen muss“, sagt die 19-Jährige.

Wenn die mehr als 80 Jahre ältere Johanna Leipold auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs zurückblickt, erinnert sie sich nicht nur an die Schrecken, sondern sieht auch Lichtblicke. Allen voran die Geborgenheit bei ihren Eltern, die so gut es ging auf sie und ihre fünf älteren Geschwister achtgaben und ihnen in bangen Stunden Mut zusprachen.

Ein schönes gemeinsames Essen, gezaubert aus einigen Kartoffeln und einer Dose Fleisch, die Soldaten mit ihrer Familie teilten. Oder die gegenseitige Unterstützung in der Not: Wer etwas hatte - ob Trinkwasser oder Gas zum Kochen - half Nachbarn und teilte, wo er oder sie konnte. Auch die Menschen in der Ukraine brauchten jetzt allen Beistand. „Denen muss geholfen werden, sie sind ja so furchtbar dran“, sagt Leipold. (dpa)

Auch interessant