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Einstige Bunker in Fulda aufgegeben: Warum es in Deutschland keine Schutzräume mehr gibt

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Von: Manfred Schermer

In Bremen befindet sich dieser Atombunker mit Platz für insgesamt 4000 Menschen – 1975 gebaut auf der untersten Ebene der Tiefgarage am Sedanplatz. Das Foto entstand 2008, seit 2020 steht die Anlage unter Denkmalschutz.
In Bremen befindet sich dieser Atombunker mit Platz für insgesamt 4000 Menschen – 1975 gebaut auf der untersten Ebene der Tiefgarage am Sedanplatz. Das Foto entstand 2008, seit 2020 steht die Anlage unter Denkmalschutz. © imago/stock&people

Der Überfall Russlands auf die Ukraine hat einen Gebäudetypus wieder ins allgemeine Bewusstsein gerückt, der lange Zeit in Vergessenheit geraten war: den Luftschutzraum. Anders als in der Ukraine sieht es damit aber in Deutschland düster aus.

Fulda - So mancher Fuldaer wird sich noch erinnern: Im oberen Teil des Uniplatzes in Fulda standen Telefonzellen und daneben, hinter einem Zaun, führte eine unscheinbare Treppe in die Tiefe – zwei öffentliche Schutzräume lagen dort, mit Platz für jeweils 50 Menschen und zwei Notausgängen im Straßenpflaster. 2009 wurde alles für die neue Tiefgarage abgerissen. Ersatz wurde bis heute keiner geschaffen.

Dies ist aber nicht etwa ein Versäumnis, sondern gewollt: 2007 hatte die Bundesregierung unter Angela Merkel (CDU) beschlossen, öffentliche Schutzräume aufzugeben. Der Kalte Krieg war vorbei, Deutschland von Freunden umgeben – und die Anlagen im Unterhalt sehr teuer. (Lesen Sie auch: Flüchtlinge aus der Ukraine: Wie man in der Region Fulda am besten helfen kann)

Ukraine-Krieg: Kaum Bunker in Deutschland - Zivilschutz rückt in den Fokus

Hinzu kam der Fortschritt in der Militärtechnik: Würde angesichts von Marschflugkörpern, Tarnkappenbombern und Raketen überhaupt genug Zeit bleiben, um nach einer Warnung einen Schutzraum aufsuchen zu können?

Die Antwort eines Sprechers der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) ist deutlich: „Eine solche Vorwarnzeit ist bei den heute anzunehmenden Bedrohungslagen nicht mehr gegeben.“ 2005 gegründet, ist die BImA seit 2021 dafür zuständig, die Schutzräume „aus der Zivilschutzbindung zu entwidmen“. Mit Erfolg: „Die Entwidmung ist bereits weit vorangeschritten“, heißt es.

Mit anderen Worten: In Deutschland gibt es keine öffentlichen Schutzräume mehr (und auch die meisten der alten Luftschutzsirenen wurden entsorgt). Von den 2000 öffentlichen Räumen in der alten Bundesrepublik wurden bislang 1400 „rückabgewickelt“. Die Schutzräume der früheren DDR wurden erst gar nicht berücksichtigt.

Vielerorts haben sich zwar die Räume selbst erhalten, aber sie dienen heute anderen Zwecken, zum Beispiel als Lager. Viele waren auch von vornherein auf eine Mehrfachfunktion ausgelegt und werden bis heute als Tiefgarage oder U-Bahnhof genutzt. (Lesen Sie auch: Vorrat für Notfall anlegen: Mit dieser Experten-Liste geht es für 10 Tage leicht)

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Erst der Krieg in der Ukraine hat zu einem Umdenken geführt. Anfang März haben sich Grüne und FDP im Bundestag für einen Ausbau des Zivilschutzes ausgesprochen. Und auch in Fulda ist dies ein Thema: Die CDU-Fraktion hat eine entsprechende Anfrage zum Zivilschutz zur Stadtverordnetenversammlung am kommenden Montag gestellt.

Ehemalige Schutzräume in Fulda

Eine Recherche bei Geschichtsspuren.de zeigt, wo es im Kreis Fulda früher öffentliche Schutzräume gab:

Feuerwache Fulda: Die 1970-1972 gebaute Zivilschutzanlage der Hauptstützpunktfeuerwache Fulda bestand aus acht einzelnen Schutzräumen, die je 25 Plätze boten. Die Räume werden heute anderweitig genutzt.

Uniplatz Fulda: Hier befanden sich seit 1964 zwei Schutzräume mit je 50 Plätzen. Baulich gehörten sie zum Komplex der alten Karstadt-Tiefgarage. Beides wurde 2009 abgerissen und wich der neuen Tiefgarage.

Arbeitsagentur Fulda: Ein typisches Beispiel für eine Mehrfachnutzung: Die Tiefgarage des Anfang der 1990er-Jahre errichteten Erweiterungsbaus des damaligen Arbeitsamtes bot einst auch 552 Schutzplätze.

Gemeindezentrum Künzell: 1989 bis 1991 gebaut, bot die Zivilschutzanlage unter dem Gemeindezentrum Platz für 490 Menschen. Heute wird sie zum Teil vom Schützenverein als Schießanlage genutzt.

Quelle: Die Interessengemeinschaft für historische Militär-, Industrie- und Verkehrsbauten unterhält auf ihrer Internetseite eine umfangreiche Datenbank mit bundesweitem Zivilschutzanlagen-Verzeichnis. 

Doch der Weg hin – oder vielmehr zurück – zu einem funktionierenden Zivilschutz dürfte ein weiter werden. Gerd Landsberg vom Deutschen Städte- und Gemeindebund stellte kürzlich fest: „Es existiert kein bundesweites Lagebild und kein Alarmsystem, um die Bevölkerung zu informieren.“

Landsberg weiter: „Es gibt keine Depots, in denen haltbare Lebensmittel und Notstromaggregate bereitgehalten werden, um die Bevölkerung in größerem Umfang damit zu versorgen. Und es wurden viele Jahre keine umfassenden Katastrophenschutzübungen mehr abgehalten.“

Was tun im Notfall?

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) gibt online wichtige Hinweise – auch für den Verteidigungsfall.

Immerhin: Es gibt noch so manchen privaten Schutzraum. Mit rund 55 Millionen Euro wurde ihr Bau zwischen 1968 und 1996 gefördert. Gut 9000 Luftschutzkeller dürften noch existieren. Vielleicht wartet in so manchem Keller eine Überraschung auf den neuen Besitzer oder Mieter.

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