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Caritas-Delegation aus Ukraine zu Gast in Fulda - „Menschen sind schwer traumatisiert“

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Von: Tobias Farnung

Ukraine-Krieg: Russland erhöht Druck auf Bachmut.
Wie sehr die Menschen unter dem Krieg in der Ukraine leiden, darüber berichtete eine Delegation der Caritas. (Archivbild) © -/dpa

Wie die Menschen vor Ort unter dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine leiden, konnte jetzt die Spitze des Caritas-Diözesanverbands Fulda aus erster Hand erfahren. Noch bis Mittwoch ist eine Delegation aus Iwano-Frankiwsk zu Besuch in Osthessen. 

Fulda - Es waren beeindruckende Zahlen, die Pfarrer Wolodymyr Chorniy, Direktor von Fuldas Partner-Caritas in der Westukraine, gemeinsam mit Geschäftsführerin Nataliya Kozakevych und den Patern Roman Darmograi und Ivan Sohan präsentierte.

Kümmerte sich der Caritas-Verband Iwano-Frankiwsk in der Vergangenheit im Schnitt um rund 2000 Menschen, ist die Zahl durch Binnenflüchtlinge in den vergangenen zwölf Monaten auf rund 60.000 gestiegen. „Zeitweise waren in der Region sogar mehr als 137.000 Flüchtlinge registriert“, so Nataliya Kozakevych.

Ukraine-Krieg: Caritas-Delegation zu Gast in Fulda

Ein Auszug aus der Bilanz: 138.961 Portionen Wohltätigkeitsessen wurden an Bedürftige ausgegeben, 399.603 Tonnen Hilfsgüter verteilt – zum Teil an die Menschen vor Ort direkt, zum Teil an andere Hilfsorganisationen im Land. Erst kürzlich haben Fuldaer Vereine wieder Spenden in die Ukraine gebracht.

Der Fokus der Caritas liegt bei den geflüchteten Menschen vor allem auf der Hilfe zur Selbsthilfe. „Wir versuchen, ihnen ein eigenständiges Leben zu ermöglichen“, berichtete Chorniy. Ein besonderes Augenmerk liege dabei auf den Bereichen Wohnen und Arbeiten.

„Eine große Herausforderung ist natürlich, dass viele der Menschen schwer traumatisiert sind“, so Chorniy. Zudem sei es sehr aufwendig, alle Menschen zu erreichen, da die Geflüchteten in der gesamten Region – und damit auch in abgelegenen Dörfern – verteilt seien.

Die Situation in Iwano-Frankiwsk beschrieben die Caritas-Mitarbeiter nicht so kritisch wie beispielsweise an der Frontlinie. Allerdings, so berichtete die Delegation, kommt es auch bei ihnen permanent zu Luftalarm. „Anfangs sind wir immer in den geschützten Keller gegangen. Aber wir können die Hilfesuchenden nicht alleine lassen. Darum bleiben wir mittlerweile meistens oben und vertrauen auf Gott“, sagte der Pfarrer.

Besuchsprogramm

Die Delegation aus Iwano-Frankiwsk hat an den drei Besuchstagen zahlreiche Termine in Fulda. So gibt es unter anderem ein Treffen mit ukrainischen Flüchtlingen in Hilders-Steinbach, ein Besuch des Pflegeheims St. Lucia und der dortigen Tagesförderungsstätte in Neuenberg sowie einen Empfang bei Fuldas Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld (CDU) im Stadtschloss.

Den Abschluss bildet dann die Übergabe eines Ford Transit aus der Flotte der Fuldaer Caritas – übrigens der vierte Fuldaer Kleinbus, der bei der Flüchtlingshilfe in Iwano-Frankiwsk zum Einsatz kommt – in Anwesenheit von Bischof Dr. Michael Gerber. Dazu gibt es einige dringend benötigte Stromgeneratoren.

Das Gebäude von Fuldas Partner-Caritas befindet sich in einem Risikogebiet, da sich nur rund einen Kilometer entfernt ein Militärflughafen befindet – automatisch ein mögliches Ziel für russische Raketen. In der Stadt selbst gebe es praktisch jeden Tag Stromausfälle über mehrere Stunden, von denen auch die Heizung betroffen ist.

Auf die Frage, was die Fuldaer konkret für die Menschen in der Ukraine tun können, antwortete Pfarrer Wolodymyr Chorniy kurz und pauschal: „Alles hilft.“ Beten für die Menschen im Kriegsgebiet. Einfach an sie denken. Spenden – egal ob Geld oder Hilfsgüter. Und auch beimThema Waffenlieferungen hat der Geistliche eine andere Meinung als viele Geistliche hierzulande.

Gruppenbild in Ukraine-Blau (von links): Nataliya Kozakevych, Markus Juch, Christof Steinert, Wolodymyr Chorniy, Elmar Gurk, Ivan Sohan, Roman Darmograi und Christian Scharf.
Gruppenbild in Ukraine-Blau (von links): Nataliya Kozakevych, Markus Juch, Christof Steinert, Wolodymyr Chorniy, Elmar Gurk, Ivan Sohan, Roman Darmograi und Christian Scharf. © Tobias Farnung

„Wir brauchen schwere Panzer unbedingt, um uns gegen die Russen zu verteidigen.“ Wie seiner Meinung nach ein Ende des Krieges aussehen könnte? „Nur, wenn sich Russland komplett aus der Ukraine zurückzieht, ist an ein Ende des Krieges zu denken. Das ist auch nicht verhandelbar.“

Die Delegation wurde nicht müde, ihre Dankbarkeit für die Hilfe und die Solidarität aus dem Bistum Fulda zum Ausdruck zu bringen. „Es hilft uns ungemein, zu wissen, dass wir nicht alleine sind.“ Dies unterstrichen auch die Gastgeber. „Wir waren von Anfang an in Gedanken bei euch“, formulierte Diözesan-Caritasdirektor Dr. Markus Juch.

Video: Fast acht Millionen Menschen aus Ukraine geflohen

Ähnlich formulierte es Generalvikar Prälat Christof Steinert: „Es ist wichtig, für den Frieden in der Ukraine zu beten. Es ist aber auch wichtig, all das für euch zu tun, was wir tun können“, sagte er. Die Verantwortlichen des Bistums stünden hinter den Menschen vor Ort.

Wie gut der Austausch den ukrainischen Gästen tut, zeigte sich an der Tatsache, dass sie trotz des großen Leids in ihrer Heimat eine Sache nicht verlernt haben – das Lachen, was sie während des rund zweistündigen Austauschs wiederholt unter Beweis stellten.

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