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Der Krieg im Klassenzimmer: Schulen bereiten sich auf Flüchtlingskinder aus der Ukraine vor

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Von: Sabrina Mehler, Sophie Brosch

Ein Kind meldet sich.
Der Ukraine-Krieg ist längst Thema in den Schulen in Fulda. (Symbolbild) © Marijan Murat/dpa

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ist längst Thema in den Klassenzimmern. Unter die Solidaritätsbekundungen mischt sich nun auch die Sorge, dass es zum Mobbing gegenüber russischen Schülern und Schülerinnen kommen könnte.

Fulda - Erst vor einigen Tagen hat das Marianum Fulda sein Schulgebäude blau und gelb illuminiert. Auf dem Sportplatz der Brüder-Grimm-Schule in Steinau an der Straße bildeten die Schüler und Schülerinnen ein riesiges Friedens-Zeichen. An vielen Fenstern in der Region kleben blau-gelbe Flaggen und Friedenstauben. Und flächendeckend gedachten die Schulgemeinden während einer Schweigeminute der Opfer.

An den Schulen geht der Krieg nicht spurlos vorbei: Er sorgt in Klassenzimmern und auf Pausenhöfen für Gesprächsstoff – zumal bereits jetzt insgesamt etwa 50 aus der Ukraine geflüchtete Kinder und Jugendliche Schulen im Landkreis besuchen. (Lesen Sie hier: „Die Hälfte sind Kinder unter 15 Jahren“ - Helfer aus Fulda über die Situation an der ukrainischen Grenze)

Ukraine-Krieg: Schulen in Fulda bereiten sich auf Flüchtlingskinder vor

Harald Persch, stellvertretender Leiter des Staatlichen Schulamts Fulda, erwartet in Kürze einen „sehr deutlichen“ Anstieg dieser Zahl. Trotzdem zeigt man sich am Schulamt entspannt: „Im Gegensatz zu und auch als Folge der Lage im Jahr 2015 sind unsere Schulen auf die Situation vorbereitet, so weit man auf ein solches Ereignis überhaupt vorbereitet sein kann.“ Heute stünden aus- und fortgebildete Lehrkräfte sowie Strukturen zur Verfügung, um die Kinder aufzunehmen und zu beschulen.

Persch weist unter anderem auf Intensivkurse, Intensivklassen und InteA-Klassen (Integration durch Anschluss und Abschluss) für ältere Jugendliche an der Richard-Müller-Schule hin. Allerdings sagt er: „Diese bestehenden Strukturen bei einer hohen Zahl ankommender Flüchtlinge schnell bedarfsgerecht hochzufahren, wird natürlich eine Herausforderung.“ Das Schulamt versuche, die Schulen bestmöglich zu unterstützen.

Persch berichtet, dass das „Kompetenzzentrum Schulpsychologie Hessen“ Infomaterialien an die Schulen versandt hat – unter anderem dazu, wie Lehrer und Lehrerinnen Diskriminierung entgegenwirken und wie sie reagieren können, wenn Kinder sich wegen der Nachrichten sorgen.

„Denn natürlich ist der Krieg auch Gegenstand des Unterrichts, keine Schule will diese Thematik ausblenden“, unterstreicht er. Außerdem stehe das schulpsychologische Team im Schulamt zur Verfügung, um im Bedarfsfall zu helfen. Auch die sozialpädagogischen Fachkräfte, die es an vielen Schulen gebe, seien jetzt hilfreich.

Dass viel Aufklärung und Fingerspitzengefühl nötig ist, wurde zuletzt auch an einer Schule im Bergwinkel deutlich. Eine Frau, die vor 20 Jahren aus Russland hierherkam und in der dortigen Mensa arbeitet, wurde beschimpft. Ein älterer Schüler hatte erklärt, dass er sie „jetzt eigentlich schlagen“ müsse. Ähnliche Fälle im Kreis Fulda sind Harald Persch nicht bekannt. Aber er sei realistisch und gewappnet, falls es auch hier ähnliche Fälle geben sollte.

„Wir erleben eine hohe Solidarität unter den Schülern“

Er unterstreicht: „Ich bin überzeugt, dass wir die Kinder und Jugendlichen in den Schulen gut aufnehmen können. Ich sehe uns als Schule in der Pflicht, dazu beizutragen, mit dem Schulbesuch wenigstens ein kleines Stück Normalität zu schaffen und unser Möglichstes zu tun, mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu helfen.“

Dazu ist auch die Bonifatiusschule am Aschenberg bereit. Dort können laut Direktor Christoph Pilz umgehend geflüchtete Kinder unterrichtet werden. „Wir können sie in unsere Intensivklassen aufnehmen, wo die betreuenden Lehrkräfte die Situation gemeinsam mit den Kindern aufarbeiten“, sagt er. Auch unter den Schülerinnen und Schülern der ersten Klasse habe der Ukraine-Konflikt bereits Gesprächsbedarf und Ängste ausgelöst. „Die Lehrkräfte haben das Thema daher im Unterricht behandelt“, erklärt Pilz.

Hessen

Für geflüchtete ukrainische Kinder und Jugendliche ist je nach Alter eine möglichst schnelle Aufnahme in die Schulen vorgesehen: Für fünf- bis sechsjährige Kinder in Vorlaufkursen in den Grundschulen, für sechs- bis 15-Jährige in Intensivklassen an allgemeinbildenden Schulen und für über 16-Jährige in Intensivklassen an beruflichen Schulen. Erste Anlaufstelle nach der Meldebehörde sind die in den Staatlichen Schulämtern eingerichteten Aufnahme- und Beratungszentren.

Derzeit besuchen rund 15.000 Schülerinnen und Schüler eine der 912 Intensivklassen in Hessen. Zum Vergleich: Im Rahmen der großen Zuwanderungswelle in den Jahren 2015 bis 2017 wurden zum Höhepunkt im Mai 2017 rund 28.000 Schülerinnen und Schüler in 1400 Intensivklassen beschult.

Nach Qualifizierungs- und Fortbildungsmaßnahmen verfügen mittlerweile 6000 Lehrkräfte in Hessen über die Qualifikation „Deutsch als Zweitsprache“, die einen verstärkten Einsatz in Intensivklassen ermöglicht. Dafür werden aktuell rund 2200 Stellen eingesetzt.

Außerdem stehe die Schule im Kontakt mit der AWO. Diese plane im Mehrgenerationenhaus in Kooperation mit der Kinderakademie eine Begegnung mit geflüchteten Kindern inklusive gemeinsamer Bastelstunde. „Wenn der Termin passt, möchten wir das Angebot gerne mit einzelnen Schulklassen wahrnehmen“, sagt Pilz. Ihm seien keine Fälle von Mobbing russisch-stämmiger Kinder an seiner Schule bekannt.

An der Bardoschule in Fulda sind laut Konrektor Matthias Hansche bisher auch keine geflüchteten Schüler aus der Ukraine eingetroffen. Das Schulamt prüfe derzeit umfassend die Bedingungen – zum Beispiel, ob es russischsprachige Lehrkräfte gebe. „Der Ukraine-Konflikt wird im Unterricht thematisiert. Wir haben einige russischstämmige Schüler, daher müssen wir sensibel mit der Thematik umgehen und keine Partei ergreifen – außer natürlich mit den Opfern.“

Video: Ukraine-Krieg: Kinder mit Nachrichten nicht allein lassen

Der Konrektor habe selbst bei den Schülerinnen und Schülern nachgefragt, ob es Mobbing-Vorfälle gebe. „Mobbing ist hier kein Thema. Wir erleben eine hohe Solidarität unter den Schülern“, sagt er. In der Pause verteilten Sozialarbeiter und Lehrkräfte Friedens-Zeichen und gestalteten gemeinsam mit den Schülern Plakate, welche anschließend in der Schule aufgehängt würden. „Es ist Aufgabe der Schule, an die Lebenswelt der Kinder anzuknüpfen. Daher ist es wichtig, dass wir das Thema aufgreifen“, erklärt Konrektor Hansche.

Auch die Aula der Wigbertschule in Hünfeld wurde in den vergangenen Tagen aus Solidarität in blaues und gelbes Licht getaucht. Die Schülerinnen und Schüler bastelten außerdem Friedenstauben. „An unserer Schule gibt es auch ukrainisch-stämmige Schüler.

Deren Eltern bitten ganz engagiert darum, dass die Schule aktiv wird und Sach- sowie Geldspenden sammelt“, berichtet Schulleiter Markus Bente. Er habe an seinem Gymnasium „Gott sei Dank“ noch keine Mobbingvorfälle gegenüber russisch-stämmigen Schülern bemerkt. „Ich würde massiv dagegen vorgehen, wenn ich etwas Derartiges bemerken würde.“

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