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Mehr als ein Jahr Wartezeit: Ukraine-Krieg verschärft Engpässe bei Neuwagen

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Von: Daniel Krenzer

Neuwagen auf einem Transportfahrzeug.
Autokäufer müssen sich derzeit auf lange Wartezeiten einstellen. (Symbolbild) © Hendrik Schmidt/dpa

Viele Autokäufer müssen derzeit lange auf ihren Neuwagen warten. Und da nun zur Chipkrise noch der Ukraine-Krieg hinzukommt, dürfte sich die Lage eher zuspitzen als entspannen.

Fulda - Die allermeisten Autohersteller sind von den Problemen betroffen, jedoch nicht mit sämtlichen Modellen. Grundsätzlich gilt: Je mehr Elektronik in einem Fahrzeug verbaut ist, desto höher ist das Risiko, dass es zu Lieferverzögerungen kommt. Bei einigen Elektroautos und Plug-in-Hybriden fällt dies besonders schwer ins Gewicht, die Wartezeiten betragen mitunter mehr als ein Jahr.

Das wiederum kann zum Problem werden, wenn man fest mit der Umweltprämie geplant hat und diese nun unsicher ist. Denn wie es mit der ab 2023 weitergeht, ist derzeit noch ungewiss – auf jeden Fall sollen die Kriterien dafür aber strenger werden. (Lesen Sie hier: Engpässe in Elektronikbranche: Bei diesen Produkten kommt es zu langen Wartezeiten)

Da das Zulassungsdatum der Stichtag für die Prämie ist und nicht der Tag der Bestellung, bangen nun viele Autokäufer darum, ob das Fahrzeug rechtzeitig beim Händler eintrifft. Und wie unter anderem der ADAC berichtet, fallen die Rabatte der Händler zunehmend geringer aus, da diese nicht aus den Vollen schöpfen können.

Ukraine-Krieg verschärft Engpässe bei Neuwagen - Wartezeit über ein Jahr

„Durch die hohe Nachfrage nach Elektromobilität sind die Lieferzeiten bei den Volkswagen-Modellen ID.3 und ID.4 sowie Audi Q4 und Q4 Sportback aktuell am längsten“, bestätigt Niclas Deisenroth, Mitglied der Geschäftsführung vom gleichnamigen Autohändler mit Filialen in Hünfeld und Alsfeld. Mit derzeit einem Jahr Wartezeit müsse bei diesen Modellen gerechnet werden. „Die Liefersituation ist generell sehr volatil und kann sich schnell ändern“, führte er aus – kurz bevor der Krieg in der Ukraine begann.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie stimmt auf Rohstoffmangel und höhere Preise ein: „Der Krieg sorgt für zusätzliche große Unsicherheit beim Import von Rohmetallen und metallhaltigen Vorstoffen“, sagt BDI-Präsident Siegfried Russwurm. Unter anderem bei Komponenten für die E-Mobilität könnte es enger werden. Und: „Wir müssen mit weiteren empfindlichen Preissteigerungen rechnen.“

Der Chef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Peter Adrian, warnte bereits vor Lieferverzögerungen bei Autos wegen ausbleibenden Palladiums aus Russland. Das Element wird für Katalysatoren benötigt.

„Wir haben uns unlängst an diese Situation gewöhnt und kontaktieren beispielsweise unsere Kunden, deren Leasingfahrzeug auslaufen wird, nun deutlich früher. Zudem verlängern wir bei Lieferverzögerungen die aktuell laufenden Leasingverträge unserer Kunden ganz unbürokratisch oder halten Neukunden mit unserem Mietfuhrpark mobil“, führte Deisenroth zudem aus.

Gebrauchtwagen

Der Mangel an Neufahrzeugen schlägt sich zunehmend auch auf dem Gebrauchtwagenmarkt nieder. Zum einen sind – abhängig von Fahrzeugalter und Antriebsart – weniger Fahrzeuge verfügbar. Zum anderen steigen die Preise aufgrund der gestiegenen Nachfrage.

Bei Fahrzeugen, auf die neu sehr lange gewartet werden muss, werden für junge Gebrauchte oder Vorführwagen mitunter höhere Preise als für die Neufahrzeuge aufgerufen. Sie sind schließlich direkt verfügbar – und offenbar gibt der Markt das derzeit her.

Zwar gibt es auf dem Gebrauchtwagenmarkt zunehmend Elektroautos und Plug-in-Hybride, da bei ersteren die Entwicklung aber rasch voranschreitet sowie keine Prämie mehr eingestrichen werden kann und bei letzteren die zukünftige umweltpolitische Bewertung offen ist, verkaufen sie sich schleppend und oft mit niedrigerem Restwert als angenommen.

Insgesamt setzt der Gebrauchtwagenmarkt deutlich mehr Fahrzeuge ab als noch vor ein paar Jahren, doch zuletzt meldete das Kfz-Gewerbe Hessen, dass mehr als die verkauften 140.000 Fahrzeuge 2021 möglich gewesen wären – hätten denn die gesuchten Fahrzeuge zur Verfügung gestanden.

Auch das BMW-Autohaus Krah & Enders in Fulda bestätigt, dass mit dem I4 vor allem auf ein vollelektrisches Modell länger als ein Jahr gewartet werden muss. Laut Geschäftsführer Peter Enders käme es aber zudem bei den sportlichen Modellen M3 und M4 zu etwa einem Dreivierteljahr Wartezeit.

„Je nach Ausstattung sind die restlichen Modelle im Schnitt innerhalb von zwei bis drei Monaten verfügbar“, berichtet Enders und gibt zu bedenken: „Die persönliche Beratung vor Ort ist momentan wichtiger denn je, da wir hier sehr gut aufgestellt sind, haben die Beratungstermine zugenommen.“

Video: Keine Mikrochips oder Förderprogramme: Autoverkauf geht zurück

Deisenroth empfiehlt Kaufinteressenten, sich frühzeitig mit dem Thema auseinanderzusetzen, stellt aber fest: „Die Kunden sind insgesamt sehr gut informiert und stellen sich auf diese Situation ein. Alles in allem versuchen wir für jeden Einzelfall eine Mobilitätslösung zu finden, was uns in den allermeisten Fällen auch sehr gut gelingt.“

Und auch Peter Enders empfiehlt: „Bei jedem Fahrzeugkauf, der ansteht, sollten man frühzeitig einen Beratungstermin vereinbaren, um alle Möglichkeiten durchzusprechen. Abgewägt werden muss: Soll es ein sofort verfügbarer Lagerwagen sein? Oder wird die Wartezeit in Kauf genommen, um die persönliche Wunschausstattung zu erhalten?“

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