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Reha-Klinik Wüsthofen behandelt drei Ukraine-Kriegsopfer - Patienten erzählen von ihrem Schicksal

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Von: Volker Nies

Die drei ukrainischen Patienten der Reha-Klinik-Wüsthofen möchten ihr Gesicht nicht zeigen, weil sie Repressalien durch den russischen Staat befürchten. Hier sprechen sie mit Oberarzt Tomasz Opieczonek (links) und Chefarzt Kartz-Bogislav Baller.
Die drei ukrainischen Patienten der Reha-Klinik-Wüsthofen möchten ihr Gesicht nicht zeigen, weil sie Repressalien durch den russischen Staat befürchten. Hier sprechen sie mit Oberarzt Tomasz Opieczonek (links) und Chefarzt Kartz-Bogislav Baller. © Volker Nies

Die drei Männer hatten Glück. Obwohl sie im Ukraine-Krieg schwer verletzt wurden. Russische Bomben und Granaten trafen sie. Aber sie überlebten. Sie kamen nach Deutschland, wurden im Klinikum Fulda operiert. Jetzt werden sie in der Reha-Klinik Wüsthofen umsorgt.

Bad Salzschlirf - Der Krieg schien weit weg, als der Arbeiter Oleg (58) am 8. April in seiner Heimatstadt Lyssytschansk in der Ostukraine über die Straße ging. Doch ohne Vorwarnung tauchte ein russisches Flugzeug über ihm auf. Der Pilot schoss auf ihn – und verletzte ihn.

Jetzt sitzt er im Frühstücksraum der Reha-Klinik Wüsthofen in Bad Salzschlirf – und erzählt. Oleg und die zwei ukrainischen Soldaten, die bei ihm sitzen, möchten ihre Familiennamen nicht nennen und auch ihr Gesicht nicht zeigen, denn sie fürchten Repressalien durch den russischen Staat – gegen sie oder ihre Familien. Bei Oleg lebt die Mutter noch in der Ukraine.

Oleg erzählt vom Tag, der sein Leben veränderte: „Bei dem Beschuss haben Granatsplitter Nerven in meinem rechten Arm durchtrennt. In meiner Heimatstadt wurde ich einmal, in Lemberg zweimal operiert.“ Doch der Zustand seines Arms besserte sich nicht. Deshalb schickten ihn Ärzte nach Deutschland. (Lesen Sie auch: Ukraine: Künstlerin Sofiya Reznichenko aus Kiew stellt in Fulda aus)

Ukraine: Reha-Klinik im Kreis Fulda behandelt Kriegsopfer - Patienten berichten

Im Klinikum Fulda wurde er ein viertes Mal operiert. Mit Erfolg. „Wir haben die berechtigte Hoffnung, dass der Nerv nicht ganz zerstört ist und Oleg den Arm wieder einsetzen kann“, sagt Dr. Kartz-Bogislav Baller (61), Chefarzt der Rehaklinik Wüsthofen. Er kümmert sich persönlich um die Kriegspatienten – ohne gesonderte Berechnung.

Das Übersetzen übernimmt Oberarzt Tomasz Opieczonek (62), der in Polen aufgewachsen ist und fast so gut russisch spricht wie die drei Ukrainer. Baller berichtet: „Ich war 14 Jahre lang Arzt bei der Bundeswehr. Wir haben uns jetzt überlegt, wie wir in diesem Krieg helfen können. Unser Entschluss: Wir kümmern uns um Kriegsopfer, die nach einer Operation in Deutschland eine Reha brauchen.“

Baller hat bei der Bundeswehr viele schlimme Verletzungen gesehen, aber die Wunden der drei Männer aus der Ukraine haben ihn erschüttert. „Die Munition konventioneller Waffen verursacht heute viel größere Wunden. Früher gab es den glatten Durchschuss eines Arms. Wenn heute ein Hochgeschwindigkeitsgeschoss einen Arm trifft, wird dieser unglaublich stark geschädigt.“

Bei dem Beschuss wurden 20 meiner Kameraden getötet. Ich habe überlebt.

Juri (33), Ukrainischer Patient

Schwer verletzt wurde der Soldat Juri (33) in der Hafenstadt Mariupol in der Südukraine – die Stadt, die Schlagzahlen machte, als ukrainische Soldaten in einem Stahlwerk gegen russische Angreifer heroischen Widerstand leisteten.

Schon am 3. März wurde Juri in seiner Heimatstadt verletzt. Beide Beine wurden zertrümmert, das rechte Bein wurde noch am gleichen Tag amputiert. „Mit 50 Kameraden war ich in Frontnähe unterwegs, als wir von zwei russischen Panzern entdeckt und beschossen wurden. Auch russische Kampfjets griffen uns an. 20 Kameraden wurden getötet, mehrere wurden verletzt. Ich wurde zwar schwer verletzt, aber ich habe überlebt.“

Juri hat danach noch einmal Glück. Denn das Krankenhaus in Mariupol, in dem er behandelt wurde, wurde dann von russischen Truppen besetzt. Den Ärzten und ihm gelang es, die Russen glauben zu machen, dass Juri Zivilist sei. Er konnte das Krankenhaus verlassen. Mit dem Krankenwagen wurde er an die polnische Grenze und dann ins Klinikum Fulda gebracht. Die Ärzte kümmerten sich um das zertrümmerte linke Bein, denn es fing an, falsch zusammenzuwachsen.

In Bad Salzschlirf wartet Juri jetzt auf seine Beinprothese und die Geh-Schule. Er hadert nicht mit seinem Schicksal: „Ich bin Soldat. Ich wusste, welches Risiko ich eingehe.“ Täglich telefoniert er mit seiner Frau und der neun Jahre alten Tochter. (Lesen Sie auch: Fulda: Im Grillrestaurant Kneshecke arbeitet ein aus der Ukraine geflohener Koch)

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Mit schwersten Bauch- und Brustverletzungen kam Vladyslav (23) ins Klinikum Fulda. Er war erst seit sieben Monaten Berufssoldat gewesen, als Russland die Ukraine angriff. Mit seiner Einheit war er am 8. März in der Stadt Chmelnyzkyj in der Nähe der Swerdlowsk in der Ostukraine im Einsatz, um einen Transportweg zu schützen.

„Plötzlich tauchten russische Panzer auf, die uns mit Splitterbomben beschossen. Ich wurde mehrfach getroffen, verlor viel Blut und wurde bewusstlos.“ Ukrainische Ärzte wollten schon einen Arm abnehmen, aber schickten ihn dann doch nach Deutschland. Seine Eltern brachten ihn nach Fulda. Hier wurde er operiert, der Arm wurde gerettet. In Bad Salzschlirf wird er jetzt langsam wieder aufgepäppelt.

Alle drei sind sehr dankbar: – dafür, dass ihnen in Deutschland geholfen wird und für die professionelle und zugewandte Hilfe in der Klinik Wüsthofen, die in einem Insolvenzverfahren steckt, aber weiter Patienten behandelt, auch aus der Ukraine. „Ich habe viele Kliniken bundesweit angeschrieben und ihnen angeboten, dass wir nach einer OP die Reha übernehmen können“, berichtet Baller.

Schon 22 Ukrainer im Klinikum Fulda operiert

Die drei Reha-Patienten in Bad Salzschlirf waren im Klinikum Fulda operiert worden. Seit Beginn des Krieges wurden im Klinikum insgesamt 70 Patienten aus der Ukraine stationär und 96 ambulant behandelt, darunter wurden 22 Patienten operiert. Das berichtet Klinikum-Sprecherin Barbara Froese.

Die Zuweisung der Kriegsverletzten erfolgt bundesweit durch das Gemeinsame Lagezentrum (GMLZ) in Berlin, das die Strukturen des Corona-bewährten „Kleeblattsystems“ nutzt. In Hessen erfolgt die weitere Koordination über den „Landesplanungsstab Stationäre Versorgung“, der ebenfalls in die Aktivitäten zur Corona-Pandemie eingebunden war, erläutert Froese. Die meisten Patienten aus der Ukraine, die das Klinikum bisher behandelt hat, sind in privaten Autos nach Fulda gekommen.

Landkreis Fulda zahlt Reha-Behandlung

Die Kosten für die Reha-Behandlung der drei Ukrainer in Bad Salzschlirf übernimmt jetzt erst einmal der Landkreis Fulda. Er will die Kosten aber weitergeben.

„Aktuell hat der Landkreis Fulda eine Kostenübernahmeerklärung für drei kriegsverletzte Personen aus der Ukraine unterzeichnet. Er wird damit für die Behandlungskosten in Vorleistung gehen“, sagt Kreissprecherin Lisa Laibach. „Es ist nämlich noch zu klären, ob die Personen erwerbsfähig sind oder nicht. Danach richtet sich, wer für die Behandlungskosten aufkommt.“

Für erwerbsfähige Personen zahlen die gesetzlichen Krankenkassen, für nicht erwerbsfähige Personen der Landkreis Fulda. In letzterem Fall wird der Landkreis Fulda die Kosten bei Land und Bund einfordern. Ob eine Erstattung erfolgt, dazu müssen sich das Land und der Bund aber noch äußern, sagt Landkreis-Sprecherin Laibach. (Lesen Sie auch: Wer Ukraine-Flüchtlinge aufnimmt, bekommt Zuschuss vom Staat)

Das Klinikum stellt sich darauf ein, weitere Patienten aus dem Kriegsgebiet zu versorgen. „Für die Versorgung von Patienten aus der Ukraine sind wir gut aufgestellt“, sagt Froese. Als ein Krankenhaus der Maximalversorgung und überregionales Traumazentrum verfüge das Klinikum Fulda über zahlreiche Kliniken und Zentren, die auch Kriegsverletzte gut versorgen können. Über die bundes- und landesweiten Netzwerke ist das Klinikum in die Koordination der Versorgung eingebunden. Inwiefern und in welchem Umfang weitere Patienten aus der Ukraine ins Klinikum kommen, sei aber nicht abzusehen.

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