1. Fuldaer Zeitung
  2. Fulda

„Meine Universität wurde zerbombt“ - Ukrainische Studentinnen fliehen für ihre Ausbildung nach Fulda

Erstellt:

Von: Sophie Brosch

Karyna Kravchenko (links) und Ivanna Haiduk studieren nun in Fulda.
Karyna Kravchenko (links) und Ivanna Haiduk studieren nun in Fulda. © Sophie Brosch

Sie sind nach Deutschland gekommen, weil sie in ihrer Heimat die Perspektive verloren haben. An der Hochschule in Fulda können die Ukrainerinnen Ivanna Haiduk und Karyna Kravchenko (beide 22) ihr Studium fortsetzen – jedoch nicht ohne Gedanken an ihre Familien und ihr Zuhause.

Fulda - Ivanna Haiduk und Karyna Kravchenko sind beide kurz nach Kriegsbeginn aus ihrer Heimat, der Ukraine, über Polen bis nach Fulda geflohen. Ivanna stammt aus Lviv und studierte in Kiew Philosophie und Religionswissenschaften. Karyna lebte in Charkiw, wo sie Biotechnologie studierte.

Sie haben ihre Heimat und ihre Familien zurückgelassen, um ihre Ausbildung hier fortzusetzen. Beide haben bereits einen Bachelor-Abschluss und sind nun in einem Programm der Hochschule Fulda untergekommen, das sie auf ein Masterstudium vorbereiten soll. Zunächst sind die beiden damit beschäftigt, Deutsch zu lernen. (Lesen Sie hier: Dipperz statt Dnepr - im Grillrestaurant Kneshecke arbeitet ein aus der Ukraine geflohener Koch)

Ukraine: Studentinnen flüchten nach Fulda - „Meine Universität wurde zerbombt“

Im Interview sprechen Ivanna Haiduk und Karyna Kravchenko über die Ukraine, über Fulda und ihre Ziele.

Haben Sie sich gut in Fulda eingelebt?

Ivanna Haiduk: Ja, ich habe hier viel Unterstützung erfahren und bin dafür sehr dankbar. Ich wohne in einem Studentenwohnheim und verstehe mich gut mit meiner Mitbewohnerin. Meine Freunde, die hier schon länger leben, haben mir alles an der Hochschule gezeigt – zum Beispiel Bibliothek und Mensa – und mir auch ein paar Leute vorgestellt. Fulda gefällt mir gut, vor allem die Architektur und die Sehenswürdigkeiten. Hier gibt es viel zu entdecken, das gibt mir neue Kraft.

Karyna Kravchenko: Ich bin mit meiner Mutter in eine Wohnung einer deutschen Familie in Sickels gezogen. Wir sind froh, eine Unterkunft gefunden zu haben. Im Haus leben noch andere Familien, die sehr hilfsbereit sind und mit denen ich Deutsch sprechen kann. Wenn man ein paar Leute kennt, hat man schneller das Gefühl, angekommen zu sein.

Wann sind Sie nach Fulda gekommen? Wie lief Ihre Flucht ab?

Haiduk: Es war schrecklich. Ich bin mit meinen Cousins eine Woche nach Kriegsbeginn geflohen. Ich komme aus Lviv, das liegt im Westen der Ukraine. Als ich die polnische Grenze überqueren wollte, habe ich für einen Kilometer zehn Stunden gebraucht, weil alles so überfüllt und chaotisch war. Es waren viele Autos und Menschen unterwegs – man konnte sich nirgendwo hinsetzen.

In Polen bin ich zwei oder drei Tage geblieben, dann ging es weiter mit Zug und Bus nach Fulda, wo ich bei Freunden unterkam. Die Flucht hat mich sehr viel Kraft und Anstrengung gekostet. Ich wusste vorher nicht, was mich hier erwartet – aber zu Hause hatte ich keine Perspektive.

Kravchenko: Mein Vater hat gesagt, dass ich das alles nicht miterleben und mit meiner Mutter fliehen soll. Meine Mutter wollte erst nicht weg und ist bei ihm geblieben. Ich bin mit dem Zug nach Lviv gefahren. Dort waren viele Menschen, teilweise in Panik. Viele wussten nicht, was sie tun sollen. Freiwillige halfen, wo sie konnten. Manche der Geflüchteten wurden in Camps aufgenommen, aber dort gab es nicht genug Betten – die Leute mussten teilweise auf dem Boden schlafen.

Mit dem Bus bin ich weiter nach Polen, wo ich etwa eine Woche mit Freunden geblieben bin. Wir dachten, dass der Krieg vielleicht in ein paar Tagen wieder vorüber wäre. Dann haben wir uns entschieden, nach Deutschland zu gehen. Über Frankfurt bin ich schließlich nach Fulda gekommen. Dort habe ich Leute gefunden, die mir eine Unterkunft vermitteln konnten. Meine Mutter kam drei Tage später nach.

Vorbereitungskurs

Ukrainische Flüchtlinge können an der Hochschule Fulda kostenlos am „Pre-Study“ Programm teilnehmen. In diesem Vorbereitungsprogramm werden Deutschkurse vom Anfänger- bis DSH-Niveau, welches für das Studium an einer deutschen Hochschule benötigt wird, angeboten. Die Studierenden können außerdem Grundlagen im wissenschaftlichen Arbeiten erlernen und mehr über Leben und Studieren in Deutschland erfahren. Gleichzeitig wird geprüft, ob sie sich bisher erbrachte Studienleistungen anrechnen lassen können.

Laut Julia-Sophie Rothmann, Leiterin des International Office der Hochschule Fulda, eignen sich die Sprachkurse an der Hochschule für Studierende besonders, da man die Sprache in kleinen Gruppen intensiv lernt und so schneller Fortschritte machen kann. Die Studierenden werden außerdem dabei unterstützt, einen für sie geeigneten Studiengang zu finden.

Wie ist die Situation in Ihrer Heimat aktuell?

Kravchenko: In Charkiw fallen jeden Tag Bomben – morgens, mittags, nachts. Es ist unvorstellbar zu sehen, wie Orte, die mir wichtig sind, zerstört werden. Wenn ich mit meinen Eltern und Freunden telefoniere, höre ich Kampfflugzeuge im Hintergrund. Sie sagen, dass sie sich daran gewöhnt haben und es unsere Soldaten sind, die uns beschützen. Mich würde das verrückt machen – ich verstehe gar nicht, wie sie den Überblick behalten können, wer da fliegt.

Als ich noch dort war, hieß es erst, dass sie nur eine Verteidigungsübung durchführen – dann wurde ich um vier Uhr morgens von Sirenen geweckt und es herrschte Krieg. Man sucht nach Informationen im Internet, aber dort gibt es viele verschiedene, teils widersprüchliche Auskünfte.

Haiduk: Ich habe zu Hause nicht viel vom Krieg mitbekommen. Meine Familie hat mir aber erzählt, dass seit zwei Wochen auch in Lviv Bomben fallen und man stundenlang Sirenen hört. Ich habe am Anfang noch ehrenamtlich geholfen, aber wollte meine persönliche Zukunft nicht aufs Spiel setzen und alles dem Krieg unterordnen. Zu Hause gibt es gerade keinen Zugang zu Bildung – alle Kräfte sind auf den Krieg ausgerichtet.

Haben Sie an der Hochschule Kontakt mit Studierenden aus Russland? Gibt es Konflikte?

Kravchenko: Nein, ich hatte hier bisher keinen Streit. Ich habe ein paar Russen getroffen, die schon länger in Deutschland leben. Ganz Sickels kommt gefühlt aus Kasachstan (lacht). Sie haben mir ihre Hilfe und Unterstützung angeboten. Auch in Polen haben uns viele Freiwillige geholfen. Der Krieg findet zwischen den Regierungen statt, und die Bürger leiden darunter – auf beiden Seiten.

Haiduk: Ich habe auch von vielen Deutschrussen gehört, die Menschen aus der Ukraine bei sich aufgenommen haben.

Video: Unterwegs mit dem Hilfskonvoi an die polnisch-ukrainische Grenze

Können Sie sich vorstellen, länger in Deutschland zu bleiben?

Haiduk: Das hängt von den Entwicklungen zu Hause ab. Wenn der Krieg zu Ende ist, ist nicht alles wieder wie vorher. Wir müssen das Land wiederaufbauen und das braucht Zeit – wahrscheinlich viele Jahre – und Geld. Hier können wir von vorne beginnen und uns etwas aufbauen, neue Kontakte knüpfen. Es ist schwer zu sagen, was die Zukunft bringt. Ich bleibe aber optimistisch: Wir lernen jetzt erst einmal Deutsch und können dann an der Hochschule in ein Masterprogramm einsteigen – das sind gute Zukunftsaussichten.

Kravchenko: Meine Heimatstadt wurde zur Hälfte zerbombt, viele Leute haben ihr Zuhause verloren. Unser Haus wurde zum Glück noch nicht beschädigt, aber ich weiß nicht, wie es nächste Woche oder nächsten Monat aussieht. Meine Uni ist zerbombt, die Labore sind zerstört – da kann ich nicht studieren. Auch in Kiew sind die Unis beschädigt, also muss ich mein Studium in Deutschland beenden. Es ist schwierig, etwas zu planen, weil die Lage so dynamisch ist.

Haiduk: Vielleicht dauert der Krieg – mit ein paar Unterbrechungen – noch Jahre. Wir sind uns sicher, dass Russland nicht einfach nachgeben wird. Wir bleiben aber optimistisch und hoffen das Beste für unsere Familien, unser Zuhause und die Ukraine.

Hinweis: Das Interview mit Ivanna Haiduk und Karyna Kravchenko ist zuerst in der Printausgabe der Fuldaer Zeitung vom 18. Mai sowie im E-Paper erschienen. Äußerungen zum Kriegsgeschehen beziehen sich auf diesen Tag.

Auch interessant