Auf diesem Bahnsteig rutschte Sophia 2010 aus.
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Auf diesem Bahnsteig rutschte Sophia 2010 aus.

5000 Euro aus Kulanz

Die Bahn bleibt im Todesfall Sophia hart – Mutter verzichtet nach Unglück in Neuhof auf weitere Prozesse

  • Sebastian Reichert
    vonSebastian Reichert
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Über Jahre hat das Unglück in Neuhof, bei dem Sophia (16) 2010 auf einem eisglatten Bahnsteig vor einen einfahrenden Zug gestürzt war, die Justiz beschäftigt. Das Landgericht Fulda sah schwere Pannen bei der Bahn. Jetzt, ein Jahr nach dem Strafprozess, endet die juristische Aufarbeitung endgültig. 

Neuhof/Fulda - „Ich bin maßlos enttäuscht. Denn die Entscheidung des Landgerichts Fulda im Oktober 2019 war eindeutig. Aber die Bahn will jetzt nicht für ihre Fehler einstehen“, beklagt Verena Heil-Ruppel (62). Ihre Tochter Sophia war am Bahnhof in Neuhof auf einem eisglatten Bahnsteig vor einen einfahrenden Zug gerutscht.

Unglück in Neuhof: Bahn bleibt hart im Fall Sophia – Mutter auf weitere Prozesse

Das Landgericht Fulda hatte  vor einem Jahr gegen vier Männer wegen fahrlässiger Tötung verhandelt. Nach zehn Prozesstagen stellte es den Prozess ein: Der Chef einer Winterdienst-Firma musste 3600 Euro, drei Bahn-Mitarbeiter mussten jeweils 1200 Euro an gemeinnützige Organisationen zahlen. 

Die Kammer begründete die Einstellung damit, dass es schwer gewesen sei, in der Gemengelage verschiedener Bahngesellschaften und mehrerer Subunternehmen und Sub-Sub-Unternehmen eine persönliche Schuld festzustellen. In Richtung des Konzerns sprach der Vorsitzende Richter Josef Richter aber deutliche Worte:

Sophia-Prozess: Bahnsteig war nicht ausreichend geräumt und gestreut

Die Verhandlung habe hinreichende Hinweise ergeben, dass der Bahnsteig nicht ausreichend geräumt und gestreut gewesen sei. Dabei habe ein Bahnsteig – und vor allem ein baufälliger und vielen Schülern benutzter Bahnsteig wie in Neuhof – besonders intensiv kontrolliert werden müssen.

Das sei offenbar nicht erfolgt. Insgesamt sei die Organisation des Winterdienstes durch die Bahn mangelhaft gewesen. Im Grundsatz haftet ein Unternehmen, wenn es in ihrem Verantwortungsbereich zu Fehlern kommt. Dabei muss – anders als im Strafverfahren – keinem Mitarbeiter ein persönliches Verschulden nachgewiesen werden. 

Auf diesen Grundsatz baute Sophias Mutter, als sie nach Abschluss des Strafverfahrens vor einem Jahr zivilrechtlich Schadenersatzansprüche gegen die Bahn erhob. Vertreten wurde sie dabei – wie im Strafprozess – von dem Fuldaer Rechtsanwalt Rudolf Karras.

Bahn will aus Kulanz nach Unglück in Neuhof nur 5000 Euro zahlen

In den Verhandlungen um Schadenersatz zeigte sich die Bahn unnachgiebig. Sie war sich lediglich bereit, aus Kulanz – also ohne Anerkennung einer Schuld – 5000 Euro zu zahlen. Der Konzern erklärte, er halte die Forderung nach Schmerzensgeld und Schadensersatz für verjährt, außerdem sehe er nach Durchsicht der Akten keine Schuld bei dem Unternehmen.

„Das bedeutet: Die Bahn wollte das ganze Buch noch einmal aufmachen, also das gesamte Verfahren noch einmal aufrollen“, erklärt Anwalt Karras. Die Feststellungen des Landgerichts im Strafverfahren sei im Zivilverfahren keine Hilfe.

„Das Landgericht hat das Verfahren gegen die Mitarbeiter der Bahn eingestellt. Das bedeutet: Die Frage des Verschuldens ist ausdrücklich nicht geklärt. Niemand ist verurteilt worden“, erläutert Karras. Eine zivilrechtliche Auseinandersetzung hätte nach seiner Einschätzung damit mindestens zwei Jahre gedauert – nach zehn Jahren Kampf im Strafverfahren.

Sophias Mutter erkämpfte nach dem Unglück im Jahr 2010 einen Prozess.

Auf seinen Rat entschied Verena Heil-Ruppel deshalb jetzt, das Angebot der Bahn anzunehmen und keinen weiteren Prozess anzustrengen.  „Ich habe Wut im Bauch, denn die Bahn hat sich in all den Jahren nie ihrer Verantwortung gestellt. Sie hat von Anfang an versucht, alle Pannen und Fehler unter den Teppich zu kehren“, sagt Heil-Ruppel.

„Aber für ein weiteres Verfahren fehlt mir jetzt die Energie. Ich müsste noch einmal Geld, Zeit und Kraft investieren. Das tue ich mich nicht mehr an. Ich will mich jetzt um mein Enkelkind kümmern, die Tochter von Sophias Schwester. Sie ähnelt Sophia in so vielem.“

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