Die Stadtregion Fulda war am Wochenende am stärksten vom Unwetter betroffen.
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Die Stadtregion Fulda war am Wochenende am stärksten vom Unwetter betroffen.

Wassermassen über Petersberg

Meteorologe nennt Gründe für Starkregen in Fulda - Vergleichbares Phänomen vor 19 Jahren

  • Anke Zimmer
    vonAnke Zimmer
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Oliver Reuter hat das Unwetter am Samstag kommen sehen. „Wo es so richtig happig wird, war aber lange nicht vorherzusagen“, erklärt der Diplom-Meteorologe aus Arzell. Nun, bekanntlich traf es Fulda. 

Fulda/Arzell - Alle Zutaten für ein Drei-Sterne-Gewitter waren vorhanden, sagt Oliver Reuter aus Arzell im Gespräch mit unserer Zeitung. Die hohen Temperaturen der vorherigen Tage, die extrem feuchten Luftmassen. Und dann die Tiefdruckrinne, in der die Luft zusammenströmt. „Dadurch kommt es zu einer erzwungenen Hebung“, formuliert der Fachmann, was der Laie als Gewitter kennt, das auf die Schwüle folgt.

Dass es dabei ungewöhnlich heftig regnen würde, war ihm anhand der Daten, die er zuvor gesammelt hatte, also klar. Nur wo die Wassermassen herunterkommen würden, blieb am Samstag lange die heikle Frage. Bis 17.45 Uhr. „Da zeigte es sich, dass sich der Intensitätshöhepunkt genau über Fulda befinden würde“, so der Diplom-Meteorologe. Im Minutentakt habe er die Entwicklung ab diesem Zeitpunkt verfolgen können. Was sich schließlich über Petersberg, Künzell und der Barockstadt entlud, war aber schon außergewöhnlich. Rund 300 Einsätze gab es in der Stadtregion Fulda wegen des Unwetters, was auch der Feuerwehr-Chef Thomas Helmer so noch nie erlebt hat.

Unwetter in Fulda: Alle Zutaten für ein Drei-Sterne-Gewitter vorhanden - Meteorologe nennt sein „Highlight“

Ein „Highlight“ des Samstags für den Diplom-Meteorologe: Die Messungen von Osthessen-Wetter.de zeigen, dass in Petersberg 50 Liter pro Quadratmeter innerhalb von dreißig Minuten fielen, und zwar genau zwischen 18.10 Uhr und 18.40 Uhr. Im Verlauf einer Stunde, also dem allgemein üblichen Zeitmesser, waren es fast 70 Liter. „In Großenlüder oder Tann hingegen: kaum ein Tropfen“, fügt Reuter hinzu.

„Normalerweise ist die Rhön gerne für derartige Phänomene zu haben“, betont der Meteorologe mit einem Augenzwinkern. „In Arzell, wo ich lebe, hatten wir vor 19 Jahren ein vergleichbares Ereignis.“ Wie sich ein Unwetter aufbaut, auf einen Punkt konzentriert und Wasser in rauen Mengen auf die Erde prasseln lässt, das dann in tiefere Lagen wie etwa das Bermudadreieck abfließt, „war am Samstag in Fulda perfekt zu beobachten“.

Niederschläge

Osthessen-Wetter hat in einer Stunde folgende Niederschlagsmengen gemessen:

Petersberg: 69,6 Liter
Künzell: 52,7 Liter
Seiferts: 45,2 Liter
Wüstensachsen: 18,5 Liter
Arzell: 16,2 Liter
Steinbach: 15,8 Liter
Langenbieber: 14,7 Liter
Eiterfeld: 11,0 Liter
Bad Salzschlirf: 7,6 Liter
Schlitz: 6,9 Liter
Müs: 2,4 Liter
Bimbach: 1,8 Liter
Tann: 0 Liter
Blankenau: 0 Liter

Am Montag warnt der Deutsche Wetterdienst per Vorabinformation vor weiteren schweren Gewittern im Kreis Fulda. Die Warnung wurde für den Zeitraum zwischen 13 Uhr und 0 Uhr ausgesprochen.

Video: Extreme Unwetter mit Sturzfluten auch in dieser Woche

„Beeindruckt vom Einsatz“ - Fuldas Oberbürgermeister im Kurzinterview zum Unwetter

Fuldas Oberbürgermeister Heiko Wingenfeld hat mit unserer Zeitung darüber gesprochen, wo und wie ihn das Unwetter persönlich erwischte und wie er die Arbeit in der Leitstelle an diesem Wochenende erlebte.

Wo und wie hat Sie persönlich das Unwetter erwischt?
Ich war gerade auf der Zug-Rückfahrt von einer Wandertour in Süddeutschland. Als wir in Würzburg waren, erfuhren wir, dass Fulda vom Unwetter heimgesucht wurde, die Dimension war mir da aber noch nicht bekannt. Kurz vor Fulda hieß es dann, dass der Bahnhof unter Wasser stünde. Da wird man schon unruhig. Dort angekommen, war es zum Glück nicht ganz so dramatisch, ich trug noch meine Wanderkluft und konnte deswegen durch das Wasser waten. Nasse Füße habe ich aber schon bekommen. Ich fuhr dann erst heim und anschließend in die Leitstelle.
Wie haben Sie die Arbeit in der Leitstelle in dieser besonderen Situation erlebt?
Dort lief die Arbeit hochgradig professionell und besonnen ab, ich war sehr beeindruckt von dem Einsatz der Kameradinnen und Kameraden. Auch diejenigen, die schon seit vielen Jahren dabei sind und enorm viel Erfahrung haben, sagten mir, dass sie einen solchen Einsatz in dieser Dimension noch nie erlebt hätten. Ich übrigens auch nicht, und ich kann mich noch gut an den Sturm Kyrill erinnern... Deswegen gilt mein Dank und meine Hochachtung den Wehren, den Hilfsorganisationen, dem Ordnungsamt und der Polizei für diese außergewöhnliche Arbeitsleistung.
Was lernen wir aus dieser Erfahrung?
Wir haben einmal mehr gesehen, wie ungeheuer wichtig es ist, dass wir unsere Wehren haben und sie unterstützen. Nur dank des ehrenamtlichen Engagements der Frauen und Männer war es möglich, die Auswirkungen des Unwetters so schnell und so effektiv wie möglich zu bekämpfen.

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