Während er fotografiert wird, erzählt Alessandro Kutscher von dem Einsatz. Dabei schaut er betroffen auf den Boden. Die Jacken hinter ihm gehören ihm und den anderen Feuerwehrleuten, die im Einsatz waren.
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Während er fotografiert wird, erzählt Alessandro Kutscher von dem Einsatz. Dabei schaut er betroffen auf den Boden. Die Jacken hinter ihm gehören ihm und den anderen Feuerwehrleuten, die im Einsatz waren.

Einsatz mit Menschenrettung

„Wie im Krieg“ - Feuerwehrmann Alessandro Kutscher war im Hochwassergebiet im Einsatz

  • Alina Komorek
    VonAlina Komorek
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In den Hochwasser-Gebieten wird derzeit jede helfende Hand gebraucht. 30 Kräfte der Feuerwehr Fulda waren dort im Einsatz. Alessandro Kutscher ist einer von ihnen. Während viele andere noch vor Ort sind, ist er zurückgekehrt.

Fulda - Alessandro Kutscher ist seit fast 20 Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr. Sein Dienstgrad: Löschmeister und Jugendwart in Fulda-Mitte. Der erste Morgen in Nordrhein-Westfalen: Einsatz mit Menschenrettung. „Wir wussten nicht, ob wir Tote finden würden.“ Denn in diesen Lagen, so sagt Kutscher, könne einem alles begegnen.

Ein bisschen müde sieht er noch aus. Den Einsatz im Flutgebiet in Nordrhein-Westfalen wird er so schnell nicht vergessen. Von Donnerstag bis Freitag war der hauptberufliche Rettungssanitäter in der Messe Düsseldorf stationiert, um von dort aus Menschen im Katastrophengebiet auf ganz unterschiedliche Weise zu helfen.

Fulda: Hochwasser-Einsatz „wie im Krieg“ - Feuerwehrmann berichtet

Von 5 Uhr morgens bis 1 Uhr in der Nacht war er auf den Beinen. Seine Aufgabe und die von 29 weiteren Feuerwehrleuten aus Fulda: Häuser auf ihre Einsturzgefahr hin begutachten, Keller auspumpen, Möbel aus den Trümmern tragen. Einsatzort am Freitag: Blessem, Stadtteil von Erftstadt im Rhein-Erft-Kreis, wo es massive Erdrutsche gab. Einsatzort am Samstag: Vicht, ein Stadtteil von Stolberg in der nordrhein-westfälischen Städteregion Aachen, wo es zu einer riesigen Flutwelle kam.

„Wir wurden vor dem Einsatz darauf vorbereitet, dass wir Leichen bergen könnten“, erzählt der 36-Jährige. Tote haben die Feuerwehrleute aus Fulda während des Einsatzes nicht bergen müssen. Aber die Bilder der Zerstörung geistern Kutscher auch mehrere Tage nach seiner Rückkehr noch im Kopf herum. „Das sieht aus wie im Krieg.“

„Wir wurden darauf vorbereitet, dass wir Leichen bergen könnten“

Vielleicht weil die Situation so erschütternd war, berichtet Kutscher sachlich von dem Einsatz und bleibt im Sprachgebrauch der Feuerwehr – nur manchmal rutschen ihm solche Sätze heraus, die zeigen, dass der Einsatz eben nicht spurlos an ihm vorübergegangen ist. Er erzählt auch davon, dass neben den Aufräum- und Bergungsarbeiten eine weitere Aufgabe hinzukam: „Wir haben tröstende Worte für die Betroffenen gespendet.“ Und das, obwohl die Feuerwehrleute selbst tief erschüttert waren und nicht im seelsorgerischen Bereich ausgebildet sind.

Kutschers Stimme wird brüchig, als er davon erzählt, dass auch diejenigen, die überlebt haben, vor existenziellen Fragen stehen: „Manche haben keine Versicherung und Hab und Gut verloren. In einem Ort ist kein Haus verschont geblieben“, sagt der Fuldaer. (Lesen Sie hier: Hochwasserkatastrophe auch in Fulda denkbar? Meteorologin, THW und Feuerwehr geben Einschätzung)

Video: Nach dem Hochwasser: Soforthilfe und schwindende Hoffnung

Eines aber hat ihm geholfen und ist der Grund, warum er allen Feuerwehrkräften den Einsatz im Katastrophengebiet ans Herz legen würde: „Die Dankbarkeit. Die Leute waren schon glücklich, als sie unsere Fahrzeuge gesehen haben. Stellenweise sind sie in Tränen ausgebrochen, als sie gehört haben, dass wir sogar aus Fulda angereist sind, um ihnen zu helfen.“

Kräfte aktuell im Einsatz

Auch aktuell befinden sich noch Kräfte aus dem Kreis Fulda und dem Vogelsberg im Einsatz in den Hochwassergebieten. So brachen am Donnerstag aus dem Landkreis Fulda 16 neue Helferinnen und Helfer des DRK Fulda und Hünfeld sowie des Malteser Hilfsdienstes in den Landkreis Ahrweiler auf. Die Rettungskräfte aus Tann, Hofbieber, Marbach und Hünfeld werden voraussichtlich fünf Tage im Einsatz sein. Aus dem Vogelsberg sind seit Dienstag 30 Helfer in der Nähe des Nürburgrings aktiv. Das DRK ist mit einem sogenannten Betreuungszug vor Ort. Bis zu einer Woche kann der Einsatz im Bereich Ahrweiler dauern. „Möglicherweise werden noch weitere Kräfte aus dem Vogelsberg angefordert, das hängt ganz von der Lage und der Entwicklung vor Ort ab“, teilte der Kreis mit.

Viele andere Kräfte vom Technischen Hilfswerk Fulda, Hünfeld und Neuhof und von der Hünfelder Bundespolizei sind noch im Katastrophengebiet. Sie stellen die Grundversorgung wieder her, unterstützen die Menschen, suchen nach Verschütteten, bergen die Leichen. Bis etwas Normalität zurückkehren wird, kann es noch dauern. „Es wäre nötig, noch einmal hinzufahren. Aber ob das Ministerium eine weitere Anfrage stellt, ist noch offen.“ Kutscher würde noch einmal fahren. Er würde aber auch verzichten und anderen Feuerwehrleuten den Vortritt lassen. „Weil die Bevölkerung unsere Hilfe braucht und dankbar ist – die Erfahrung wünsche ich auch anderen.“

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