Wegen überfluteter Straßen sind im gesamten Kreisgebiet Feuerwehren im Einsatz.
+
Wegen überfluteter Straßen mussten die Einsatzkräfte am Wochenende mehr als 350-mal ausrücken.

Wetterprognosen ein Problem

Unwetter in Fulda: Extremer Belastungstest für Hochwasser-Schutzkonzepte der Kommunen

Alle Autoren
    schließen
  • Sarah Malkmus
    Sarah Malkmus
  • Andreas Ungermann
    Andreas Ungermann
  • Volker Nies
    Volker Nies

Das Unwetter am Samstagabend hat vielerorts für Überschwemmungen gesorgt – obwohl gerade in der Stadtregion in den vergangenen Jahren viel in den Hochwasserschutz investiert wurde. Der Regen war einfach zu stark.

Kreis Fulda - Von Regenmengen, „die in solchen Massen und in einer solchen Geschwindigkeit herunterkamen, wie wir es nie zuvor gesehen haben“, spricht Jürgen Fehl, Geschäftsführer des Abwasserverbands Fulda. „Wir haben Pläne für extreme Starkregen. Der Regen, der am Samstag fiel, übertraf jede Planung“, sagt Fehl. Als er Meldungen vom blitzartigen Volllaufen der Regenrückhaltebecken Ochsenwiese und Schlossgarten aufs Handy erhielt, glaubte er zunächst an Fehlermeldungen. Details zum Wirken des Hochwasserschutzes will Fehl heute nennen.

Unwetter in Fulda: Zusammenarbeit zwischen Kommunen bei Einsätzen habe gut funktioniert

Kreis Fulda: Die Zusammenarbeit zwischen Kommunen, Feuerwehren und Gefahrenabwehr beim Landkreis Fulda habe gut funktioniert. Die beteiligten Personen und Einsatzkräfte hätten auf Erfahrungen aus Übungen und früheren Einsätzen sowie auf vorbereitete Einsatzpläne zurückgreifen können, resümiert die Kreisverwaltung.

Eine besondere Herausforderung liegt jedoch immer in den Unwetterprognosen. „Trotz aller guten Planungen gibt es immer die große Unbekannte: Wo regnet es wie viel“, erklärt Kreisbrandinspektor Adrian Vogler. „Die Einsätze wurden nach Priorität abgearbeitet. Das bedeutet, dass eine Menschenrettung – beispielsweise bei schweren Verkehrsunfällen – immer an oberster Stelle steht. Das kann dazu führen, dass die Sicherstellung von Sachwerten dann nicht mit oberster Priorität bearbeitet wird“, erklärt Vogler und berichtet, dass Einsatzkräfte teilweise angefeindet worden seien. (Lesen Sie hier: Meteorologe nennt Gründe für Starkregen in Fulda - Vergleichbares Phänomen vor 19 Jahren)

Der Landkreis Fulda unterhält ein zentrales Sandsacklager, das beim THW eingelagert ist. Die Kommunen halten zudem selbst dezentral Sandsacklager vor. Bei Bedarf können diese weitere Sandsäcke über den Landkreis anfordern, der dann die Logistik bei der Befüllung und Verteilung der Sandsäcke organisiert. Vogler rät den Bürgern darüber hinaus den Eigenschutz an.

Wo war das THW?

Nach den vielen Einsätzen wegen der Unwetter und des Hochwassers am Wochenende war auch die Frage laut geworden, warum neben den Feuerwehren nicht auch das Technische Hilfswerk (THW) eingesetzt worden sei. „Dazu hätte es einer Anforderung im Rahmen der Amtshilfe durch die Kommunen bedurft. Es gibt im Katastrophenschutz keinen Automatismus, nach dem wir ausrücken. Das THW als Bundesbehörde ist in erster Linie im Zivilschutz und im Ausland tätig“, erklärt Tobias Hirt, Sachbearbeiter Einsatz und kommissarischer Leiter der für die Landkreise Fulda, Main-Kinzig und Vogelsberg zuständigen THW-Regionalstelle in Gelnhausen. Gleichwohl seien die zehn Ortsverbände für die Hilfeleistung gerüstet – und auch mit Pumpen ausgestattet. In Alsfeld und Erlensee sind zudem Fachgruppen Wasserschaden/Pumpen stationiert, deren Gerät aber zu groß für derartige Lagen wie am Wochenende seien.

Petersberg: „In der Vergangenheit hatten wir Hochwassersituationen in den Ortsteilen, die an Haune oder Wanne lagen, nämlich dann, wenn die Flüsse nach länger anhaltendem Regen über die Ufer getreten sind. Dass ein solcher Regen über 30 oder 45 Minuten an mehr oder weniger einem Platz herunterkommt, das war für uns neu“, erklärt Petersbergs Bürgermeister Carsten Froß (CDU). Für das Hochwasserschutzkonzept, das die Gemeinde aktuell erarbeite, bestehe weiterhin Dringlichkeit – auch wenn die nun betroffenen Bereiche darin bislang nicht oder nur kaum Berücksichtigung fänden.

Inwiefern Nachbesserungsbedarf bestehe, müsse nun intern bewertet werden. Für ein abschließendes Urteil sei es aber noch zu früh, sagt Froß und gibt zu bedenken: „Selbst wenn Kanalrohre und Abflüsse vergrößert werden, wird es irgendwann eine Lage geben, in der sie das Wasser nicht mehr aufnehmen. Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht.“ Deshalb mahne der Bürgermeister, dessen Keller selbst betroffen war, auch zum Eigenschutz. (Lesen Sie hier: Ohne Strom keine Behandlung: MVZ in Fulda kann Patienten nicht helfen - Corona-Impfstoff umgelagert)

Unwetter im Kreis Fulda: Petersbergs Bürgermeister glaubt nicht an 100-prozentige Sicherheit

Auch die Gemeinde habe etwa bei der Feuerwehr, dem Bauhof und im Schwimmbad, das am Sonntag geschlossen blieb, mit den Wassermassen zu kämpfen gehabt. Sandsäcke seien schon bestellt, da auch in den nächsten Tagen mit weiteren Regengüssen zu rechnen sei. Zur Unterstützung der Petersberger waren Kameraden aus den Nachbarkommunen im Einsatz. Dass – wie mitunter aus der Bevölkerung gefordert – das THW hätte eingreifen können, sei wohl nicht erforderlich. „Ich habe telefonisch mit meinen Einsatzkräften in Kontakt gestanden, auf die ich mich voll und ganz verlasse. Von diesen kam kein entsprechendes Signal“, sagt Froß.

Eichenzell: Das Eichenzeller Gemeindegebiet war am Wochenende nur wenig betroffen, aber die Gemeinde arbeite weiter an ihrem Hochwasserschutz-Konzept, berichtet Bürgermeister Johannes Rothmund (CDU). „Wir sind in der Endabstimmung mit dem Ingenieurbüro. Wir wollen das Konzept im Juli dem Bauausschuss und nach der Sommerpause in Bürgerversammlungen vorstellen“, sagt er.

Viele kleine und zwei große Maßnahmen seien geplant, nämlich ein Regenrückhaltebecken oberhalb von Lütter sowie im Bereich der Skateranlage, um Regenwasser von der A 7 und aus Melters zu sammeln. Problematisch sei, dass das Land Hessen jetzt höhere Anforderungen stelle, ehe es Zuschüsse für Investitionen in den Hochwasserschutz gewähre. Das Land wolle wissen, wie Investitionen Schäden vermieden.

Unwetter im Raum Fulda: Künzells Bürgermeister mit Hochwasserschutz zufrieden

Künzell: Künzells Bürgermeister Timo Zentgraf (parteilos) berichtet, dass all jene Hochwasserschutzmaßnahmen, die in der Vergangenheit gebaut worden seien, bei dem Unwetter am vergangenen Wochenende „gut funktioniert“ hätten. Dazu zählt unter anderem die Renaturierung des Steinbachs. Dort hatte man einen neuen Bachlauf kreiert. Ebenso hätten auch der Brückendurchlass in Engelhelms sowie die Regenrückhaltung am Lanneshof Schlimmeres verhindert.

„Bei den Mengen, die kamen, hat es die am tiefsten gelegenen Häuser am ehesten getroffen“, sagt Zentgraf, „es wäre jedoch wahrscheinlich wesentlich schlimmer gewesen, wenn wir die Maßnahmen in der Vergangenheit so nicht umgesetzt hätten.“

Da sich die Regenereignisse von Mal zu Mal sehr unterschiedlich zeigten, sei es jedoch schwierig, im Voraus entsprechend zu planen. „Für einen solch starken Regen kann man nichts bauen“, sagt der Bürgermeister. Da gelte es, die Häuser an sich so gut es geht zu schützen.

Video: Heftige Gewitter: Welche Versicherung hilft bei Sturmschäden?

Schäden habe es am vergangenen Wochenende vor allem in Künzell-Bachrain gegeben. Insbesondere seien die Kanäle nicht mit den riesigen Wassermengen zurechtgekommen. Doch auch von einer neuen Gegebenheit berichtet der Bürgermeister, der selbst bei der Feuerwehr tätig ist. „Der Kindergarten St. Michael ist betroffen, weil ein Abflusskanal mit einem Eimer zugedeckt worden war.“ Aus diesem Grund habe das Wasser nicht abfließen können. Dies wiederum habe dazu geführt, dass der Kindergarten „komplett im Keller abgesoffen ist“. Insgesamt seien am Samstag 47 Einsätze zu verzeichnen gewesen. Teilweise habe das Wasser in den Kellern bis zu 40 Zentimeter hoch gestanden. Probleme habe es auch im Hahlweg gegeben. Die komplette obere Schicht eines dortigen Maisackers sei den gesamten Weg heruntergespült worden.

Eine bereits geplante Regenrückhaltung beim Parkplatz am Gemeindezentrum wolle man nun schnellstmöglich umsetzen. „Da zeigt sich jetzt, dass das nochmal eine höhere Dringlichkeit besitzt.“

Das könnte Sie auch interessieren