Umweltzentrum Fulda/Zeppelingärtner / 2021 Felix Döppner übt mit der Roten Beete jonglieren – und verspeist sie im Anschluss natürlich noch.
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Felix Döppner übt mit der Roten Beete jonglieren – und verspeist sie im Anschluss natürlich noch.

Corona-Trend

Urban Gardening: Immer mehr Menschen pflanzen in Fulda Gemüse an

  • Alina Komorek
    VonAlina Komorek
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Das Stadtgärtnern ist in der Corona-Pandemie zum Trend in Fulda geworden. Ein gemeinsames Hobby vereint unterschiedliche Menschen: der Anbau von eigenem Gemüse. Ein Überblick über verschiedene Projekte.

Zeppelingärten: Bio, regional und selbst angebaut soll es sein. Knackiger Salat, saftige Zucchini und dunkelvioletter Kohl stehen in den Zeppelingärten in der Fuldaaue Reihe an Reihe, warten auf die flinken Hände der Hobbygärtnerinnen und Hobbygärtner, damit sie geerntet und schließlich zubereitet und verspeist werden können.

Felix Döppner trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Zeppelingärten“ und probiert alles, was er so ernten kann. Er beißt in eine nur grob gewaschene Karotte, zupft von verschiedenen Kräutern wie Petersilie und Borretsch immer mal ein Blättchen ab und kaut schließlich, mit vor Bitterkeit halb verzerrtem Gesicht, in eine Hopfenblüte. „Das ist heftig, oder?“, fragt er – und genießt, weil er weiß, dass die Bitterstoffe so gesund sind für den Menschen.

Corona-Trend Urban Gardening: Immer mehr Menschen pflanzen Gemüse an

Er ist überzeugt davon, dass das Biogemüse, das in den Zeppelingärten in Fulda angebaut wird, viel gesünder ist als das Gemüse aus dem Supermarkt. „Und der Geschmack ist so viel intensiver“, findet Döppner. Sein Lieblingsgericht: „Bohnen mit etwas Olivenöl und Knoblauch andünsten. Etwas Butter, Salz, Pfeffer – das ist richtig gut.“

Mit etwa zwölf weiteren Hobbygärtnerinnen und -gärtnern hackt der 46-Jährige die Erde, sät, jätet, wässert die Pflanzen und erntet schließlich, was die Zeppelingärten so abwerfen. Und das ist wohl ziemlich viel. „Wenn die Saison vorbei ist, kann ich die Rote Beete auch nicht mehr sehen“, findet auch Nina Dworazik. Die 40-Jährige arbeitet mit ihren beiden Kindern viel in den Zeppelingärten. Aus der vielen Roten Beete macht sie Pizza mit Büffel-Mozzarella.

Aus den unterschiedlichsten Altersklassen und Berufsgruppen kommen meist 12 Menschen am Samstagnachmittag zusammen, um gemeinsam die Gärten neben dem Umweltzentrum in Fulda zu pflegen. So freut sich auch der 24-jährige Student Moritz Wieber über alles, was er ernten kann. „Ich habe letztens anderthalb Kilo Heidelbeeren mit nach Hause genommen“, berichtet er stolz.

Und die 62-jährige Architektin Eva-Maria Nüdling-Müller steht den Neulingen mit Erfahrung und Fachwissen zur Seite. Ihr Lieblingsessen ist die Mangold-Lasagne, sagt sie. „Am Ende der letzten Erntesaison konnte ich irgendwann keine Gemüsepfanne mehr sehen.“ Weil der Ertrag so hoch ist, plant die Gruppe, das Einmachen und Lagern des selbst gezogenen Gemüses zu erlernen – damit es zur Hochsaison von Ende August bis Anfang September nicht ausschließlich Gemüsepfanne geben muss.

Stadtbauer Christian Helmer hilft Hobbygärtnern beim Gemüse-Anbau

Saisongärten: „Wenn das Gemüse reif ist, ist alles auf einmal reif“, weiß Christian Helmer, der Stadtbauer aus Niederrode. Das heißt: Sobald der erste Kohlrabi geerntet werden kann, sind auch die anderen Knollen reif, und von da an steht sehr viel Kohlrabi auf dem Speiseplan.

Christian Helmer an den Saisongärten.

In Kooperation mit Tegut hat er die Betreuung der Saisongärten auf dem Feld direkt gegenüber seinen Ställen übernommen. 30 Reihen mit unterschiedlichsten Gemüsesorten wurden dafür auf 20 Parzellen aufgeteilt und 18 Parteien bewirtschaften sie nun, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Dabei sind eine junge Studentin und Ehepaare, die sich bereits im Ruhestand befinden, manche von ihnen fangen gerade erst an, andere gärtnern seit Jahren und mit viel Ehrgeiz und Leidenschaft. Zehn von den 18 Parteien haben bereits angemeldet, im nächsten Jahr wieder eine Parzelle übernehmen zu wollen, so Helmer.

Das Besondere an dem Gemüse aus den Saisongärten ist nicht nur, dass ihm beim Wachsen und Gedeihen zugeschaut werden kann, dass Unkraut gejätet und Ungeziefer abgepflückt werden muss und dass alles Geerntete auch in der heimischen Küche zubereitet werden kann, sondern auch, dass es ein Bio-Zertifikat trägt und Helmer in der freitäglichen sogenannten Sprechstunde Tipps für gelungenes Gemüse-Glück bereithält. Außerdem stellt er Wasser und die Geräte für die Bewirtschaftung der Gartenparzellen zur Verfügung.

Helmer lässt den Gartenbegeisterten aber auch freie Hand, sie könnten auf ihren Parzellen eigenes Gemüse anbauen und erweitern, was er vor der Saison vorbereitet hat. Im Mai dann ging es richtig los, zunächst fielen Aufgaben wie Jäten und Schützen an. Gerade ist Hochsaison, bis Oktober kann dann geerntet werden. Möhren, Zuckermais, Kürbisse, Zwiebeln, Zucchini – hier ist von allem reichlich zu finden. „Es war ein dankbares Jahr für den Gemüseanbau“, sagt der Stadtbauer mit Verweis auf den vielen Regen, der für starkes Wachstum der Gemüsesorten gesorgt hat.

Ihm sei aufgefallen, dass die Menschen seit Beginn der Corona-Pandemie mehr Wert auf gesunde Ernährung legen, dass es ihnen verstärkt um Regionalität geht und dass sie sich auch mehr Zeit nehmen für gutes Essen. Stadtbauer Helmer: „Vielleicht sollten wir einfach mal wieder kleiner denken.“

Michael Schüßler baut Gemüse in seinem Kleingarten an

Kleingärten: Michael Schüßler kennt sich mit dem Gärtnern aus. Er ist in der Kleingartenanlage Langer Rain an der Biebersteinstraße aufgewachsen.

Michael Schüßler von der Kleingartenanlage Langer Rain.

Seine Eltern hatten eine Parzelle ganz vorne auf der Anlage, dann hat er sich mit seinem Bruder die Pflege zweier Parzellen geteilt und nun kümmert er sich gemeinsam mit seiner Frau, die er gern seine „bessere Hälfte“ nennt, um die beiden Parzellen, die insgesamt um die 500 Quadratmeter messen. „Seit 1963 haben meine Eltern hier oben ihren Garten. Wir waren Stadtkinder und froh, hier einen Rückzugsort zu haben“, sagt er rückblickend und erzählt davon, dass er und seine Geschwister auf der Anlage bei jedem Wetter unterwegs waren, die Kühe über den Zaun hinweg kennenlernten und durch die Wiesen und über die Felder rannten.

Nach einer Pause als junger Mann habe er sich vor 25 Jahren wieder eingebracht, nun ist er Vorsitzender des Kleingartenvereins – „aus der Tradition heraus“, wie er sagt. Er hofft, dass irgendwann sein Sohn die Familiengärten übernimmt. Aber bis dahin baut er weiter Rosen- und Blumen-, Spitz-, Rot- und Weißkohl an, erntet Äpfel vom Baum und achtet dabei immer darauf, noch genug Blüten für die Bienen stehen zu lassen: „Zum Beispiel den Löwenzahn lasse ich stehen, denn der lockt im Frühjahr ganz viele Bienen an.“

Video: „Urban Farming“ - Drei kreative Ideen für die Selbstversorgung zuhause

Schüßler findet, dass er durch die Arbeit im Kleingarten umgedacht und ein neues Bewusstsein für alles Grüne und Blühende bekommen habe. Und überhaupt: „Mein Kohl schmeckt noch nach Kohl, und meine Tomaten schmecken noch nach Tomaten“, sagt er und schneidet einen Blumenkohl ab, den es am Abend als Auflauf geben soll.

Für die 19 Parzellen, die alle belegt sind, habe er seit Pandemie-Beginn viele Anfragen bekommen. „Viele wollten das nutzen, um gut durch den Lockdown zu kommen.“

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