Uta Weyand und der Steinway von Schloss Fasanerie.
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Uta Weyand und der Steinway von Schloss Fasanerie.

Europa-Reise anno 1892

Uta Weyand hat am Flügel von Schloss Fasanerie eine CD aufgenommen

  • Anke Zimmer
    vonAnke Zimmer
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1892: Rudolf Diesel meldet das Patent auf eine „Wärmekraftmaschine“ an. Asa Griggs Candler gründet in Atlanta die Coca-Cola-Company. Der erste Sammelband mit Sherlock-Holmes-Geschichten erscheint. Und Steinway baut einen Flügel, an dem Uta Weyand jetzt eine CD aufgenommen hat mit Kompositionen des Jahres 1892.

Eichenzell - „Eigentlich sollte die CD längst auf dem Markt sein“, sagt Uta Weyand im Gespräch mit unserer Zeitung. März oder April, das war der Plan. ���Dann hat es sich auf Mai verschoben“, erzählt die Pianistin und Leiterin der Pianale Klavierakademie. Und nun wird es doch erst Anfang Juni. „Corona halt“, kommentiert sie.

Nächste Woche ist das Album „1892“ also endlich regulär zu bekommen. Wer nicht bis dahin warten will: Im Museumsshop von Schloss Fasanerie in Eichenzell kann man es längst erwerben. Nicht von ungefähr. Denn das ist der Ort seiner Entstehung.

Uta Weyland nimmt CD auf: Spendenakquise für das Piano

Im Konzertsaal des Barockschlosses steht er: der Steinway von 1892. Alexander Friedrich Landgraf von Hessen (1863 – 1945) ließ ihn sich damals auf das Schloss Pranker in Holstein liefern. Der Sohn von Landgräfin Anna, die Fasanerie als Sommerresidenz nutzte und als einzige Frau im Fuldaer Dom begraben liegt, hatte deren Leidenschaft zur Musik geerbt. Und so war es nur folgerichtig, dass das Instrument nach seinem Tod auf das Schloss Fasanerie gelangte, wo es seit Kriegsende als Konzertflügel diente.

„Der Zustand des Instruments war nicht mehr gut“, erinnert sich Uta Weyand. Deswegen beteiligte sie sich tatkräftig bei der Spendenakquise. 30 000 Euro kamen zusammen, so dass das Piano 2014 komplett überholt werden konnte. Warum es gerade dieses Instrument sein musste? Sie sagt: „Jeder Flügel hat ein Eigenleben, eine eigene Seele. Er wird aus einem eigenen Baum, einem Stück Holz gemacht, danach klingt er auch.“

Uta Weyland nimmt CD in Eichenzell auf - mit Heimatgefühl

Weil sie auch dem Ort sehr verbunden ist, kam eine Art Heimatgefühl noch hinzu. Einem alten Instrument die Chance zu geben, wieder so klingen zu können, wie es einst gedacht war, „das fand ich einfach toll“. Man musste ihn dafür nur aufarbeiten. „Das ist wie ein Haus mit einer tollen Konstruktion, in dem man aber nicht wohnen kann, weil es durch das Dach regnet.“ Der Flügel wurde entkernt und saniert, die Technik wurde aufgemöbelt. „Man hat ihm unter die Arme gegriffen“, nennt Weyand die „Kur“. „Und jetzt ist das Kleinod wieder da.“

Wenn die Musikerin über den Flügel spricht, dann hat man das Gefühl, sie redet über ein Lebewesen. „Er lässt sich nicht kleinkriegen, er hält alles aus“, sagt sie. „Auf alle Spielrichtungen lässt er sich ein, aber er fühlt sich bei Brahms sehr wohl, also wenn man mit ganz warmen Tönen in die Tiefe geht. Andererseits muss man ihn mehr herausfordern, wenn es wie bei Albéniz um einen virtuoseren Stil geht, einen härteren. Da tut er sich schwerer. Aber er macht alles mit – wenn der Pianist zaubern kann.“ Sie lacht. „Allerdings kostet uns Musiker das eine Schweißperle mehr.“

Uta Weyland nimmt CD auf: Harmonie und sanfter Wohlklang

Fasziniert ist Weyand auch deswegen von dem Fasanerie-Flügel, weil der eigentlich ein etwas kleineres Exemplar seiner Art ist, also kein ganz großer Steinway. „Aber er hat einen unglaublichen Körper!“ Die CD wurde zudem nicht im großen Konzertsaal aufgenommen, sondern in einem kleineren Raum. „Das hat richtig schön harmoniert“, schwärmt sie. Und weiß: „Fasanerie ist sein Zuhause.“

Diese Harmonie, gepaart mit einem samtenen Wohlklang, ist auf der CD nachzuhören. Vier Komponisten finden sich darauf; die Stücke sind allesamt 1892 entstanden: Claude Debussys „Nocturne 1892“, Isaac Albéniz’ „Cantos de España op. 232“, Edvard Griegs „Lyric Pieces op. 57“ und die „Fantasien op. 116“ von Johannes Brahms. Uta Weyand dazu: „Ich wollte eine musikalische Reise durch Europa im Jahr 1892 unternehmen.“

Vom Norden durch die Mitte bis in den Süden. Hinzu kommt, dass sich alle vier Komponisten „in einem anderen Lebensjahrzehnt und an einem anderen Punkt ihrer Karriere befanden“. Auf den Franzosen Debussy (1862 – 1918) und den Spanier Albéniz (1860 – 1909) wartete noch das ganze Musikerleben, der Norweger Grieg (1843 – 1907) stand mitten drin, und Brahms (1833 – 1897) bewegte sich langsam auf das Ende zu.

Uta Weyland nimmt CD auf: Querverbindung zu Coronavirus

Und eine kleine Querverbindung zu Corona gibt es auch noch: Brahms war gebürtiger Hamburger. 1892 lebte er zwar bereits seit zwei Jahrzehnten in Wien. Doch in der Hansestadt wütete in eben jenem Jahr die Cholera. Viren, Seuchen und Epidemien haben die Menschen halt schon immer begleitet.

Uta Weyand: 1892. Reflections. Ars Produktion. Derzeit erhältlich im Museumsshop von Schloss Fasanerie (19 Euro), ab 5. Juni auch im regulären Handel.

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