Die Awo in Fulda veranstaltet tägliche Balkonsingen. / Foto: Awo

Video: Balkonsingen gegen die Einsamkeit im Altenheim

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Region - Wie wichtig es ist, Bewohner in Pflegeheimen vor dem Virus zu schützen, zeigt der Fall einer Einrichtung in Würzburg mit inzwischen elf Toten. Seit zwei Wochen gibt es strikte Besuchsverbote. Damit die Bewohner sich nicht langweilen und vereinsamen, gibt es unterschiedliche Angebote. Zum Beispiel tägliches Balkonsingen, wie in unserem Video zu sehen – und zu hören ist.

Von unserem Redaktionsmitglied Daniel Krenzer

Wir haben bei Seniorenheimen aus der Region nachgefragt, wie sie mit der Corona-Krise und den Besuchsverboten umgehen.

Awo

Besonders beliebt im Awo-Altenzentrum Fulda ist das Balkon-Singen, das nach italienischem Vorbild jeden Tag ab 16 Uhr stattfindet (siehe Video).

Aktivitäten in größeren Gruppen gibt es zurzeit nicht. „Stattdessen gibt es diese individuelle Beschäftigungsangebote – neben dem Balkonsingen zum Beispiel auch das Bepflanzen von Balkonkästen oder ein Spaziergang durch den Garten“, berichtet die Pressesprecherin Sigrid Wieder.

Eigenes Telefon für jeden

Jedem Bewohner wurde demnach ein eigenes Telefon zur Verfügung gestellt, um mit den Angehörigen in Kontakt zu bleiben. In anderen Fällen – wenn der Bewohner nicht mehr selbst telefonieren kann – halte das Personal engen Kontakt mit den Angehörigen.

„Besuche von Angehörigen sind derzeit nur noch in Ausnahmefällen und nach Rücksprache mit der Einrichtungsleitung möglich – zum Beispiel dann, wenn es einem Bewohner sehr schlecht geht“, berichtet die Pressesprecherin.

Betreuungsaufwand erhöht

Den Senioren fehlten diese Kontakte natürlich. Umso mehr seien derzeit die Pflege- und Betreuungskräfte gefragt: „Sie kümmern sich individuell um die Bedürfnisse unserer Bewohner. Dass es ihnen gut geht, ist das wichtigste Ziel“, sagt Fladung.

Der Betreuungsaufwand sei dadurch natürlich erhöht. Aber es sei spürbar, wie das Team dieser Tage trotz körperlicher Distanz enger zusammenrückt.

Pandemieplan von 2007

Alle Mitarbeiter seien bereits vor sechs bis acht Wochen intensiv geschult worden. „Sie kennen den seit 2007 geltenden Pandemieplan und wissen, welche strengen Hygiene- und Verhaltensregeln es zu beachten gilt. Das gilt auch für das Privatleben: Das Pflegepersonal hat soziale Kontakte zum Beispiel schon vor Wochen stark eingeschränkt.“

Krisenstab bespricht sich täglich

Täglich tage der Krisenstab, um aktuelle Entwicklungen und Vorgaben zu besprechen. „Diese Informationen geben wir jeden Tag an unsere Mitarbeiter weiter“, sagt Einrichtungsleiterin Fladung. Ihr Team sei sich der Verantwortung bewusst und tue alles, um keine Infektion mit in die Einrichtung zu bringen.

Mediana

„Es ist immer schwierig, ein Besuchsstopp auszusprechen. In diesem Falle sind wir aber auf eine große Akzeptanz gestoßen“, berichtet Bastian Hans, Mediana-Geschäftsführer in Fulda.

Die Situation für die Bewohner habe sich dahingehend geändert, dass „wir leider alle Veranstaltungen der Häuser absagen mussten“. Die Betreuung und Pflege finde aber wie gewohnt statt, aber mit mehr Vorsicht. Für die Mitarbeiter sei die Situation ähnlich. Die täglichen Aufgaben seien die gleichen geblieben, nur müsse verstärkt darauf geachtet werden, dass noch mehr Hygiene und Aufmerksamkeit gefordert sind, führt Hans aus.

Per Skype und Facetime telefonieren

„Wir haben schon vor mehr als drei Wochen die Mitarbeiter dahingehend sensibilisiert, dass wir fragen, ob sie mit einem Verdachtsfall zusammengekommen sind oder im Urlaub in den genannten Regionen war oder ob Symptome einer Erkrankung festzustellen sind“, erläutert Hans. Die Mitarbeiter seien angehalten, auch im persönlichen Umfeld so vorsichtig wie möglich zu sein.

„Wir haben für die Bewohner schon vor mehr als einem Jahr die technischen Möglichkeiten geschaffen, dass sie mit Angehörigen per Skype oder Facetime kommunizieren können. Das kommt uns jetzt zugute“, berichtet der Mediana-Chef weiterhin.

Die Bewohner dürften ferner durchaus die Einrichtungen verlassen, um im Garten spazieren zu gehen oder einfach mal frische Luft zu schnappen. „Allerdings sollte der Kontakt zu Angehörigen dann vermieden werden“, betont Hans.

Caritas

„An dem Besuchsverbot führte leider kein Weg vorbei, denn oberste Maxime für uns ist es natürlich, die Menschen in Obhut der Caritas zu schützen“, stellt auch Diözesan-Caritasdirektor Dr. Markus Juch fest.

Einrichtungsleiter Oliver Trousil aus dem Altenpflegeheim St. Josef sagt: „Das fällt natürlich sowohl den Bewohnern als auch den Angehörigen schwer. Grundsätzlich tragen es jedoch alle Betroffenen als notwendige Schutzmaßnahme mit.“

Die Situation sei vor allem für Ehepartner und Kinder von Bewohnern schwierig, die es gewohnt sind, täglich zu Besuch zu kommen und viel Zeit mit demjenigen zu verbringen.

Bingo, kochen, singen – Gruppen-Angebote nicht mehr möglich

Einschränkungen im täglichen Betrieb der Einrichtung seien nur dann notwendig, wenn eine Erkrankung mit grippe- oder erkältungsähnlichen Symptomen vorliege. „Dann wird innerhalb des Hauses eine Quarantäne notwendig“, führt Trousil aus.

Größere Zusammenkünfte wie gemeinsames Singen, Bingo, Bewegungsgruppen, Gedächtnistraining, Kochgruppen und mehr fänden zurzeit nicht mehr nicht statt, ebenso gebe es keine Angebote von außen durch Ehrenamtliche.

„Vereinsamung vorbeugen“

„Besonderes Augenmerk liegt jetzt auf Einzelbetreuungsangeboten, um einer Vereinsamung vor allem der Bewohner in Quarantäne vorzubeugen“, berichtet Trousil. Zudem versuchen man die Bewohner zu animieren, in Bewegung zu bleiben. „Mobilisation wird für uns auch in Zeiten der Krise großgeschrieben“, betont der Einrichtungsleiter.

Es gebe zudem die Möglichkeit zur Übertragung von Gottesdiensten ohne Publikum aus der Hauskapelle auf die Fernsehgeräte der Bewohner.

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