Vier Thesen von Corona-Skeptiker Claus Köhnlein im Check von Ex-Klinikum-Chef Daniel Jaspersen
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Vier Thesen von Corona-Skeptiker Claus Köhnlein im Check von Ex-Klinikum-Chef Daniel Jaspersen

Konfrontation

Vier Thesen von Corona-Skeptiker Claus Köhnlein im Check von Ex-Klinikum-Chefarzt Daniel Jaspersen

  • Laurenz Hiob
    vonLaurenz Hiob
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Corona-Pandemie? Übertriebener Quatsch? Die Kritiker der politischen Maßnahmen werden lauter. Die Fachleute mit konträren Meinungen finden mehr Gehör. Wir haben uns beispielhaft Thesen des Kieler Internisten Claus Köhnlein angesehen – mit Infektiologe Daniel Jaspersen.

Fulda - Die Lahnsteiner „Gesellschaft für Gesundheitsberatung“ hat Internist Köhnlein zum Gespräch gebeten und den Mediziner mit diversen Thesen konfrontiert und um Erklärung bestimmter Sachverhalte im Zusammenhang mit Corona, Viren und Infektionen gebeten.

Das Video dauert knapp 40 Minuten. Alleine bei YouTube hat es inzwischen 60.000 Aufrufe. Wir haben uns vier Punkte aus dem Video genauer angesehen.

THESE 1: Köhnlein sagt, dass die Zahl der Covid-19-Infektionen nicht höher ist als bei grippalen Infektionskrankheiten in der Vergangenheit. „Der Bevölkerung wird immer eingebläut, dass die Fallzahlen scheinbar exponentiell steigen“, sagt Köhnlein. Das sei aber tatsächlich nicht der Fall. Es werde kumulativ berichtet: Verdreifache sich die Zahl der Testung, verdreifache sich die Zahl der positiv Getesteten. Der Anteil der positiv Getesteten bleibe aber immer gleich. Es werde nur suggeriert, dass sich hier etwas ausbreite; in Wirklichkeit breite sich aber nur der Test aus.
Das sagt Jaspersen: Bei der Corona-Pandemie handelt es sich um eine deutlich dramatischere Situation mit einer erheblich höheren Sterblichkeit als bei den Grippeepidemien, wenngleich wir uns auf die Zahlen des Robert-Koch-Instituts und der amerikanischen Johns-Hopkins-Universität verlassen müssen.
Mitten in der Coronakrise hat das RKI Zahlen zum Verlauf der aktuellen Grippewelle vorgelegt: In Deutschland starben laut der Behörde 411 Menschen an der Influenza, 4,3 Millionen waren mit Symptomen beim Arzt. An oder im Zusammenhang mit Corona starben dagegen bereits 7533 Menschen! (Stand 12. Mai).
Das sind Zahlen, die ich in meinem klinischen Alltag nicht erlebt habe. Natürlich argumentiert Köhnlein plausibel, wenn er einen Zusammenhang der Fallzahlen zur Anzahl der Tests herstellt. Mir kommt dabei aber die hohe Ansteckungsfähigkeit des Virus viel zu kurz. Denn sogar Patienten mit nur leichten Symptomen oder gar beschwerdefreie Virusträger geben das Virus weiter.
Das ist der große Unterschied zur Influenza: Damit ist man zwar ähnlich ansteckend, aber die meisten Infektionen gehen von symptomatischen Virusträgern aus. Bedacht werden muss aber, dass Grippe-Patienten schon mindestens einen Tag vor Beginn der ersten Krankheitsanzeichen und danach noch bis zu einer Woche hochansteckend sind.
Die hohen Fall- und Erkrankungszahlen nach dem Besuch von Faschingsveranstaltungen, Fußballspielen und Südtirol-Heimkehrern ohne wesentliche Beschwerden belegen die enorme Ansteckungsfähigkeit bei Covid-19, die Anlass für die vielen restriktiven Maßnahmen ist. Rund vier von fünf Covid-19-Infektionen verlaufen mild, mitunter sogar symptomfrei.
THESE 2: Köhnlein: „Es wird versucht ein neues Krankheitsbild zu etablieren.“ Dabei gebe es nur allgemeine Symptome, die man ganz häufig bei anderen Infektionen sehe. Bei jeder Nasennebenhöhlen-Entzündung (Sinusitis) erlebe man einen Geschmacks- und Geruchsverlust, der jetzt Covid-19 zugeschrieben werde.
„Das mögen zwar Coronaviren sein, aber das ist absolut nichts Neues.“ Covid-19 sei eine selbstlimitierende Krankheit, eine Schnupfen-, eine Hustenkrankheit. Die geht weg, wenn Sie mit heißem Wasser inhalieren.“
Das sagt Jaspersen: Im Gegensatz zur Grippeerkrankung oder zur Sinusitis ist das Besondere bei der Covid-19-Infektion das hohe Risiko einer schweren Lungenentzündung.
Ein wesentlicher Unterschied zur typischen bakteriellen Lungenentzündung: Bei dieser Variante entzünden sich nicht die Lungenbläschen, sondern das zwischenliegende Gewebe, das infolge der Entzündung stärker durchblutet wird und dadurch anschwillt. Die betroffenen Patienten haben dabei das Gefühl zu ertrinken.
Allerdings sind die bildgebenden Merkmale der Covid-19-Pneumonie im CT sehr unspezifisch. Zudem weisen Laborwerte darauf hin, dass das Blut von Covid-19-Patienten mit schweren Krankheitsverläufen deutlich schneller gerinnt, als es normalerweise der Fall wäre. Dadurch können sich Gerinnsel bilden, die wichtige Blutgefäße etwa in der Lunge verstopfen. Sie könnten erklären, warum bei manchen Covid-19-Patienten die Atmung so plötzlich versagt. Daher wird inzwischen auch mit Blutverdünnern behandelt.
Das Coronavirus kann ferner Herz und Kreislauf schwer schädigen. Durch die flüssigkeitsgefüllte Lunge wird vor allem die rechte Herzhälfte stärker belastet, und offenbar stört Covid-19 die Blutdruckregulation. Eine weitere Besonderheit ist die Möglichkeit von neurologischen Symptomen wie Schwindel, Kopfschmerzen und Muskelschmerzen, die typischerweise zu Beginn der Erkrankung auftreten können.

Zur Person: Dr. med. Claus Köhnlein

Dr. med. Claus Köhnlein ist Internist und Sportmediziner mit Praxis in Kiel. Er ist Autor und Co-Autor mehrerer Bücher, die sich mit Viren und Krebsmedizin beschäftigen. Mit seinen Thesen polarisiert Köhnlein; unter der deutschen Ärzteschaft gilt er als umstritten.

Jaspersen bezeichnet ihn als „qualifizierten Facharzt und Internisten“, der über eine „umfassende wissenschaftliche Expertise verfügt“. Das werde im Interview mehrfach deutlich. Die Mehrheit der deutschen Ärzte stehe bei der Corona-Pandemie jedoch hinter den, wenn auch unbequemen politischen Entscheidungen und Vorgaben. Köhnlein sei in vielen Aspekten „durchaus anderer Ansicht“.

THESE 3: Das Einzige, das wir gegen Viren haben, ist unser Immunsystem, sagt Köhnlein. Das müsse gestärkt werden. Er berichtet von einem Fall, bei dem er sich fragt, ob der Patient an der Krankheit oder wegen der Übertherapie gestorben ist.
Das sagt Jaspersen: Hier bemüht Köhnlein Einzelfälle, sogenannte Kasuistiken. Bezogen auf die dargestellten Fälle klingt das zwar nachvollziehbar. Aber berücksichtigt werden müssen die hohen Heilungsraten in deutschen Krankenhäusern und auf Intensivstationen, die enormes leisten.
Die zitierten Behandlungsfälle entsprechen eben nicht dem Behandlungsstandard, wie es in deutschen Krankenhäusern üblich ist. Bei Verdacht auf eine bakterielle Infektionen wird ein Antibiotikum verabreicht. Zusätzliche immunsuppressive Medikamente, von denen Köhnlein spricht, sind nicht üblich, auch nicht bei Covid-19-Fällen.
Die Behandlung ist eher symptomatisch. Das heißt, dass beispielsweise entzündungshemmende Arzneien verordnet werden oder Medikamente zur Verbesserung der Lungenfunktion. Unkritische Gaben sogenannter Virostatika, die die Vermehrung von Viren hemmen sollen, sind im klinischen Alltag nicht üblich.
Einräumen möchte ich, dass in der Vergangenheit aufgrund der Schwere der Krankheitsverläufe und der eingeschränkten Behandlungsmöglichkeiten Virostatika experimentell eingesetzt wurden. Aber es ist wissenschaftlich fragwürdig, wenn sich Köhnlein zum Beleg seiner Thesen gerade solche Einzelfälle rauspickt, selbst wenn sie in hochrangigen Medizinjournalen publiziert wurden.

Zur Person: Professor Dr. Daniel Jaspersen

Der Internist und Gastroenterologe Professor Dr. Daniel Jaspersen (67) ist Infektiologe. Als Chefarzt leitete er viele Jahre am Klinikum Fulda die Medizinische Klinik 2, die unter anderem für die Behandlung von Infektionskrankheiten zuständig ist.

Der gebürtige Kölner behandelte dabei in seiner Zeit am Krankenhaus viele Patienten mit infektiösen Darmerkrankungen, exotischen Infektionen wie Malaria und Tuberkulose, der weltweit häufigsten zum Tode führenden bakteriellen Infektionskrankheit.

THESE 4: „Die Sterblichkeit von Infektionskrankheiten war drastisch rückläufig, deutlich vor Einführung der Impfungen“, sagt Köhnlein. „Das spricht nicht für die Impfpraxis als die Maßnahme, die Infektionskrankheiten zurückgedrängt hat.“
Das sagt Jaspersen: Ich bin überzeugter Anhänger der Impfnotwendigkeit. Auf den ersten Blick legt Köhnlein zwar eine überzeugende Kurve zur Unterstützung seiner Argumentation vor.
Während meiner Tätigkeit habe ich schwere Masernfälle im Erwachsenenalter erlebt, mit zum Teil lebensbedrohlichen Komplikationen durch Lungen- und Gehirnentzündungen. Das hat mich in meiner Überzeugung als Impfbefürworter stets bestärkt. Gleichzeitig habe ich Impfkomplikationen erlebt, die aber undramatisch verliefen und beherrschbar waren. 
Gegen Covid-19 ist eine Impfung für den routinemäßigen Einsatz noch nicht absehbar, weshalb Aussagen bezüglich einer Impfpflicht, wie sie Köhnlein impliziert, auf einer ethischen Ebene zwar nachvollziehbar, aber auf der wissenschaftlichen Ebene verfrüht sind.

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