Ein Schild in deutscher Sprache in Fredericksburg in Texas. Das Städtchen pflegt das Vermächtnis der Einwanderer.
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Ein Schild in deutscher Sprache in Fredericksburg in Texas. Das Städtchen pflegt das Vermächtnis der Einwanderer.

Aus der Rhön nach Amerika

Stehling-Brüder aus Wallings wanderten 1845 nach Texas aus - Ludwig Schuhmann folgt den Spuren der Vorfahren

  • Walter Kreuzer
    vonWalter Kreuzer
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Es sind schwere Zeiten, die Menschen leiden bittere Not – auch in Rhön, Vogelsberg und Bergwinkel. Daher suchen im 19. Jahrhundert viele ihr Glück in Amerika. Oft bleibt ihr Schicksal im Dunkeln. Ludwig Schuhmann aus Bronnzell ist den Spuren seiner Vorfahren gefolgt, die beispielhaft für viele Auswanderer stehen.

Wallings - Als Ludwig Schuhmann als Elfjähriger mit seiner Familie von Wallings bei Hofbieber nach Kohlhaus zieht, weiß er nur eines: In dem 300 Jahre alten Auszugshaus auf dem Hof seines Onkels, das bislang seine Heimat gewesen ist, lebten einst seine Vorfahren Amandus und Georg Franz Stehling, die nach Texas ausgewandert sind. Das war 1845. „In der Familie war nur bekannt, dass zwei Brüder der Ur-Ur-Großmutter nach Amerika gegangen sind“, erinnert sich Schuhmann.

Das ändert sich 1967. Da taucht die Amerikanerin Dorothea Weinheimer Cotter aus Fredericksburg in Texas zusammen mit ihrem Mann John in Fulda auf. Dabei hat sie ein Bild vom Grabstein ihres Großvaters Amandus Stehling mit der Ortsangabe Wallings. Schließlich findet sie in Fulda jemanden, der von dem Weiler in der Rhön schon einmal gehört hat. Immer wieder kommen seither Nachfahren der beiden Rhöner nach Osthessen – und wecken auch Ludwig Schuhmanns Interesse an der Familiengeschichte, die beispielhaft für viele Auswanderer in der Mitte des 19. Jahrhunderts ist. (Lesen Sie hier: Tausende Winterfans verursachen großes Verkehrschaos in der Rhön - Bürgermeister appelliert: „Bleibt daheim!“).

Stehling-Brüder aus Wallings wanderten 1845 nach Texas aus - Auf den Spuren der Vorfahren

Wie es den Brüdern genau ergangen ist, erfährt er 2019 in Texas: Als deren Vater 1837 stirbt, übernimmt die ältere Schwester Felicitas mit ihrem Mann Johann Georg Schuhmann den Bauernhof in Wallings. Franz Georg, von Beruf Zimmermann, und Amandus entschließen sich zur Auswanderung.

Dabei bauen sie auf die Unterstützung des „Vereins zum Schutze deutscher Einwanderer in Texas, kurz Mainzer Adelsverein“. Diesen sehen die etwa zwei Dutzend adligen Mitglieder als Geldanlage, die sich durch neue Absatzmärkte für die deutsche Wirtschaft rentieren soll. Ziel ist es nämlich, einige ihrer notleidenden Untertanen in einer deutschen Kolonie auf dem Gebiet der selbstständigen Republik Texas anzusiedeln. Der Verein, nun eine Aktiengesellschaft, organisiert die Überfahrt und verspricht jedem Siedler 130 Hektar Land. Dieses muss allerdings im voraus bezahlt werden.

Ludwig Schuhmann.

Mainzer Adelsverein organisiert die Überfahrt

Der in Fulda lebende ehemalige Professor am Königlichen Gymnasium zu Hersfeld, Franz Wilhelm Wiegand, heuert vier Personen an: Georg Franz und Amadus Stehling aus Wallings, Peter Anton Knopp und Genoveva Stehling. Sie sollen ihm für drei Jahre beim Hausbau, auf der Farm und im Haushalt helfen. Er zahlt dafür 620 Gulden für die Überfahrt und die Versorgung in Texas an den Adelsverein.

Die Namen der fünf Osthessen finden sich auf der Passagierliste der Brigg Garonne, die am 21. August 1845 von Bremen nach Galveston im inzwischen in die Vereinigten Staaten aufgenommenen Texas aufbricht. Dort werden sie nach der Ankunft am 6. Dezember 1845 registriert, wo sich die Spur von drei Mitgliedern der Gruppe verliert. „Wiegand, Knopp und Genoveva Stehling sind verschollen. Alle Nachforschungen waren vergebens. Man nimmt an, dass sie nach der Ankunft umgekommen sind“, stellt Schuhmann eine Vermutung an. Diese erscheint angesichts der damaligen Geschehnisse plausibel.

Ludwig Schuhmann: „Frauen und Kinder sind weggestorben wie die Fliegen“

Zwischen 6000 und 8000 Siedler bringt der Adelsverein nach Texas. Sein dortiger Vertreter Prinz Karl von Solms-Braunfels „hat aber einen miesen Job gemacht. Er hat sich übers Ohr hauen lassen und Schulden gemacht. Zudem kaufte er im Komantschen-Gebiet gelegenes Land, das obendrein ungeeignet für die Landwirtschaft war“, sagt der 69-Jährige. „Keiner hat die Aussiedler abgeholt, es war kalt und es gab nichts zu essen und zu trinken. Frauen und Kinder sind weggestorben wie die Fliegen.“

Nach einem Jahr schließen sich die Stehling-Brüder Baron Meusebach an, der nun für den Adelsverein vor Ort ist und im Landesinneren die Siedlung Fredericksburg gegründet hat. Sie bekommen ein Grundstück im Ort und helfen beim Aufbau der Siedlung und der achteckigen „Vereinskirche“. 1854 werden sie amerikanische Staatsbürger und erhalten je 320 Acres (130 Hektar) Land, das sie für je 50 Dollar verkaufen.

Sie haben eine bessere Fläche im Tal Little France (Klein-Frankreich) bei Fredericksburg im Blick. Schuhmann: „Sie machen auch später alles zusammen. Für jeden Cent, den sie übrig haben, kaufen sie Land. Zum Schluss hat jeder 1200 Hektar. Amandus Nachkommen haben das Land noch, während die Familie von Franz Georg alles verkauft hat.“

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