Eine Mücke sticht.
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Von einer Mückenplage sprechen Experten derzeit nicht. Dennoch klagen viele Menschen über viele Stiche.

Bedeutung für das Ökosystem

Lästige Biester oder Nutztiere? Fuldaer Biologe Graeser klärt über Stechmücken auf - Das hilft wirklich

  • Manfred Schermer
    VonManfred Schermer
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Der Fuldaer Biologe Karl Graeser und seine Kollegin Doreen Werner klären über Stechmücken auf. Sie sagen: Die Tiere werden gebraucht. Was gegen Mücken hilft, erfahren Sie in diesem Artikel.

Fulda - Im Gespräch mit unserer Zeitung macht der 82-Jährige aus Fulda (Hessen) deutlich, dass Stechmücken eine wichtige Rolle im Ökosystem spielen – vor allem als Futter für andere Tiere. „Stechmücken werden gebraucht“, unterstreicht der Wissenschaftler.

Das beginne schon bei den Stechmückenlarven im Wasser, die zum Beispiel von Fischen oder Amphibien gefressen werden. Die geschlüpften Mücken dienen dann Vögeln oder Fledermäusen als Nahrung, aber auch anderen Insekten wie Libellen oder Spinnen. Der Biologe hält es folglich für keine gute Idee, Stechmücken aktiv zu bekämpfen. Besser sei es, sich vor ihnen zu schützen – etwa mit Mückengittern vor den Fenstern.

Fuldaer Biologe Karl Graeser und Kollegin klären auf: Was hilft gegen Mücken?

Denn auch ohne aktive Gegenmaßnahmen seien Mücken – wie Insekten generell – gefährdet: vor allem durch die Landwirtschaft und die dort verwendeten Insektizide, aber auch durch die nächtliche Beleuchtung. Durch helle Lampen gingen viele Insekten verloren – entweder weil sie direkt sterben würden oder weil sie sich durch das viele Licht nicht mehr so gut vermehrten. „Da wird viel Unsinn betrieben“, beklagt Graeser und verweist auf immer mehr beleuchtete Gärten in Wohngebieten. „Das führt zu erheblichen Verlusten bei den Insekten.“ (Hier finden Sie: Insektenschutzprojekt im Vogelsberg - 13 Städte beteiligen sich)

Der Nabu selbst rät zudem dringend von elektronischen Insektenfallen am Balkon oder an der Terrasse ab. Denn diese Fallen würden durch ihr UV-Licht nicht nur Stechmücken, sondern auch eine Vielzahl von anderen Insektenarten anlocken und durch das stromführende Drahtgeflecht an den Lampen töten. Dem fielen sogar Tiere zum Opfer, die in Deutschland auf der Roten Liste stünden.

Auch wenn es beim Aufenthalt im Freien vielleicht so erscheinen mag: Eine Mückenplage haben wir in Deutschland aktuell noch nicht. Das versichert auch Doreen Werner, Biologin am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF). Das Gefühl, im Freien von besonders vielen Plagegeistern umschwärmt zu werden, liege eher an der Erinnerung an die beiden trockenen und warmen Vorjahre. Die waren für die Vermehrung der Blutsauger ungünstiger. Die Regenwochen in diesem April und Mai haben die Insekten dagegen beflügelt. „Im Grunde haben wir jetzt wieder ein ganz normales Mückenjahr“, meint Werner.

Stechmücken im Frühsommer: Haben wir aktuell eine Plage?

Die Wissenschaftlerin hat sich auf die Erforschung der rund 50 bekannten Stechmückenarten in Deutschland spezialisiert. Dieses Jahr sei es durch niederschlagsreiche Monate sowohl der Hausmücke als auch der Wald- und Wiesenmücke gut ergangen, berichtet sie. Die Brut gedieh sowohl in künstlichen Reservoiren wie Regentonnen als auch in Pfützen und stehenden natürlichen Gewässern. Für die Hausmücke sei die plötzliche und anhaltende Wärme nun besonders günstig bei der Vermehrung: Von der Eiablage der blutsaugenden Weibchen bis zum Schlupf vergeht oft nur eine Woche.

Mahnt zum Insektenschutz: Der Fuldaer Biologe Karl Graeser.

Im Moment surre die zweite Generation, weitere würden folgen. Wald- und Wiesenmücken lebten dagegen oft nur bis maximal Anfang August. „Dazu kommen durch das Hochwasser mancherorts aber noch die Überflutungsmücken“, sagt Werner. „Einige Regionen haben durch alle drei Faktoren zusammen jetzt ein erhöhtes Mückenaufkommen.“ Doch mit dem Klimawandel kommen neue Fragen auf: Werden tropische Arten wie die Asiatische Tigermücke eingeschleppt? Und gibt es Erreger wie das West-Nil-Virus?(Lesen Sie hier: Diese Schlangenarten sind in Deutschland beheimatet)

Video: Gegen Mückenstiche: Hitze hilft besser als Kühlen

Das Robert Koch-Institut (RKI) geht davon aus, dass es auch in diesem Sommer zur Zirkulation des West-Nil-Virus zwischen Stechmücken und Vögeln kommen wird. In geringerem Maße sei auch mit durch Mücken übertragenen Infektionen bei Menschen und Pferden zu rechnen, vor allem im Juli und August, heißt es im jüngsten Epidemiologischen Bulletin. 2019 und 2020 gab es bei Menschen nur wenige Fälle in Berlin, Sachsen-Anhalt und Sachsen. Eine Ausweitung ist laut RKI möglich, denn das Virus kann in Mücken überwintern. Einige Patienten leiden an grippeähnlichen Symptomen. Schwere Verläufe sind selten, können aber tödlich sein.

Fragen zur Mücke: Was hilft wirklich?

Was hilft gegen Stechmücken?

Experten setzen auf konventionelle Mittel: Lange, dichte und möglichst helle Kleidung sowie Insektennetze seien effektive Mittel gegen die lästigen Plagegeister. Wer im Haus oder Garten von den Insekten heimgesucht wird, sollte Brutstätten austrocknen oder abdecken. Dazu zählen etwa Regentonnen, Gießkannen und Vogeltränken, aber auch Blumentopf-Untersetzer oder verstopfte Regenrinnen. Alles sollte frei von stehendem Wasser gehalten werden.

Licht aus - hilft das?

Abends bei geöffneten Fenstern – zum Beispiel im zu kühlenden Schlafzimmer – kein Licht einzuschalten, hilft zwar gegen Nachtinsekten wie Motten, die von Licht angezogen werden. Mücken geht diese Maßnahme aber leider am Stechrüssel vorbei. Der Grund: Mücken sehen nicht allzu gut. Sie orientieren sich vorwiegend an Gerüchen wie etwa Schweiß oder Parfüm. Auf der Suche nach einer Blut-Mahlzeit checken die weiblichen Stechmücken zudem, wo der Kohlendioxidgehalt der Luft besonders hoch ist. Und so finden sie Schlafende, die CO₂ ausatmen, auch bei völliger Dunkelheit.

Übertragen Mücken Corona?

Nein, laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) gibt es dafür keine Hinweise. Den Grund sehen BZgA, aber auch das Robert Koch-Institut (RKI)und das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) schon darin, dass es keinen Hinweis darauf gibt, „dass Sars-CoV-2 durch Blut übertragbar ist und eventuell durch unerkannt infizierte Personen auf Patientinnen oder Patienten übertragen wird“, zum Beispiel bei einer Blutspende.

Sind hiesige Mücken gefährlich?

Derzeit ist das Risiko, hierzulande von einer Mücke mit einem gefährlichen Virus infiziert zu werden, noch sehr gering. 2019 erfasste das Robert Koch-Institut (RKI) erstmals fünf Infektionen mit dem West-Nil-Virus in Deutschland, die auf hier heimische Mücken zurückgingen. 2020 waren es 20 Erkrankungen, darunter ein Todesfall. Da nur etwa ein Prozent der Infektionen zu schweren neuroinvasiven Erkrankungen führen, ist aber von Hunderten Infektionen auszugehen, die wegen ihres leichten Verlaufs nicht erkannt und damit nicht erfasst werden.
Bei in Deutschland heimischen Mücken wurden auch schon Erreger wie Usutu-, Sindbis- und Batai-Virus gefunden. Diese verursachen bei Menschen allerdings nur milde Symptome.

Was ist mit zugewanderten Mücken?

Tigermücken gibt es in Südeuropa häufig, auch in Teilen Deutschlands breiten sich die weiß gestreiften Tiere aus. Doch kommen mit ihr und anderen Arten auch tropische Krankheiten? Das Robert Koch-Institut erklärt, dass sich tropische Erreger – etwa von Zika oder Dengue – nur bei hohen Temperaturen gut vermehren, die bei uns bisher selbst im Sommer nur selten erreicht werden. Am gefährlichsten könnte das Chikungunya-Virus sein, weil es sich auch bei gemäßigten Temperaturen gut in den Mücken vermehren kann. Der Erreger verursacht langanhaltende Gelenkbeschwerden etwa in der Hand, die oft als rheumatische Erkrankung verkannt werden. 

Die Asiatische Tigermücke, für die es Nachweise in Deutschland gibt, habe sich laut Mückenatlas bisher wohl nicht weiter ausgebreitet. Bisher sind unter anderem Fundorte in München, Fürth, Frankfurt, Heidelberg, Freiburg, dem Oberrheingraben und in Jena bekannt. Tigermücken sind weiß gestreift. Sie umkreisen ihre Opfer in Schwärmen, verfolgen sie penetrant und greifen auch beim Verscheuchen schon nach wenigen Sekunden wieder an. Sie können tropische Erreger wie Zika-, Chikungunya- und Dengue-Virus übertragen. Für Deutschland gilt das bisher aber noch als wenig wahrscheinlich, weil sich die Viren – abgesehen von Chikungunya – nur bei hohen Temperaturen gut in den Mücken vermehren können. (mit dpa-Matrial)

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