Philipp Müller und Madita Böhm gehören zum 15-köpfigen Team der Bergwacht Wasserkuppe. Wenn Unfälle dort passieren, wo das Gelände unwegsam ist – so wie am Fliegerdenkmal – dann rücken die Bergretter aus.
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Philipp Müller und Madita Böhm gehören zum 15-köpfigen Team der Bergwacht Wasserkuppe. Wenn Unfälle dort passieren, wo das Gelände unwegsam ist – so wie am Fliegerdenkmal – dann rücken die Bergretter aus.

„Abstürze mit Paragleitern nehmen zu“

Wenn RTWs nicht weiterkommen - Zwei Bergretter erzählen von ihren Einsätzen in der Rhön

  • Jessica Vey
    vonJessica Vey
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Wenn der Rettungsdienst nicht weiterkommt, rücken die Bergretter der Wasserkuppe aus: Im Winter helfen sie verletzten Skifahrern, im Sommer retten sie abgestürzte Gleitschirmflieger. Bei ihrem jüngsten Einsatz ist ein Kind am Fliegerdenkmal gestürzt.

  • Wenn auf der Wasserkuppe etwas passiert, rückt meistens die Bergwacht aus, um zu helfen.
  • Die Bergretter sind darauf spezialisiert, Rettungsaktionen in unwegsamem Gelände durchzuführen.
  • Zwei Bergretter erzählen von ihren Einsätzen in der Rhön.

Wasserkuppe - Touristen bevölkern täglich den Gipfel der Wasserkuppe. Viele schauen sich zum Beispiel das Fliegerdenkmal am Westhang an. Auch eine Familie war dort vor zwei Wochen, an einem Sonntag (7. Juni), unterwegs. Als das Kind, ein siebenjähriger Junge, auf den Steinen am Fliegerdenkmal herumkraxelte, rutschte es weg. „Der Junge fiel mit dem Kopf auf die Steine. Er hatte eine Platzwunde am Kopf und Verdacht auf eine Gehirnerschütterung“, erklärt Madita Böhm (25) von der Bergwacht, die bei dem Einsatz vor Ort war.

Retter auf der Wasserkuppe: Bergwacht rückt aus, wenn Gelände schwer zugänglich ist

Wenn auf der Wasserkuppe etwas passiert, sind die Bergretter diejenigen, die zuerst am Unfallort sein können. Ihre Wache ist auf Hessens höchstem Berg stationiert. Zum Fliegerdenkmal führen nur schmale und steinige Feldwege – für einen Rettungswagen nicht befahrbar, für die Fahrzeuge der Bergwacht schon. Immerhin ist genau das ihr Spezialgebiet: Sie rücken aus, wenn das Gelände schwer zugänglich ist, und helfen Menschen in Notlagen. 

In einer solchen befand sich Anfang Mai auch ein 55-Jähriger aus Eichenzell. Beim Gleitschirmfliegen wurde er von einer Windböe erfasst und steckte in einer Baumkrone fest – 24 Meter über dem Boden. Weil dort, in einem Wald in der Nähe von Abtsroda, das Gelände abschüssig war, konnte die Feuerwehr den Mann nicht mit der Drehleiter vom Baum holen. Die Bergwacht musste helfen. „Wir waren mit sechs Kameraden vor Ort“, erinnert sich der stellvertretende Bereitschaftsleiter Philipp Müller.

Zwei Stunden hat die Rettungsaktion gedauert. „Manchem mag das lange vorkommen. Aber wir brauchten Zeit, um genau abzuwägen, wie wir vorgehen. Unsere Rettungsstrategie müssen wir immer an die Gegebenheiten vor Ort anpassen. In dem Fall war der Baum, eine Buche, teilweise morsch. Der Kamerad, der mit Steigeisen an dem Baumstamm hochging, musste gut aufpassen, um sich selbst nicht zu gefährden“, erklärt Müller.

Die anderen sicherten ihn mit Hilfe von Seilen ab oder schafften weiteres Equipment zum Einsatzort. Der Gleitschirmpilot konnte dann von dem Baum abgeseilt werden. Er erlitt einen Schock, blieb aber ansonsten unverletzt.

Zum Fliegerdenkmal etwa führen nur schmale und steinige Feldwege – für einen Rettungswagen nicht befahrbar, für die Fahrzeuge der Bergwacht schon.

„Normalerweise gehen solche Unfälle nicht so glimpflich aus“, betont Madita Böhm. Oft komme es zu Knochenbrüchen oder Verletzungen an der Wirbelsäule. Auch das mussten die Bergretter schon erleben, als im Mai 2019 zwei Paragleiter in der Rhön fast zeitgleich abgestürzt sind – am Pferdskopf und an der Eube. „Bei dem Absturz an der Eube hatte der Pilot ein Riesenglück. Er war beim Fliegen aus der Thermik gekommen und sein Gleitschirm ist zusammengeklappt“, berichtet Müller.

Solche Unfälle nehmen leider zu, erzählen die Bergretter. „Ein Grund dafür ist auch, dass Outdoor-Sportarten allgemein immer beliebter werden“, sagt Madita Böhm

Unfälle von Paragleitern nehmen zu - 2020 weniger Einsätze wegen Coronavirus

Die Bergwacht Wasserkuppe ist im Jahr 2019 circa 130-mal ausgerückt. 2020 wird die Zahl der Einsätze wohl geringer ausfallen. 

In den vergangenen Monaten war zum einen aufgrund der Coronavirus-Pandemie wenig los. Zum anderen verlief die Wintersaison sehr ruhig. „Der Winter ist normalerweise die Hauptsaison der Bergwacht“, sagt Müller. Dann ist das 15-köpfige Team in den Skigebieten Wasserkuppe und Zuckerfeld bei Notfällen zur Stelle. Aufgrund des milden Winters kam es allerdings nur zu acht Einsätzen. Zum Vergleich: In der Saison 2018/19 waren es 80. 

Ehrenamtler der Bergwacht „wie eine zweite Familie“

Die Arbeit als Bergretter ist ein Ehrenamt. Normalerweise arbeiten die 13 Männer und zwei Frauen als Erzieherin, Notfallsanitäter, Arzthelferin, Metaller oder sie studieren.

Doch diesen beiden Bergrettern ist anzumerken: Ihnen macht ihr Ehrenamt Freude. Die 25-Jährige erklärt: „Die Mannschaft ist für mich wie eine zweite Familie. Jeder kann sich auf den anderen verlassen. Das ist auch bei unseren Einsätzen enorm wichtig.“ Und Müller fügt hinzu: „Genauso wichtig ist es, die Ausrüstung, zu der zahlreiche Seile, Gurte und andere Hilfsmittel gehören, in- und auswendig zu kennen. Davon hängt nicht nur das Leben des Patienten, sondern oft auch das Leben eines Kameraden ab.“

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