Bei dem Flugzeug-Unfall auf der Wasserkuppe sind drei Menschen gestorben.
+
Bei dem Flugzeug-Unfall auf der Wasserkuppe sind drei Menschen gestorben.

Pilot weint vor Gericht

Flugzeug-Unglück auf der Wasserkuppe - Augenzeuge berichtet vor Gericht: „Ich wollte sie noch warnen“

  • Jessica Vey
    vonJessica Vey
    schließen

Das Verfahren gegen den Piloten (58) aus Ludwigshafen wegen fahrlässiger Tötung und Gefährdung des Luftverkehrs wurde am Mittwoch, 3. März, fortgesetzt. Um die Ursachen für das Flugunglück mit drei Toten auf der Wasserkuppe zu ergründen, schilderten gut ein Dutzend Zeugen, was sie beobachtet haben.

Fulda/Wasserkuppe - Dieser Sonntag im Jahr 2018 war für einen Oktobertag außergewöhnlich warm. Der höchste Berg in Hessen zog viele Touristen an. Ein 31-Jähriger trank mit seiner Familie auf der Dachterrasse am Weltensegler-Restaurant Kaffee. Ein 36-jähriger Pilot schwebte in seinem Segelflieger hoch oben über dem Flugplatz. Ein 24-Jähriger fuhr mit seiner Freundin im Auto Richtung Gipfel, um auf der Wasserkuppe eine Bratwurst zu essen. Alle haben eines gemein: Sie wurden Augenzeugen von dem Unglück, das am 14. Oktober 2018 geschah.

Nachdem der Pilot der Unglücksmaschine am ersten Prozesstag sein tiefes Bedauern ausgedrückt hat, wurden am zweiten Prozesstag am Mittwoch, 3. März, vor dem Landgericht Fulda gut ein Dutzend Zeugen befragt. Im Mittelpunkt stand der Landeanflug der Cessna, die mit vier Passagieren aus Mannheim kam. Die Propellermaschine sei ab der Hälfte der Landebahn noch ungewöhnlich weit oben gewesen. „Das Flugzeug war noch mannshoch über dem Boden. Dann wollte er nochmal durchstarten. Er ist vielleicht von zwei auf sechs Meter gekommen. Dann hat das Flugzeug nicht mehr an Höhe gewonnen. Die Landebahn steigt am Ende an“, schilderte der am Unfalltag diensthabende Flugleiter, der dies vom Tower aus sah.

Flugzeug-Unglück auf der Wasserkuppe - Augenzeuge: „Ich wollte sie noch warnen“

Eine Zeugin, selbst Pilotin, beobachtete das Geschehen mit zwei Fliegerkollegen von einer Bank aus: „Er hat nicht an Höhe gewonnen und flog immer weiter.“ Ein anderer Zeuge war gerade selbst in der Luft. Der 36-Jährige flog in einem Segelflieger und befand sich über dem Platz. Er drückte sich drastisch aus: „Es ist mir vollkommen unverständlich, warum man im letzten Drittel der Landebahn noch mal versucht, durchzustarten. Der Motor hat in dem Moment nicht mehr die volle Leistung. Das ist zum Scheitern verurteilt.“ Und er fügt hinzu: „Er hätte das Gas rausnehmen und zur Seite in die Wiese rollen können.“ Stattdessen war das Flugzeug weiter geradeaus geflogen zur Bundesstraße, die am Ende der Landebahn verläuft.

Bildergalerie: Flugunglück auf der Wasserkuppe - Prozessauftakt vor dem Landgericht Fulda

Nach dem Flugunglück auf der Wasserkuppe vor drei Jahren muss sich der Pilot vor dem Landgericht Fulda verantworten.
Nach dem Flugunglück auf der Wasserkuppe vor drei Jahren muss sich der Pilot vor dem Landgericht Fulda verantworten. © Daniela Petersen
Großer Medien-Ansturm vor dem Prozess-Auftakt am Landgericht Fulda: Nach dem Flugunglück auf der Wasserkuppe vor drei Jahren steht der Pilot vor Gericht.
Großer Medien-Ansturm vor dem Prozess-Auftakt am Landgericht Fulda: Nach dem Flugunglück auf der Wasserkuppe vor drei Jahren steht der Pilot vor Gericht. © Daniela Petersen
An der Unfallstelle auf der Wasserkuppe erinnern Gestecke an das Unglück. Ab Dienstag, 2. März, steht der Pilot vor Gericht.
An der Unfallstelle auf der Wasserkuppe erinnern Gestecke an das Unglück. Ab Dienstag, 2. März, steht der Pilot vor Gericht. © Daniela Petersen
Die Schranke wurde nach dem Unfall auf die Fahrbahn gerollt, das Flugzeug untersucht.
Die Schranke wurde nach dem Unfall auf die Fahrbahn gerollt, das Flugzeug untersucht. © Joscha Reinheimer

Eine andere Pilotin wiederum sagte: „Ich wäre wohl auch durchgestartet, wenn ich gemerkt hätte, das reicht nicht.“ Fest steht: Das Durchstartemanöver des Cessna-Piloten misslang. Ein 24-Jähriger beobachtete den Landeanflug, als er mit seinem Auto auf der Bundesstraße stand. „Wir konnten ohnehin nicht schnell fahren, weil die Fahrbahn seitlich zugeparkt war. Plötzlich hielt das Auto vor mir an. Dann sah ich das Flugzeug“, erklärte der Zeuge.

Flugzeug-Unglück auf der Wasserkuppe: Pilot weint vor Gericht

„Der Gehweg an der Straße war gut gefüllt. Ich habe eine Frau und einen Jungen gesehen. Und da war noch eine weitere Person. Sie haben das Flugzeug nicht bemerkt. Ich wollte noch hupen, um sie zu warnen. Da war es schon zu spät.“ Als der junge Mann dies schilderte, begann der Angeklagte zu weinen.

Ich wollte noch hupen, um sie zu warnen. Da war es schon zu spät.

Augenzeuge

Wie bereits beim Prozessauftakt entschied das Gericht, die Sitzung zu unterbrechen, und der 58-Jährige hatte einige Minuten, um sich zu sammeln. Gegenüber der Anklagebank sitzt der Vater, der seine Familie bei dem Unglück verlor. Er nimmt an dem Prozess als Nebenkläger teil. Er zeigte an den beiden Verhandlungstagen selten eine Regung, den Blick hatte er zumeist nach unten gerichtet.

Bei den Zeugenbefragungen lag der Fokus des Gerichts insbesondere auf den Aspekten: Windverhältnisse, Neigung der Landeklappen am Flieger und Stabilität des Flugzeugs beim Landeanflug.

Video: Flugunglück auf der Wasserkuppe - Auftaktprozess am Landgericht Fulda

Zum Thema Wind waren die Zeugen einer Meinung – einige waren an dem Tag selbst mit Segel- oder Motorfliegern in der Luft gewesen: Die Verhältnisse waren „unkritisch“, der Wind wehte nur schwach. Dass die Landeklappen ausgefahren waren, wurde bestätigt – um wie viel Grad sie geneigt waren, das vermochte keiner zu sagen. Die Beschreibung des Flugzeugs beim Landeanflug reichte von „wackelig“ mit Schieflage bis zu „horizontal ausgerichtet und stabil“.

Worauf die Verteidigung indes immer wieder zu sprechen kam, ist eine fehlende Halbbahnmarkierung auf der linken – also auf der Pilotenseite. Diese Markierung dient dem Piloten, um die Länge der Landebahn einzuschätzen. Der Flugleiter habe sicherzugehen, dass die Markierungen richtig gesetzt sind – das ließ sich die Verteidigung von einem Zeugen bestätigen. Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt.

Das könnte Sie auch interessieren