Foto: Daniela Petersen

„Wendepunkt der Geschichte“: Corona-Interview mit Philosoph Christoph Quarch aus Fulda

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
    schließen

Fulda - Der Fuldaer Philosoph Christoph Quarch (55) hält die Coronakrise für eine Art „Brennglas“, durch das der Zustand unserer Gesellschaft sichtbar wird. Im Interview erklärt er, welche Folgen die Krise haben könnte.

Von unseren Redaktionsmitgliedern Volker Nies und Bernd Loskant

Was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn sie in einer epochalen Krise Toilettenpapier hamstert?

Mir zeigt es, dass wir eine relativ angstvolle Gesellschaft sind. Die Angst war immer schon da. Unter dem Einfluss der Pandemie ist sie nun aber an die Oberfläche getreten. Unsere Gesellschaft ruht darauf, dass sie Menschen ein kollektives Sicherheitsgefühl gibt. Das ist jetzt erschüttert. Da kann schon eine Rolle Klopapier dem Menschen Sicherheit geben.

Wie verändert sich unsere Gesellschaft gerade?

Mir kommt das Coronavirus vor wie ein Brennglas. Es macht Dinge sichtbar, die immer schon da waren, die in der Betriebsamkeit des normalen Alltags aber nicht erkennbar waren. Dazu gehört eine Polarisierung zwischen Egozentrik hier und Solidarität dort.

Nämlich?

Die Menschen haben ein starkes Bedürfnis, anderen zu helfen und hilfsbereit zu sein. Das hat sich auch schon in der Flüchtlingskrise 2015 gezeigt. Auf der anderen Seite fällt es vielen Menschen schwer, sich helfen zu lassen.

Warum ist das so?

Das hat etwas damit zu tun, dass Menschen es sich in unserer Gesellschaft angewöhnt haben, um sich selbst zu kreisen und Herr und Meister ihres eigenen Daseins sein zu wollen, getreu der Maxime: Wenn ich nur fleißig bin und mich selbst optimiert habe, dann kann ich mein Leben autonom meistern.

Ich hoffe, dass das Bewusstsein, einem Gemeinwesen anzugehören, unter dem Einfluss der Krise stärker wird.

Bringen nur Krisen die Menschen so stark aus dem Gleichgewicht, dass sie sich weiterentwickeln?

Krisen können die Menschen nach vorne bringen, sie müssen es aber nicht. Die Bankenkrise (zuletzt 2008) führte nicht zum nachhaltigen Umdenken – weder bei Banken noch bei Verbrauchern. Damit eine Krise die Menschen weiterbringt, müssen zwei Dinge zusammenkommen: eine schmerzliche Lernerfahrung und eine schon länger gehegte Sehnsucht, aus der eine Vision entsteht, wo man hinwill.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Ein historischer Vergleich ist die große Pest im 14. Jahrhundert. Sie raffte die Hälfte der europäischen Bevölkerung dahin. Doch aus ihr ging der Humanismus hervor, der dem Mittelalter das Ende bereitete. Einige Jahrzehnte später folgte die Renaissance, die die Weichen Richtung Neuzeit stellte. Die Coronakrise ist für die jungen Leute ein einschneidendes Erlebnis wie für meine Generation der autofreie Sonntag 1973, der sich tief in die kollektive Erinnerung eingegraben hat. Die jetzige Krise wird noch viel tiefere Spuren hinterlassen.

Welche?

Wir erleben, dass der Mensch nicht nur seinen eigenen Vorteil im Blick hat, wie es die liberalistische Wirtschaftslehre annimmt, sondern dass wir Teil eines Großen und Ganzen sind und wir in der Krise nur dann werden bestehen können, wenn wir solidarisch sind. Als sterbliche, fragile Wesen gibt es für uns keine Sicherheit, die uns vor dem Tode bewahrt, aber es gibt eine soziale Sicherheit, die aus dem Miteinander der Gesellschaft erwächst.

Unser Planet scheint sich gerade, jedenfalls partiell, zu erholen. Werden Bewegungen wie „Fridays for Future“ nach der Krise überflüssig sein?

Nein. Das Thema des Klimawandels ist nicht vom Tisch. Es ist nur überschattet. Die Coronakrise lässt uns aber überdenken, wie wir mit der Natur umgehen. Der Shutdown von drei Wochen führt zu einer unerwarteten Regeneration der Natur. Vielleicht sollten wir überlegen, in Zukunft alle vier Jahre die globale Wirtschaft geplant für einige Wochen herunterzufahren. Ein kontrollierter Shutdown würde die Wirtschaft jedenfalls nicht in die Knie zwingen. Manchmal denke ich, die Krise jetzt ist eine Generalprobe für die gravierenden Herausforderungen, die als Folge der Klimaveränderungen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts auf uns zukommen.

Welche gesellschaftlichen Veränderungen werden jetzt angestoßen?

Ich vermute, dass es eine Bereinigung in der Tourismusindustrie geben wird. Zahlreiche Billig-Airlines werden vom Markt verschwinden, große Fluggesellschaften werden verstaatlicht oder teilverstaatlicht. Viele Privatisierungen infolge des Triumphzugs des Neoliberalismus seit den 1990er Jahren müssen revidiert werden – auf jeden Fall im Gesundheitswesen. Wir sehen, dass es nicht funktioniert, wenn Krankenhäuser den Gesetzen des Marktes folgen müssen.

Wie kommt es dann, dass das komplett staatliche Gesundheitswesen in England kollabiert, während die deutschen Krankenhäuser mit ihrem Mix aus kommunalen, kirchlichen und privaten Häusern stabil da stehen?

Der Mix ist nur theoretisch. Egal, bei welchem Träger Sie arbeiten: Was zählt, sind Effizienz und Profitabilität. Corona zeigt uns deutlich: Die Entfesselung des Marktes in allen Bereichen des Lebens, sie funktioniert nicht.

Welche anderen Veränderungen beobachten Sie?

Viele Meetings, für die die Leute durch Deutschland oder die Welt geflogen sind, um drei Stunden in einem Konferenzraum zu sitzen, werden wegfallen, weil man sieht: Das geht auch digital.

Beunruhigt es Sie, dass gerade immer mehr echte Welt in die digitale Welt abwandert?

Wir haben zwei gegenläufige Bewegungen: Die digitale Welt bietet ungeahnte Möglichkeiten. Zugleich nimmt der Hunger auf die tatsächliche Begegnung zu. Wenn die Krise vorbei ist, wird vieles in die analoge Welt zurückkehren, aber nicht alles. Etwas Anderes beunruhigt mich.

Was genau?

In den autoritär regierten Staaten verkaufen die Regierungen Überwachungstechnologie als gesundheitsschützend. Ich fürchte, dass die Privatsphäre der Bürger dadurch nachhaltig Schaden nimmt.

Die Bundesregierung zieht sich bei vielen Entscheidungen hinter den Rat von Virologen zurück. Überlässt die Politik der Wissenschaft die Macht?

Nein. Es ist wichtig, dass die Politik auf die Wissenschaft hört. Ich hatte zuletzt oft den Eindruck, dass die Politik der Wirtschaft oder dem Markt zuviel Macht überlässt. Jetzt bin ich überrascht, dass die Politik in dieser Krise die Führung übernommen hat und auch der Wirtschaft etwas zumutet. Ich bin kein Fan der Bundeskanzlerin, aber in dieser Krise macht ihre Regierung einen guten Job. Lassen Sie mich aber noch etwas Kritisches über die Kanzlerin sagen.

Bitte.3

Überhaupt nicht einverstanden bin ich mit ihrer Europapolitik. Die Eurobonds mit einer gemeinsamen Haftung für Schulden müssen kommen, allein schon, um den Südeuropäern Solidarität zu zeigen. Jetzt ist der Zeitpunkt, wo sich die europäische Idee als tragfähig erweisen muss. Wenn dieser Moment verpasst wird, mache ich mir große Sorgen um die Europäische Union.

Auf europäischer Ebene steht doch eine halbe Billion Euro für Wirtschaftshilfen bereit. Mit den Eurobonds will Italien bestehende Schulden auf andere verteilen.

Das finde ich richtig. Wir haben die Italiener über Jahrzehnte mit den Flüchtlingen allein gelassen. In der Bankenkrise 2008/9 haben die reichen Staaten des Nordens profitiert, der Süden hat gelitten. Ein Großteil der Hilfen für den Süden floss zurück an deutsche Banken. Die Coronakrise zeigt: Europa wird in der Welt nur gemeinsam bestehen können. Jetzt können wir zusammenwachsen.

Mit gemeinsamen Schulden?

Absolut. Das verlangt die Solidarität.

Wie lange hält eine Gesellschaft die jetzige Isolierung durch?

Das weiß niemand. Dafür gibt es keine historische Parallele, weil nie zuvor eine Epidemie so früh erkannt worden ist. Ich vermute, dass die Unruhe in der Gesellschaft spätestens nach zwei Monaten sehr, sehr groß wird.

Aktuell hat die Regierung in Umfragen Rückenwind. Wird das mittelfristig so bleiben?

Ich hole etwas aus: In den vergangenen Jahren ist der Rechtspopulismus stark geworden, weil sich ein Gefühl der Ohnmacht breit gemacht hatte, ein Gefühl, man wird von anonymen Mächten gesteuert – Mächte wie „der Markt“ oder „Brüssel“. Tatsächlich hat die Politik relativ wenig gemacht, sondern sie hat machen lassen – etwa den Markt.

Jetzt zeigt die Politik, dass sie Macht hat und dass sie damit, zumindest in Deutschland, maßvoll umgeht. Das nimmt Populisten Wind aus den Segeln. Die Frage ist, ob die Politik weiterhin handelt, etwa indem sie das Gesundheitswesen teilverstaatlicht oder Pflegekräfte besser bezahlt und so zeigt, dass sie aus der Krise gelernt hat. Wenn ja, wird der Rückenwind bleiben.

Hört man in dieser Krise zu wenig von den Kirchen?

Absolut. Vor 30 Jahren wäre es nicht vorstellbar gewesen, dass in einer solchen Krise von den Kirchen in den Leitmedien kein spiritueller Beistand ausgesprochen worden wäre. Davon nehme ich jetzt nichts wahr.

Bedauern Sie das?

Ja. Der Mensch ist ein spirituelles Wesen. Er braucht in einer solchen Krise geistigen Zuspruch. Da sind die Kirchen auf eine für mich beunruhigende Weise still.

Haben wir eine Gesellschaft, die kein Ohr mehr hat für die Kirche oder eine Kirche, die ihre Aufgabe, Orientierung zu geben, nicht mehr wahrnimmt?

Beides. Die Menschen sehnen sich nach geistigem Zuspruch. Aber die Kirchen sprechen heute meist eine Sprache, die die Menschen nicht mehr erreicht. Das führt dazu, dass irgendwann niemand mehr hinhört. Ich sehe die Versäumnisse vor allem bei meiner, der evangelischen Kirche. Sie macht dem Menschen wenige Angebote einer lebendigen Spiritualität.

Das ist bei den Katholiken anders. Der Katholik im Fuldaer Land kann schon, wenn er über das Feld geht, an einem Bildstock Einkehr halten. Auch hier wirkt das Virus als Brennglas: Es zeigt das schon lange vorhandene spirituelle Vakuum in weiten Teilen der Gesellschaft.

Wie trifft die Krise Sie persönlich?

Ich bin Solo-Selbstständiger. Ich lebe vor allem von Vorträgen und der Beratung von Unternehmen. Beides ist auf ein Minimum reduziert. Meine Lehrtätigkeiten an verschiedenen Hochschulen gehen über digitale Plattformen einigermaßen gut. Dafür schreibe ich jetzt sehr viel und führe – unentgeltlich – viele Gespräche.

Was wird bleiben, wenn wir in 50 Jahren auf diese Krise blicken?

Man wird von der Corona-Zeit sprechen. Wir erleben jetzt womöglich einen Wendepunkt der Geschichte, von dem aus sich eine neue Wirtschaftsordnung den Weg bahnt, die den Marktliberalismus ablöst. Es könnte auch eine neue Ernsthaftigkeit beginnen: Die Menschen sehen, dass das Leben eine tiefere Dimension hat, die in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen ist.

Vita: Dr. Christoph Quarch (55), geboren in Düsseldorf, studierte Philosophie und Evangelische Theologie in Bielefeld, Heidelberg und Tübingen. Er war von 2000 bis 2006 Programmchef des Deutschen Evangelischen Kirchentags.

Seit 2008 ist er selbstständig. Er arbeitet als Dozent an Hochschulen und hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht. Der Philosoph, Redner, Unternehmensberater und Reiseleiter lebt mit seiner Frau Christine Teufel und zwei schulpflichtigen Kindern in Fulda.

Bücher und Vortrag: Christoph Quarch hat soeben zwei Bücher veröffentlicht:

- „Neustart. 15 Lehren aus der Corona-Krise“, 72 Seiten, 9,90 Euro - „Zu sein, zu leben, das ist genug. Warum wir Hölderlin brauchen“, 286 Seiten, 16,90 Euro.

Am Donnerstag, 23. April, hält er bei der Volkshochschule Fulda ab 19.30 Uhr im Livestream einen Vortrag über „Hölderlins Vision des erfüllten Lebens“.

Anmeldung für den Einwahllink über die VHS, Telefon (0661) 102-1477, Mail: vhs@fulda.de.

Das könnte Sie auch interessieren