Foto: Daniela Petersen

Wenn die Buchungen gegen Null gehen: Ein Rundgang im Hotel Esperanto

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
    schließen

FULDA - Seitdem das Hotel Esperanto 2005 seinen Betrieb aufgenommen hat, gehen die Touristenzahlen in Fulda nach oben. 2019 zählte die Stadt knapp 700 000 Übernachtungen. 100 000 verbuchte allein das Esperanto jährlich. Doch im Moment beherbergt das Hotel bloß sechs Geschäftsreisende. „Es ist ein Albtraum“, sagt Martin Gremm von der Geschäftsleitung.

Von unserem Redaktionsmitglied Daniela Petersen

Es ist kurz vor 17 Uhr. Normalerweise würden jetzt in der Großküche des Esperanto 20 Köche wuseln: Salat waschen, Obst schneiden, Fleisch anbraten und alles für das Buffet am Abend vorbereiten. Um diese Zeit herrscht hier geschäftiges Treiben. Normalerweise. Doch normal ist in diesen Tagen, in denen das Coronavirus grassiert, kaum etwas. Schon gar nicht in der Hotellerie. Es gilt eine weltweite Reisewarnung. Einchecken dürfen nur noch Geschäftsreisende. Und das sind wenige im Moment. Im Esperanto gerade einmal sechs an der Zahl – in einem Hotel, das über 654 Betten in 327 Zimmern hat und 280 Mitarbeiter beschäftigt.

Unvorstellbar und traurig

„Es ist unvorstellbar und traurig. So etwas gab es noch nie. Ein Albtraum. Es gibt ja keinerlei Möglichkeit, dagegen zu steuern. Man kann nichts kompensieren. Die laufenden Kosten sind da, das Licht muss brennen, doch die Einnahmen brechen weg“, sagt Martin Gremm aus der Geschäftsleitung. Er geht davon aus, dass viele Unternehmen diese Krise nicht überstehen werden.

Das Esperanto hat, wie andere Firmen auch, Kurzarbeit angemeldet: „Wo es geht, arbeiten die Kollegen im Homeoffice oder bauen Urlaub ab. Die 26 Auszubildenden werden jedoch weiter komplett beschäftigt, weil es da keine Kurzarbeit geben darf“, erläutert Gremm und zeigt auf ein junges Mädchen, das in der Bodega-Bar über einem Buch sitzt: „Sie lernt jetzt für die Schule.“

Gremm arbeitet seit 15 Jahren im Esperanto, genau wie Küchendirektor Andreas Scholz. Statt Kochschürze trägt er Pullover. Und statt Menüs zu kreieren, schreibt er Kurzarbeiterdienstpläne.

„Es ist gespenstisch, wie bei einer Apokalypse“

„Es ist gespenstisch, wie bei einer Apokalypse“, sagt Scholz. Die verbliebenen Gäste würden jeden Tag eine kleine Speisekarte bekommen, aus der sie wählen können. „Das Frühstück wird auf Etageren serviert. Buffet gibt es nicht“, erklärt der Küchendirektor. In den Regalen seiner Küche stapeln sich Edelstahl-Schalen, etliche Schneebesen stecken in einem Eimer und warten auf bessere Zeiten. Die Tiefkühltruhe ist randvoll. „Wir mussten auch einiges an Lebensmitteln vernichten. Das alles hat uns doch recht plötzlich überrascht“, sagt Scholz, und Gremm fügt an: „Zusammen mit dem Bäderpark Sieben Welten sind wir für über 500 Mitarbeiter verantwortlich. Wir wollen die Arbeitsplätze erhalten. Es ist ein tolles Team. Die Politik ist jetzt gefragt.“

Für viele sehe es düster aus

Wenn für den Hotel- und Gastronomiebereich keine schnelle Hilfe komme, dann sehe es für viele düster aus. „Ich glaube, wer erst einmal zu gemacht hat, hat es nachher schwer, wieder auf zu machen“, sagt Gremm. Als er an den Tagungsräumen vorbei läuft, schüttelt er ungläubig den Kopf. „Was hier normalerweise los ist. Es ist einfach bitter.“ Die Türklinke berührt er mit dem Ärmel: „Das hat man schon so drin“, erklärt er, als er darauf angesprochen wird.

Neben Tagungsgästen beherbergt das Esperanto – gerade am Wochenende – auch Wellnessgäste. Im Haus gibt es ein Solebad, Behandlungsräume und mehrere Saunen. Doch momentan bleiben die Liegen leer. Vom Ruheraum aus kann man das Stadtbad sehen. Im Wasser spiegeln sich die großen Fenster. Es ist ein sonniger Nachmittag, normalerweise kein Tag zum Trübsal blasen. Normalerweise.

„Es hängt alles zusammen“

Doch wenn man das menschenleere Hotel ansieht und weiß, was da alles dran hängt, dann stimmt das schon traurig: „Es hängt alles zusammen. Wenn niemand in den Betten liegt, muss keine Bettwäsche gewaschen werden, und der Wäscherei bricht ein Auftrag weg. Wenn es keine Veranstaltungen gibt, braucht man auch keinen Caterer“, nennt Gremm Beispiele.

Und neben dem Hotel ist da ja noch die Esperantohalle, die momentan ebenfalls nicht genutzt werden kann. Messen, Konzerte, große Partys – dass solche Großveranstaltungen wieder stattfinden dürfen, liegt für Gremm in weiter Ferne. „Ich denke, erst einmal werden nur kleinere Veranstaltungen erlaubt sein“, sagt er und läuft in die Hotellobby.

Normal sind zwischen 200 und 500 Gästen

Ein Gast kommt zur Tür herein, desinfiziert sich die Hände und geht an der Rezeption vorbei. Normalerweise werden im Esperanto pro Tag zwischen 200 und 500 Gäste eingecheckt. Normalerweise. Doch nichts ist in diesen Tagen normal. Fast nichts. Eines scheint wie immer zu sein: das freundliche Lächeln der Rezeptionistin Viola Glock. Sie ist auch Auszubildende.

Lesen Sie hier: Welche Folgen hat die Corona-Krise für Hotels und Gaststätten? Tarek Al-Wazir informiert sich in Fulda

Das könnte Sie auch interessieren