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Werden jemals auch in der Stadt Fulda Stolpersteine verlegt?

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Fulda - Sind Stolpersteine eine angemessene Art an die Opfer des NS-Regimes zu erinnern? Die Meinungen darüber sind verschieden. In der Region gibt es sie vielerorts – in Fulda selbst nicht.

Von unserem Redaktionsmitglied Marius Scherf

Seit 1996 wurden in ganz Europa 75.000 Stolpersteine verlegt. Mittlerweile bilden sie die größte dezentrale Gedenkstätte der Welt. Jeder Stolperstein trägt den Namen eines Opfers des NS-Regimes und befindet sich dort, wo das Opfer zuletzt gelebt hat.

Künstler Gunter Demnig, der einst die Idee zu den Stolpersteinen hatte, betonte bei einem Vortrag im Bonifatiushaus, wie wichtig diese Art der Erinnerungskultur aber sei: „Für die vielen Ermordeten, die nie ein Grab bekommen haben, und deren Angehörige sollen sie vor allem Schlusssteine sein – keine Grabsteine“. Das Konzept ist eng mit dem Leben des Künstlers verbunden: Schon als junger Student experimentierte er mit Aktionskunst auf Straßen und Plätzen.

Bündnis „Fulda stellt sich quer“ für Stolpersteine

„Ich wollte Spuren hinterlassen“ , sagt der heute 73-Jährige. Die Idee zu den Steinen kam ihm 1993, Drei Jahre später wurden die ersten in Berlin verlegt, damals noch ohne offizielle Genehmigung. „Heute nimmt alles endlich die Form an, die ich mir gewünscht habe“, sagt er. Und die Anfragen werden nicht weniger, sondern immer mehr. Jeder kann einen Antrag auf Verlegung beim Künstler und einen auf Genehmigung beim Magistrat seiner Stadt stellen.

Das Bündnis „Fulda stellt sich quer“ macht sich nun für eine Verlegung stark: „Es gibt in Fulda zu wenig sichtbares Gedenken für die Opfer des Faschismus. Stolpersteine sind eine langjährige Forderung von uns, wir wollen alle Verfolgten sichtbar machen,“ sagt Andreas Goerke, Vorsitzender des Vereins.

In Fulda gehen die Meinungen auseinander

Doch die Meinungen gehen weit auseinander, auch unter Vertretern der jüdischen Gemeinden. Charlotte Knobloch, ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden, spricht sich gegen die Steine aus. Da die Tafeln im Boden liegen, würden die Ermordeten erneut mit Füßen getreten. Josef Schuster, ihr Nachfolger im Amt, ist ganz anderer Meinung. Er hält Stolpersteine für eine würdige Art der Erinnerung. Menschen blieben stehen und würden im Alltag mit der Geschichte konfrontiert.

Auch in Fulda sind die Meinungen verschieden. „Der Name eines Menschen ist ein Teil von ihm. Dass dieser mit Füßen getreten wird, finde ich respektlos“, sagt Roman Melamed, Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde in Fulda. Das Projekt entspreche seiner Meinung nach nicht dem Geist der jüdischen Religion.

Entscheidung der Stadt

„Ob jemals Steine nach Fulda kommen, ist nicht die Entscheidung der jüdischen Gemeinde, sondern die der Stadt“ sagt Melamed. „Aber ich werde mich nicht dagegen stellen, wenn andere die Steine in Fulda haben wollen“.

Die Jüdische Gemeinde ist für die Stadt bei der Frage nach Stolpersteinen ein wichtiger Ansprechpartner, sagt Johannes Heller, Pressesprecher der Stadt Fulda. „Mit deren Vertretern stehen wir im intensiven Dialog“.

„Ein schwebendes Verfahren“

Eine eindeutige Position hat die Stadt momentan aber nicht: „Die Gremien – unter anderem der Ältestenrat– befassen sich mit dem Thema“, sagt Heller. Margarete Hartmann (CDU) ist Vorsitzende des Ältestenrates und bestätigt dies, kann sich aber auch nicht weiter äußern: „Es handelt sich um ein schwebendes Verfahren. Es steht nicht fest, wie formal weiter vorgegangen wird, daher werden auch keine Ergebnisse nach außen transportiert.“

Falls in Zukunft eine Genehmigung durch die Stadt erfolgt, müssen vor einer Verlegung durch den Künstler die historischen Daten – vom Geburtstag bis Ort und Umstand des Todes – genau recherchiert werden. In vielen Städten haben sich daher vor einer Verlegung Arbeitskreise gebildet.

Erinnerung in den Alltag tragen

Für eine solche Vorgehensweise wäre auch Dr. Sebastian Koch. Er ist Historiker und Mitglied der FDP in Fulda. „Wir müssen versuchen, alle in ein Boot zu holen“ fordert er. Dazu gehörten auch die jüdische Gemeinde und alle anderen Angehörigen von Opfergruppen.

Für ihn ist die Frage, welche Form der Erinnerung wir heute brauchen von enormer Bedeutung. „Es wird mehr Aufklärung erforderlich sein, weil es immer weniger Zeitzeugen gibt.“ Stolpersteine könnten die Erinnerung in den Alltag tragen. „Die Zeit des Nationalsozialismus darf nicht einfach historisiert werden.“

Erinnerungsstätte am Stockhaus

Eine Erinnerungsstätte für die jüdischen Opfer gibt es in Fulda am Stockhaus, an der ehemaligen Synagoge, die 1938 von den Nazis niedergebrannt wurde. Der Magistrat hatte sich 2010 noch unter Oberbürgermeister Gerhard Möller (CDU) für Messingtafeln entschieden, auf denen die Namen 252 deportierter jüdischer Bürger eingraviert sind und heute einen Parkplatz zäunen.

Stolpersteine in der Region

In der Region gibt es Orte, an denen Stolpersteine verlegt sind: In Buchenau liegen seit 2012 fünf Stolpersteine. In Burghaun wurden seit 2011 insgesamt 45 Stolpersteine verlegt. Vier Steine liegen seit 2015 in Flieden.

„Über die Entscheidung herrschte große Einigkeit. Man wollte an Menschen erinnern, die keine Gräber haben“, sagt Helmut Käsman, Pressesprecher der Stadt Hünfeld. 14 Steine wurden seit 2006 verlegt.

In der Kreisstadt Lauterbach wurden seit 2008 insgesamt 54 Stolpersteine verlegt. Zwischenzeitig lagen drei Steine vor dem Rathaus, weil die Eigentümer sich gegen eine Verlegung vor ihrem Haus gewehrt hatten. Mittlerweile konnten die Steine jedoch vor die Häuser verlegt werden.

Oberzell und Rhina: Im Bergwinkeldorf Oberzell liegen seit 2017 sechs der markanten Steine. Seit Dezember 2019 lassen sich Haunetaler Ortsteil Rhina drei Stolpersteine finden. 2019 wurden in Schlüchtern die ersten sechs Stolpersteine verlegt.

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