Der Mai war selten so kalt und windig wie in diesem Jahr. (Symbolfoto)
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Der Mai war selten so kalt und windig wie in diesem Jahr. (Symbolfoto)

Hoffnung auf Sonne

Meteorologe erklärt: Darum war der Mai so kalt - Bringt „Waltraud“ nun endlich die Wetter-Wende?

  • Daniela Petersen
    vonDaniela Petersen
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Gefühlt regnet es in den vergangenen Wochen in Hessen am laufenden Band. So kalt und windig wie in diesem Jahr war der Mai selten. Aber es ist Sonne in Sicht, prognostiziert ein Wetter-Experte.

Fulda - „Manchmal ist der Wonnemonat ein Tonnemonat“, bringt es Diplom-Meteorologe Oliver Reuter auf den Punkt. Der 25-Jährige aus Körnbach bei Eiterfeld betreibt eine Wetterstation in Arzell (Kreis Fulda). Der Mai sei verrückt: „Wir hatten kaum warme Tage. Lediglich am 9. Mai kletterte das Thermometer auf 27 Grad, zwei Tage davor waren es nur 10 Grad. So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt Reuter. Ebenfalls ungewöhnlich: Die Großwetterlage hält sich seit Wochen. Und: „Wir hatten drei Sturmtiefs mit bis zu 111 Stundenkilometern – das gab es nach meinen Recherchen, die bis ins Jahr 1880 reichen, so ebenfalls noch nie“, betont Reuter.

Ein Grund für diese ungewöhnlichen Wetterphänomene sei der sogenannte Polarfrontjetstream. Das ist ein Starkwindband in circa acht Kilometern Höhe, das vom Atlantik nach Europa weht und Tiefs aus dem Westen mitführen kann. (Lesen Sie hier: Forscher aus Schlüchtern erklärt, was Kältewellen für Natur bedeuten)

Wetter in Hessen: Sonne ist in Sicht - Experte macht Hoffnung

Verläuft der Jetstream über Nordeuropa oder ist schwach, dann kann Mittelmeerluft zu uns strömen. Momentan ist der Jetstream für diese Jahreszeit aber ungewöhnlich weit südlich, sodass es zu kühlem Regenwetter kommt. Auf der anderen Seite erreichen die Temperaturen von Nordosteuropa bis nach Sibirien Rekordwerte. „Nahe des Polarkreises wurden bis zu 33 Grad Celsius gemessen. Das ist extrem warm. 20 Grad im Mai sind dort schon eher ungewöhnlich“, sagt Reuter.

Er ist aber zuversichtlich, dass es in den nächsten Tagen auch in Hessen etwas wärmer wird. „Es zeichnet sich eine kleine Trendwende ab. Es wird sonniger und bleibt trocken. Vielleicht knacken wir nächste Woche die 25-Grad-Marke.“ Allerdings müsse man erst abwarten, ob das sommerliche Wetter von Dauer ist und Hoch „Waltraud“, das von den Azoren kommt, länger bleibt.

Nicht selten gibt es Anfang Juni in Mitteleuropa noch einmal einen Kälte-Einbruch. Diese Wetterlage, die meist zwischen dem 4. und 20. Juni auftritt, wird auch Schafskälte genannt, weil die Schafe zu dem Zeitpunkt meist bereits geschoren wurden. So könnte es auch in diesem Jahr sein, wie op-online.de berichtet. Denn pünktlich zu Fronleichnam (3. Juni) könnte es mit dem wärmeren Wetter in Hessen bereits wieder vorbei sein*.

Wetter-Video: So viel Sommer steckt im Juni

Ein Gutes hat der verregnete Mai: Es sind in Osthessen zwischen 70 und 80 Liter Wasser pro Quadratmeter gefallen – mehr als im Durchschnitt. Normalerweise fallen im Mai etwa 60 Liter pro Quadratmeter. Nach den vergangenen sehr trockenen Jahren können die Böden das Wasser gut gebrauchen. Oliver Reuter betont aber, dass das nicht reichen wird: „Der März und auch der April waren mit 40 Litern nicht so niederschlagsreich. Und auch wenn es im April viele Regentage gab, waren die Mengen nicht sehr ergiebig.“ Hinzu kommt, dass die Vorjahre sehr trocken waren. Das führe auch dazu, dass dieses Frühjahr als extrem kalt wahrgenommen werde: „Wir sind von den letzten Jahren ein bisschen verwöhnt. Ein April mit Schnee, Hagel und Sonnenschein, also typischem Aprilwetter, ist eigentlich nicht ungewöhnlich.“

Und dass es schon in der Vergangenheit Jahre gab, in denen auch der Mai kalte Tage hatte, lässt sich an einer Bauernregel ablesen, die sich auf die Eisheiligen vom 11. bis 15. Mai bezieht: „Vor Nachtfrost du nicht sicher bist – bis Sophie vorüber ist.“

Oliver Reuter (25), Diplom-Meteorologe, spricht im Kurz-Interview mit unserer Zeitung über den Klimawandel, den Sommer und über Bauernregeln:

In Zeiten des Klimawandels würde man ein wärmeres Frühjahr erwarten. Ist der Temperaturanstieg gestoppt?
Die Kälte ist definitiv kein Zeichen dafür, dass der Klimawandel zu Ende ist. Bei den Berechnungen zur Durchschnittstemperatur wird ja ein viel längerer Zeitraum betrachtet. Ein kalter Frühling in Deutschland fällt da kaum ins Gewicht. Hinzu kommt, dass es am Polarkreis momentan extrem warm ist. In Finnland, Russland beziehungsweise Sibirien werden gerade über 30 Grad gemessen, das ist extrem.
Einige Meteorologen haben erneut einen Hitzesommer vorhergesagt. Wie wahrscheinlich ist das?
Jetzt schon zu sagen, dass wir einen Hitzesommer haben werden, halte ich für unseriös und an den Haaren herbeigezogen. Man kann einen Trend für die nächsten zwei, drei Wochen vorhersehen, aber nicht für die nächsten Monate. Es kann sein, dass wir einen Hitzesommer haben werden, es kann aber genauso auch das Gegenteil der Fall sein und ein durchwachsener Sommer werden.
Es gibt ja verschiedene Bauernregeln. Wie zutreffend sind diese Weisheiten heute noch?
Es gibt Meteorologen-Kollegen, die schwören darauf, andere halten sie für Schmarrn. Ich bin zwiegespalten. Mein Opa ist Landwirt. Früher haben Bauernregeln oft zugetroffen. Aber die meisten entstammen einer Zeit, in der wir ein anderes Klima hatten. Mit der schleichenden Veränderung muss man schauen, ob die Regeln noch Bestand haben. Als Wunderwerk der Wetterprognose würde ich sie nicht heranziehen.

*op-online.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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