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„Wir brauchen langen Atem“: Immunologe aus Fulda warnt vor zu frühem Exit

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Fulda/Berlin - Der Fuldaer Immunologe und Mikrobiologe Timo Ulrichs bewertet es in seinem Gastbeitrag für die Fuldaer Zeitung als noch viel zu früh, im Zuge der Coronavirus-Pandemie bereits jetzt über eine Lockerung von Kontaktsperren nachzudenken.

Die gegenwärtige Pandemie ist das, was die Weltgesundheitsorganisation WHO und Wissenschaftler immer als „the big one“ gefürchtet hatten – als ein Infektionsgeschehen, von dem man wusste, dass es irgendwann eintreten würde. U.a. für solche Ausbruchsgeschehen hat die WHO mit ihren Mitgliedstaaten die internationalen Gesundheitsvorschriften (IHR) erarbeitet.

Seitdem werden alle Mitgliedstaaten regelmäßig auf ihre Umsetzung hin evaluiert. Auch Deutschland hat sich auf ein solches Ereignis vorbereitet. Am wichtigsten ist die mit der WHO abgestimmte Influenzapandemieplanung, denn eine durch das Influenzavirus verursachte Pandemie wie die Spanische Grippe 1918/19 wurde als am wahrscheinlichsten erachtet.

2009 ereignete sich dann tatsächlich eine Influenzapandemie, die sogenannte Schweinegrippe, die jedoch sehr leicht verlief. Die Influenzapandemieplanung ist heute Grundlage im Umgang mit der Coronavirus-Pandemie. 2012 wurde der Bundesregierung eine Risikoanalyse einer Pandemie, ausgelöst durch ein Sars-ähnliches (Corona-)Virus vorgelegt.

Die Szenarien in dem Papier gleichen durchaus den aktuellen Entwicklungen; die von den Bundesländern ergriffenen Maßnahmen folgen in etwa dem Drehbuch der in der Risikoanalyse vorgeschlagenen Strategie, also frühe Eindämmung, Kontaktsperren und Aufrüstung des Gesundheitswesens.

Trotzdem stellt uns die augenblickliche Lage vor schwer zu überblickende Herausforderungen. Auch wenn Krankheitsintensität und Letalität von Covid-19 wohl unter der in der Risikoanalyse angenommenen liegen, kann unser Gesundheitssystem immer noch an seine Grenzen geraten – durch den Ansturm von Patienten, aber auch durch Engpässe in der Ausrüstung. Deshalb ist es absolut notwendig, das Aufkommen zu versorgender Patienten zu verlangsamen und auf einen längeren Zeitraum zu verteilen. Das soll durch eine generelle Hemmung der Übertragung erreicht werden.

Es ist noch viel zu früh, bereits jetzt über eine Lockerung dieser Kontaktsperren nachzudenken – denn sonst würden wir keine Abflachung der Kurve der Neuinfizierten erreichen, sondern allenfalls eine Delle. Allerdings sollte überlegt werden, wie wir die Reduktion der Virusübertragung dauerhaft sichern können, ohne alles andere zugrunde zu richten (Wirtschaft, Familienleben, soziale Kontakte, Demokratie etc.). Antikörpertests sollen bald Auskunft darüber geben, wie viele Menschen bereits immun gegen das Virus sind und es nicht mehr übertragen können. Diese Daten sind Grundlage für Entscheidungen zum weiteren Umgang mit dem Virus, bis eine Herdenimmunität einsetzt.

Dahin ist es noch ein weiter Weg. Ein Impfstoff kann diesen zwar verkürzen, doch muss eine Lösung für die kommenden Wochen und Monate her. Sie könnte darin bestehen, die getroffenen Maßnahmen nach Erreichung und Stabilisierung der Reduktion der Virusausbreitung nach dem Vorbild Südkoreas kontrolliert zu lockern und gleichzeitig sicherzustellen, dass die Weiterverbreitung nicht wieder aufflammt.

Das wiederum könnte erreicht werden, indem alle Menschen in der Öffentlichkeit Schutzmasken tragen. Solange nämlich die Corona- und die Antikörpertests nicht flächendeckend eingesetzt werden können, können unerkannte Virusträger die Weiterverbreitung unterbinden, indem sie eine Schutzmaske tragen. Und das ist fast so gut, wie komplett zuhause zu bleiben.

Zur Person: Timo Ulrichs kommt gebürtig aus Fulda. Der 48-Jährige ist Immunologe, Mikrobiologe und Gesundheitswissenschaftler und Professor an der Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin. Er beschäftigt sich in internationalen Projekten mit der Bekämpfung von Infektionskrankheiten. Dazu hat die Akkon-Hochschule das Institute for Research in International Assistance eingerichtet.

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