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27. Wirtschaftstag in Fulda – Ex-EU-Kommissar Günther Oettinger: „Die Rente mit 70 darf kein Tabu sein“

  • Volker Nies
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Der 27. Wirtschaftstag ist am Freitagmorgen in Fulda gestartet. TV-Moderatorin Nina Ruge und Ex-EU-Kommissar Günther Oettinger sind dabei die zwei bekanntesten Gastredner. Die Veranstaltung fand unter strengen Corona-Auflagen im Maritim Fulda statt.

  • Aufgrund der Corona-Auflagen können beim Fuldaer Wirtschaftstag im Maritim Fulda nur 100 Gäste anwesend sein. Es gibt aber auch einen Livestream.
  • Beim Wirtschaftstag wird dieses Mal das Thema Nachhaltigkeit aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet.
  • Unter anderem gehören die TV-Moderatorin Nina Ruge und der frühere Ministerpräsident und EU-Kommissar Günther Oettinger zu den Rednerinnen und Rednern.

Update von 18.30 Uhr: Der frühere Vize-Chef der EU-Kommission und ehemalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg Günther Oettinger machte aus seinem Herzen keine Mördergrube: Ihm gefällt die ganze Richtung der Politik in Berlin nicht – und auch nicht die Haltung vieler Führungskräfte. „Wenn sich ein Arzt, ein Unternehmer und der Oberbürgermeister beim Bier treffen, dann sprechen sie nicht darüber, was getan werden muss, um Deutschland wettbewerbsfähig zu machen oder wie unsere Wertordnung erhalten werden kann – so reden über ihr Handicap beim Golf.“

Ex-EU-Kommissar Günther Oettinger las der Politik und den Wirtschaftsverbänden die Leviten.

Die Demographie sei unbarmherzig: „Wir müssen mehr und länger arbeiten. Die Rente mit 70 darf kein Tabu sein.“ Die öffentliche Diskussion werde von Umweltschutzaktivisten wie Greta Thunberg geprägt und nicht von Wirtschaftsverbänden. „Die Stimme der Wirtschaft ist kaum zu hören. Gewerkschaften reden von der Vier-Tage-Woche und dem Recht auf Home-Office. Wir brauchen aber eine Stimme für Innovationen und Arbeitsplätze.“ Auch beim Thema Steuerlast sei die Stimme der Wirtschaft zu schwach.

Es sei zwar wichtig, die Umwelt besser zu schützen, aber: „Viele Ideologen nutzen den Begriff der Nachhaltigkeit, um die Industrie zu schwächen. Wir sind schon dabei, die deutsche Leitbranche, die Automobilhersteller, kaputt zu machen.“ Das Klima könne Deutschland nur im Verbund mit anderen retten: „Wir sind für 1,9 Prozent der Treibhause verantwortlich, die EU für sieben Prozent. Für jedes Kraftwerk, das wir schließen, entstehen fünf neue in China und Indien.“

Nina Ruge und Wirtschafts-Professor Henning Völpel auf dem Fuldaer Wirtschaftstag:

Update von 18 Uhr: Den globalen Rahmen des Themas Nachhaltigkeit skizzierten beim Wirtschaftstag die TV-Moderatorin Nina Ruge und Wirtschafts-Professor Henning Vöpel. Sie verwiesen darauf, dass sich allein in Afrika die Bevölkerung bis 2050 verdoppeln werde, die Weltbevölkerung insgesamt werde bis dahin drei Milliarden Menschen wachsen – Menschen, die jedes Recht hätten, so wie die Europäer nach einem westlichen Lebensstil leben zu wollen.

Ruge verwies darauf, dass weltweit derzeit 1000 zusätzliche Kohlekraftwerke gebaut, 300 allein durch China. „Deshalb reichen alle bisher beschlossenen Klimaschutz-Maßnahmen nicht, um das Ziel zu erreichen, die Klimaerwärmung auf zwei Grad zu begrenzen“, sagte die Journalistin.

Ruge: Klimawandel kann nur durch weltweiten Ordnungsrahmen gebremst werden

Der Klimawandel lasse sich bremsen, wenn beim Kauf eines Produkts die Folgen für das Klima, die durch die Herstellung, den Gebrauch und die Beseitigung eines Produkts entstehen, bezahlt werden müssten. „Dazu wäre aber eine globale Regulierung nötig. Diese weltweite Ordnungsrahmen fehlt aber.“

Ihre Hoffnung setzt Ruge auf viele kleine Projekte etwa zur Wiederaufforstung oder zur Solarstromerzeugung in Entwicklungsländern. Solche Projekte werden von der Allianz für Entwicklung und Klima gefördert. Henning Vöpel warnte: „Der Verzicht auf Konsum und die Umverteilung von Ressourcen werden nicht reichen, um die Klimaziele zu erreichen. Es wird neue Verteilungskämpfe geben.“

Update von 9.31 Uhr: Mit einem Grußwort hat IHK-Präsident Dr. Christian Gebhardt den 27. Wirtschaftstag eröffnet. Dabei ging er auf das diesjährige Thema ein: „Wirtschaft – Wandel – Werte: Megatrend Nachhaltigkeit“. Gebhardt zitierte den ehemaligen französischen Staatspräsidenten Jaque Chirac auf dem Erdgipfel 2002: „Unser Haus brennt, und wir schauen weg. Die geschundene, ausgebeutete Natur kann sich nicht mehr regenerieren. Die Erde und die Menschheit sind in großer Gefahr.“

Wirtschaftstag in Fulda startet: IHK-Präsident Dr. Christian Gebhardt legt Fokus auf Nachhaltigkeit

Heute müssten die Menschen feststellen: „Unser Haus brennt nach wie vor“. Im Landkreis Fulda könne man die Folgen des Klimawandels überall sehen und spüren. Gebhardt nennt einige Beispiele: trockene Äcker, vertrocknete Nadelbäume, Schädlinge wie der Eichenprozessionsspinner und knappes Wasser.

Die TV-Moderatorin Nina Ruge war eine Rednerin auf dem Wirtschaftstag in Fulda.

„Allein um die Trockenheit der vergangenen drei Jahre auszugleichen, müsste es zwei Monate durchregnen", sagt er. Nachhaltigkeit werde heute als gleichberechtigter Dreiklang von Ökonomie, Ökologie und Sozialem definiert. „Und genau darum geht es auf diesem 27. Fuldaer Wirtschaftstag“, sagt der IHK-Präsident.

27. Wirtschaftstag in Fulda läuft – TV-Moderatorin Nina Ruge und Ex-EU-Kommissar Günther Oettinger sprechen

Aufgrund der Corona-Auflagen können beim Fuldaer Wirtschaftstag im Maritim Fulda nur 100 Gäste anwesend sein.
Aufgrund der Corona-Auflagen können beim Fuldaer Wirtschaftstag im Maritim Fulda nur 100 Gäste anwesend sein.  © Volker Nies
Auch der Geschäftsführer vom Verlag Parzeller, Haldun Tuncay, nimmt am Wirtschaftstag in Fulda teil.
Auch der Geschäftsführer vom Verlag Parzeller, Haldun Tuncay, nimmt am Wirtschaftstag in Fulda teil. © Volker Nies
IHK-Präsident Dr. Christian Gebhardt hat zu Beginn des Wirtschaftstags in Fulda das Grußwort gesprochen.
IHK-Präsident Dr. Christian Gebhardt hat zu Beginn des Wirtschaftstags in Fulda das Grußwort gesprochen. © Volker Nies
TV-Moderatorin Nina Ruge gehört zu den Redner des Wirtschaftstags in Fulda.
TV-Moderatorin Nina Ruge gehört zu den Redner des Wirtschaftstags in Fulda. © Volker Nies

Unter dem Motto „Wirtschaft – Wandel – Werte: Megatrend Nachhaltigkeit“ sollen Facetten der Nachhaltigkeit beleuchtet werden. „Wir geben Ihnen ganz praktische Anregungen für Ihre unternehmerische und für Ihre persönliche Tätigkeiten mit auf den Weg“, kündigt der IHK-Präsident an.

Gebhardt könne Unternehmerinnen und Unternehmer gut verstehen, die sich wegen des Wandels Sorgen macht. „Ein Wandel hin zu anderen Antrieben und damit des gesamten Geschäftsmodells ist nicht von heute auf morgen machbar", sagt er. Deshalb fordere die IHK von der Politik Übergangszeiten, um Arbeit und Beschäftigung abzufedern.

Das IHK-Präsidium und die Referenten des Wirtschaftstags in Fulda.

Der IHK-Präsident kam außerdem auf das Thema Fachkräftemangel zu sprechen, der „trotz Corona langfristig eine der größten Herausforderungen für unsere Wirtschaft“ sei. „Noch immer kommen bei uns auf einen Ausbildungswilligen fast zwei offene Ausbildungsplätze“, berichtet Gebhardt. „Wenn Sie Nachhaltigkeit zu Ihrem Thema machen, wecken Sie damit das Interesse junger Menschen für unseren Landkreis.“

Corona-Pandemie zeige Verwundbarkeit des Wirtschaftssystems

Die Corona-Pandemie habe gezeigt, „wie vernetzt und verwundbar unser Wirtschaftssystem ist“. In kürzester Zeit sei das Bruttoinlandsprodukt eingebrochen und die Arbeitslosigkeit nach oben geschnellt. „Viele Unternehmen kämpfen um ihre Existenz.“ Nur die staatlichen Unterstützungsprogramme hätten Unternehmen vor einem noch drastischeren Niedergang der Wirtschaft bewahrt.

IHK-Präsident Dr. Christian Gebhardt schloss mit einem Zitat von John F. Kennedy: „Veränderung ist das Gesetz des Lebens. Diejenigen, die nur auf die Vergangenheit oder die Gegenwart blicken, werden die Zukunft verpassen.“

Erstmeldung vom 11. September, 9.02 Uhr: Fulda - Der 27. Wirtschaftstag in Fulda, der diesmal unter dem MottoWirtschaft – Werte – Wandel: Megatrend Nachhaltigkeit“ steht, hat um 9 Uhr mit einem Grußwort von Dr. Christian Gebhardt, Präsident der IHK Fulda, begonnen. Wir sind übrigens live vor Ort im Maritim und berichten an dieser Stelle während des Freitags fortlaufend über den Wirtschaftstag. Am Nachmittag folgt auch ein Video.

Wirtschaftstag in Fulda: Nina Ruge und Günther Oettinger sprechen über Nachhaltigkeit

„In Zeiten des auch im Landkreis Fulda immer spürbarer werdenden Klimawandels möchten wir mit dem 27. Fuldaer Wirtschaftstag das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten“, erklärte Gebhardt. „Auch wenn ich mir eine „klassischere“ Veranstaltung gewünscht hätte, so haben wir ganz bewusst diesen Weg gewählt. Denn eine Absage wäre für unsere regionale Wirtschaft das falsche Signal gewesen.“

Nina Ruge spricht beim Wirtschaftstag in Fulda zum Thema“ Nachhaltigkeit im Unternehmen in Zeiten der Corona-Krise: Was ist machbar?“

Nina Ruge spricht ab 9.30 Uhr zum Thema „Nachhaltigkeit im Unternehmen in Zeiten der Corona-Krise: Was ist machbar?“ Statt wie sonst 400 sind dieses Mal aufgrund der Corona-Auflagen nur 100 Gäste im Maritim zugelassen. Der Wirtschaftstag wird aber per Livestream auch noch in das Morgensternhaus und in den Azubi-Campus Pings übertragen.

Neben Ruge und Oettinger sind viele weitere hochkarätige Gäste eingeladen. Professor Dr. Henning Vöpel vom Hamburgisches WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) spricht ab 10.15 Uhr zum Thema „Digital & nachhaltig: Geschäftsmodelle für die Zukunft“.

Günther H. Oettinger spricht zum Thema „Nachhaltigkeit in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft“.

Daran schließt sich eine von Ruge moderierte Podiumsdiskussion an – diskutieren dabei werden Dr. Andreas Möller (Trumpf), Hubert Hermelingmeier (Miele), Franziska Hannig (Inaska und Daniel Anthes (Knärzje). Nach der Mittagspause nimmt Dr. Roman F. Szeliga, Kommunikationsprofi und Humorexperte aus Wien, ab 14 Uhr zum Thema „Humor als perfekter Nährboden für nachhaltiges Leben und Lernen“ Stellung.

Der ehemalige Ministerpräsident und EU-Kommissar Günther H. Oettinger redet nachmittags ab 15.30 Uhr zum Thema „Nachhaltigkeit in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft“. Danach soll die Veranstaltung um 16.15 Uhr mit dem Schlusswort von Thomas Gutberlet, Vizepräsident der IHK Fulda, enden.

Rubriklistenbild: © Volker Nies

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