Familie Unger besitzt ein Schwein

Sonntags ist „Gassi-Tag“: Ein Spaziergang mit Borsti durch Wüstensachsen (mit Video)

  • Jessica Vey
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Jeden Sonntag geht Heiko Unger aus Wüstensachsen Gassi – aber nicht mit dem Hund, sondern mit Schwein Borsti.  

Wüstensachsen - Mit seinen gut 60 Kilogramm und den kurzen Beinen wirkt das Tier gemächlich. Aber wenn Schwein Borsti mit kleinen Trippelschritten aus dem Stall in Wüstensachsen kommt, wird es überraschend schnell. „Ich wollte eigentlich, dass die Kinder Borsti ausführen. Aber das haben wir schnell abgehakt“, sagt Heiko Unger, der das Schwein an der Leine über den Hof führt. Im nächsten Moment zieht Borsti hin zu einem Kieshaufen und man erkennt, dass es schon ein wenig Kraft braucht, das sechs Monate alte Schwein in solchen Momenten festzuhalten.

Borsti wühlt sich durch alles, was ihm vor die Schnauze kommt - immer auf der Suche nach etwas zu fressen“, erzählt der 43-Jährige und wartet geduldig, bis das Schwein fertig damit ist, sich durch den Kies zu wühlen. Dann geht es weiter Richtung Wiese.

In Wüstensachsen: Jeden Sonntag führt Heiko Unger sein Schwein Borsti aus

Der Nebenerwerbslandwirt führt das Schwein jeden Sonntag aus. „Wir laufen vielleicht 800 Meter weit und brauchen dafür so eine bis anderthalb Stunden. Das geht lange nicht so zügig wie mit einem Hund, weil Borsti überall die Nase reinsteckt“, sagt Unger und lacht. Deshalb nehmen sich beide viel Zeit beim Spaziergang. „Das ist einfach eine schöne Abwechslung zum Arbeitsalltag.“ Der Ehrenberger ist Forstwirtschaftsmeister und sagt, er beobachte jeden Tag das dramatische Baumsterben im Wald. Borsti lenkt ihn davon ein wenig ab.

Und wenn Heiko und Borsti über die Wiese laufen, sieht man ihnen an, dass es den beiden Spaß macht – Borsti quiekt dabei vergnügt und sein „Herrchen“ klopft ihm aufmunternd auf die Schulter.

Auf ihrem Hof hat Familie Unger nur noch ein Schwein - Sonntags hat Borsti „Gassi-Tag“

Am Hof der Ungers leben schon immer Schweine – neben Katzen, Gänsen, Hasen und 25 Kühen. Heiko Unger ist auf dem Hof groß geworden: „Es stehen schon immer zwei Schweine im Stall“, erklärt er. Immer für den Eigenbedarf an Fleisch – das kenne er gar nicht mehr anders. Doch, weil in der Familie mittlerweile etwas weniger Fleisch gegessen wird als zuvor, entschieden die Ungers nach der letzten Schlachtung, nur noch ein Schwein, nämlich Borsti, anzuschaffen.

Heiko Unger und Leonie führen Borsti regelmäßig aus.

Das war im April. Doch als die Rinder raus auf die Weide durften und das einzelne Schwein ganz allein im Stall zurückblieb, da „mussten wir uns etwas einfallen lassen“, erklärt Heiko Unger. Eine Freilandhaltung sei mit zu hohen Auflagen verbunden. Stattdessen kam Unger die Idee, das Tier auszuführen. Er bestellte ein Hundegeschirr, und „mit viel Geduld“ überzeugte er das Schwein im Stall, an der Leine mit nach draußen zu gehen. „Das ging mit jedem Mal immer besser.“ Seitdem ist jeden Sonntag „Gassi-Tag“. Und wenn er sich sonntags dem Stall nähert, dann grunzt Borsti schon freudig, berichtet der Landwirt.

Auf das Schwein gekommen: Borsti wird seit Mai regelmäßig ausgeführt

Seit Mai wird Borsti regelmäßig ausgeführt. In Wüstensachsen sind Heiko und Borsti ein echter Hingucker. „Manche sagen mir, ich hab’ nen Vogel“, erzählt er und lacht. Doch häufig hielten sogar Autos an, die an der Landesstraße vorbeikommen, um ein Foto von dem Schwein an der Leine zu machen.

Auch wenn Borsti das erste Schwein auf dem Hof ist, das einen Namen bekommen hat, und die Familie Unger beim Gassigehen viel Freude mit dem Tier hat, so ändert es doch nichts daran, dass es ein Nutztier ist. Es wird irgendwann zum Schlachter gebracht werden, so Unger.

Als Mastschwein wäre es jetzt, mit sechs Monaten, schon so weit. „Aber wir füttern mit Kartoffeln, geschrotetem Getreide und Essensresten. Deshalb hat Borsti mit gut 60 Kilogramm noch nicht einmal die Hälfte des Schlachtgewichts erreicht.“ Das wird es erst im Alter gut einem Jahr erreicht haben. Somit lebt es doppelt so lang als seine Artgenossen in Mastbetrieben. Zum Schlachten geht es ins nahe gelegene Unterrückersbach bei Tann. „Und dann wissen wir, dass Borsti ein schönes Leben gehabt hat“, sagt Heiko Unger.

Schwein Borsti ist nicht das einzige ungewöhnliche Tier, mit dem man spazieren gehen kann: In der Rhön werden Wanderungen mit Alpakas angeboten.

Rubriklistenbild: © Jessica Vey

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