Ein Yogaraum wird zum Filmstudio: So sieht es derzeit in der „Blauen Stunde“ im ehemaligen Eika-Gebäude in Fulda aus. / Foto: die-markenagentur.de

Yoga und „Klopapier-Workout“: Wie sich die Fitnessbranche gegen die Krise stemmt

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Fulda - 12 Millionen Menschen in Deutschland sind Mitglied in einem Fitnessstudio – nicht, um Muskelberge aufzubauen, sondern um etwas für ihre Gesundheit zu tun. Seit zehn Tagen ist damit Schluss, alle Studios sind geschlossen. Doch mit kreativen Ideen versuchen die Anbieter, ihre Mitglieder auch in der Isolation fit zu halten.

Von unserem Redaktionsmitglied Bernd Loskant

Für Maike Schneider war es eine unerträgliche Vorstellung: Seit 14 Jahren führt sie das Yoga-Studio „Blaue Stunde“ in Fulda, hat viele Freundschaften mit Mitgliedern geschlossen. „In den Yoga-Klassen haben sich sogar Ehepaare gefunden.“ Und nun von heute auf morgen für unbestimmte Zeit schließen? Das kam für die Yoga- und Pilateslehrerin nicht in Frage. Vergangenen Dienstag war der letzte Tag, einen Tag später öffnete sie ihren Kursraum wieder – nur war sie diesmal allein, und vor ihr stand eine Kamera.

Branche geht neue Wege

Maike Schneider machte Übungen wie Sonnengruß und Krieger vor – und mehr als 50 ihrer Mitglieder machten sie zu Hause in ihren Wohnzimmern mit ihr – live und ohne Zeitverzögerung. „Das war beim ersten Mal noch etwas improvisiert, aber die Resonanz war derart positiv, dass wir sofort technisch aufgerüstet haben“, sagt die Lehrerin. Das Yoga-Studio gleicht inzwischen mehr einem Filmstudio als einer Sporthalle. Es gibt bis zu zwei Yoga-Klassen täglich, und kürzlich schaltete sich sogar ein Fan aus Australien ein.

In der Krise geht die Branche neue Wege – dank Internet kann jeder von zu Hause aus an solchen Live-Streamings teilnehmen. Die Live-Atmosphäre ist für Schneider gerade beim Yoga, wo Energie fließen und die Teilnehmer verbinden soll, wichtig. „Es ist wie bei einer Yoga-Klasse bei uns im Studio: Wir öffnen den virtuellen Kursraum eine Viertelstunde vor Beginn und können mit den Teilnehmern sprechen.“ Natürlich nur mit denen, die möchten und bereit sind, das Mikrofon und die Kamera ihres Computers einzuschalten und sich von den Lehrern ins eigene Wohnzimmer blicken zu lassen. Vorteil: Auch während der Stunde ist Feedback möglich, die Lehrer können auf Wünsche eingehen. Das wäre bei ins Netz gestellten Videos nicht möglich, weswegen Schneider Live-Kurse präferiert.

Größere Reichweite

Während die Mitglieder Zugangsdaten direkt von der „Blauen Stunde“ bekommen, können andere bei Eversports.com den Kursplan einsehen und ein Ticket für die Online-Stunde aus Fulda kaufen. „Das System ist so einfach, so dass wir uns überlegen, die Online-Klassen nach der Krise als zusätzliches Angebot beizubehalten. So erweitern wir unser Geschäft und bekommen eine viel größere Reichweite“, schwärmt Schneider. Immerhin: Die Kurse ermöglichen der Unternehmerin, ihre Yoga-Lehrer auch in der Krise weiterzubeschäftigen. „Kurzarbeit ist bei uns derzeit kein Thema.“

Eine Umfrage bei einem Dutzend Fitnessstudios in der Region ergab: Alle machen ihren Mitgliedern, die derzeit nicht die Hanteln und Maschinen in den Studios nutzen dürfen, Online-Angebote. Die Unterschiede liegen vor allem in der Häufigkeit der Online-Klassen, der Art der Präsentation (live oder aufgezeichnet) und der Frage, ob die Angebote kostenlos für alle sind.

„Klopapier-Workout“ und Ernährungssprechstunde

So setzt die Urbanic Fitness Lounge von Claus Pieper in Fulda auf einen Mehrklang aus vorproduzierten Videos, Live-Gruppenkursen und Personal Training via Live-Kamera. Pieper ist ein großer Fan des Functional Training, für das keine Trainingsgeräte notwendig sind. Das Paradiso in Fulda bietet täglich mehrere Live-Workouts an, darunter auch Tae-Bo-Training – auch für Nichtmitglieder. „Dafür wollen wir kein Geld – wir wollen damit unseren Solidarbeitrag leisten, den wir auch von unseren Kunden entgegengebracht bekommen“, so Inhaber Peter Spahn.

Selbst an die „Nebenerscheinungen“ der Krise angepasst hat man sich im Fit & Fun: Dort gibt es täglich Videos auf Facebook, Instagram und Youtube, darunter auch ein „Klopapier-Workout“, wie Studioleiter Daniel Vey schmunzelnd betont. Auch eine Ernährungssprechstunde wird live übertragen.

Zusammenhalt in der Krise

Es fällt auf, dass die Branche in der Krise zusammensteht: „Wir haben guten Kontakt zu unseren Mitbewerbern“, sagt Simone Hartmann von der Studioleitung der Fuldaer Fitness- und Freizeitinsel. So tausche man sich zum Beispiel technisch aus.

Und auf einen wichtigen Aspekt weist Peter Spahn hin: „Fitnessstudios sind der größte Gesundheitsdienstleister auf dem Markt. Dosiertes Training ist die einzige Möglichkeit, uns vor Erkrankungen zu schützen, denn unsere Muskeln laden unseren Akku für unser Immunsystem auf. Durch Nichtstun entlädt sich dieser Akku wie bei einem Auto.“ Schweden habe das bereits erkannt, dort seien die Studios auch in der Krise geöffnet.

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