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Am Ziel der Träume: Expeditionsgruppe mit Fuldaern erreicht die „Polarstern“ am Nordpol

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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90° 0’ N - Mit einer Meisterleistung in der arktischen Seefahrt ist es der Crew der Dranitsyn um Kapitän Alexander Erpuleva gelungen, ihren Eisbrecher an die „Polarstern“ heranzuführen.

Von Michael Gutsche

Während der Navigation im schwierigen Eis stellten Fernerkundungs-Experten des MOSAiC-Teams um Robert Ricker hochauflösende Satellitenbilder zur Verfügung. Dies ist ein wichtiges Instrument für die Dranitsyn-Crew, um Rinnenverläufe in der aktuellen Eisbedeckung zeitnahe zu lokalisieren. Damit ist nicht nur der Austausch aller Expeditionsteilnehmer gewährleistet, sondern auch die wichtige logistische Versorgung der seit Oktober im Eis eingeschlossenen Polarstern.

Mehr als vier Wochen waren wir auf dem Eisbrecher unterwegs. Die stürmische Überfahrt auf der Barentssee bei Windgeschwindigkeiten von mehr als 120 Stundenkilometern war nur der Auftakt. Die Eisgrenze erreichten wir am 5. Februar südöstlich von Spitzbergen bei etwa 77 Grad nördlicher Breite. Anschließend nahmen wir durch sogenanntes Pancake-Eis immer noch recht flott mit 12 bis 14 Knoten nordöstlichen Kurs auf Franz-Josef-Land.

Presseisrücken versperren die Weiterfahrt

Der Kurs wurde von der Dranitsyn Crew strategisch gewählt, um sogenannte Polynjia – das sind Wasserstraßen im Eis, die mit den polaren Strömungsverhältnissen in der Nähe von Festland entstehen – ausnutzen zu können. Die Strategie ging auf, und wir konnten über den 83 Grad nördlicher Breite vordringen, ohne uns nennenswert im arktischen Eis festzufahren. Ab dem 84 Grad wurde die Fahrt dann deutlich anspruchsvoller, denn wir bewegten uns zunächst in einjährigem und später mehrjährigem Meereis mit einer Mächtigkeit bis zu zwei Metern.

Immer wieder versperrten eindrucksvolle Presseisrücken die Weiterfahrt, und der Eisbrecher musste teils mehrmals Anlauf nehmen und sich mit seinem ganzen Gewicht den Eismassen entgegenwerfen. Am eindrucksvollsten begleitet man diese Manöver direkt auf der Brücke, untermalt von russischen Kommandos des Kapitäns und seiner Offiziere.

Außentemperaturen bis zu minus 38 Grad Celsius

Mit seiner unglaublichen Erfahrung fand das russische Führungsteam mit viel Fingerspitzengefühl immer wieder kleine Wasserkanäle, sogenannte Leads, die durch die Hub- und Senkbewegungen der Tide entstehen und gerade in der Zeit um Vollmond häufiger vorkommen. Noch nie zuvor war ein konventionell betriebener Eisbrecher im Februar in diese Breitengrade vorgedrungen.

Außentemperaturen bis zu minus 38 Grad Celsius und Windgeschwindigkeiten von mehr als 100 Stundenkilometern führten zur kompletten Vereisung aller Schiff-Decks. Drei Wochen lang umgab uns die Polarnacht, doch seit einigen Tagen nehmen die Dämmerungsphasen spürbar zu, und die Lichtstreifen am Horizont haben Symbolcharakter.

Professionelle Eisbärwächter sichern ab

Wir sind am Ziel unserer Träume. Die Polarstern ist zu sehen. Wir bleiben einen Kilometer entfernt, auch um eine angelegte Start- und Landebahn für mögliche Sonderflüge nicht zu beschädigen. Die Strecke zwischen den beiden Schiffen wurde mit einer Pistenraupe in eine komfortable Fahrstraße verwandelt, über die nun Personen und Fracht ausgetauscht werden können.

Professionelle Eisbärwächter sichern die Strecke. In den nächsten Tagen werden wir von den Teilnehmern des zweiten Expeditionsabschnittes in unsere Aufgabenbereiche eingewiesen, dann „ziehen“ wir in die Polarstern und sie in die Dranitsyn um – um mit dieser anschließend wieder zurückzufahren.

In regelmäßigen Abständen berichtet Michel Gutsche exklusiv für unsere Zeitung direkt von der Polarstern-Expedition zum Nordpol.

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