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„Hier ist jeder gleich“ - Vier Osthessen teilen ihre Erfahrungen vom Jakobsweg

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Von: Daniela Petersen

Oberbürgermeister Heiko Wingenfeld läuft den Jakobsweg in Etappen.
Oberbürgermeister Heiko Wingenfeld läuft den Jakobsweg in Etappen. © privat

Der Jakobsweg erfreut sich einer wachsenden Beliebtheit. Auch vier Osthessen haben das Pilgern für sich entdeckt und teilen ihre Erlebnisse.

Fulda - Der Zustrom auf dem Jakobsweg sorgt mancherorts für „Land unter“. Die Unterbringung entlang der Strecke nach Santiago de Compostela wird zunehmend zum Problem. Privatherbergen sind ausgebucht, freie Quartiere rar. Auch in Osthessen ist das Abenteuer beliebt. Vier Pilgernde berichten von ihren Erfahrungen auf dem Jakobsweg: Einige waren monatelang unterwegs, andere pilgern in Etappen. Doch für alle ist es ein ganz besonderes und lebensbereicherndes Erlebnis.

Zustrom auf Jakobsweg: Vier Osthessen teilen ihre Pilger-Erfahrungen

Wenn man in der Kathedrale von Santiago de Compostela ankommt und der Jakobusfigur die Hand auf die Schulter legt – das ist für Fuldas Stadtpfarrer Stephan Buß ein Moment, den er bei seiner Pilgerwanderung nie vergessen wird. „Ich lege ihm dann all die Menschen ans Herz, die mich gedanklich auf dem Weg begleitet haben“, sagt der 61-Jährige. Er ist schon weit mehr als 2000 Kilometer auf dem Jakobsweg gegangen. Das erste Mal 1999, dann zwischen 2005 und 2009 jedes Jahr, immer in Etappen, weil er nie mehr als vier Wochen freinehmen konnte.

Hinzu kommen die vielen Zubringerwege, die es auch in Osthessen gibt und die er gegangen ist. „Es gibt dieses berühmte Sprichwort: Der Weg ist das Ziel. Und auf diesem Weg spielt sich Vieles ab. Ich habe dort Menschen kennengelernt, zu denen ich heute noch Kontakt habe. Viele von ihnen haben eine Lebenssehnsucht und sind auf der Suche nach einem Halt. Ich habe zum Beispiel eine Studentin getroffen, die schon drei Studiengänge angefangen hat und den Weg gegangen ist, um erstmal Klarheit zu bekommen, wo ihr Weg hinführt.“

An eine Situation kann er sich gut erinnern. 2006 hat er an einem Kreuz einen Gottesdienst gehalten und brasilianische Professoren, die auch gepilgert sind, dazu eingeladen. „Aus Dankbarkeit hat mir einer von ihnen seinen Pilgerstab geschenkt“, sagt er. Für Buß sind die unterschiedlichen Wege, die man geht, ein Spiegelbild des Lebens: „Manchmal ist es wunderschön und man läuft über Moosböden in Galizien, dann ist es beschwerlich oder eintönig, wenn man kilometerweit durch Industriegebiete geht.“

Dass im Moment viele auf dem Pilgerweg sind, kann sich der Stadtpfarrer gut vorstellen: „Es war schon zwischen 1999 und 2005 bemerkbar, dass das zunimmt. Das Urige geht da vielleicht ein bisschen verloren, und es gibt auch die Tendenz, dass manche Santiagopilger auf andere Wege, zum Beispiel den Franziskusweg, ausweichen, der nicht so überlaufen ist.“

Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld ist seit 2012 immer wieder auf Pilgerwegen unterwegs. „2018 ist der Entschluss gereift, den Jakobsweg in Etappen zu laufen. Ich finde es wichtig, seine Träume nicht auf später zu verschieben, man weiß nie, was passiert“, sagt der 49-Jährige. Mittlerweile ist er 32 Tagesetappen gemeinsam mit einem langjährigen Freund gegangen und in Lyon gelandet, 850 Kilometer haben die beiden geschafft.

Stadtpfarrer Stephan Buß war 1999 das erste Mal auf dem Jakobsweg.
Stadtpfarrer Stephan Buß war 1999 das erste Mal auf dem Jakobsweg. © privat

Der Jakobsweg habe den Oberbürgermeister schon immer interessiert. Für ihn ist das Pilgern etwas ganz Besonderes: „Es ist die ideale Möglichkeit, um Abschalten zu können. Man kann sich konzentrieren und die Gedanken ordnen. Mir hilft es, meine Ideen zu strukturieren. Es klingt pathetisch, aber es hilft, die innere Einkehr zu finden.“ Es sei zudem eine „wohltuende und heilsame Erfahrung“, sich zu reduzieren. „Das fängt bei der Frage an, wie viel man einpackt, welche Kleidung brauche ich wirklich? Man muss ja jedes Gramm mehrere Tage tragen“, sagt er. „Hinzu kommt der veränderte Blick auf die Landschaft, die Natur, man nimmt die Dinge beim Gehen ganz anders wahr.“

Früher, als Wingenfeld Mountainbike gefahren ist und auch Alpenüberquerungen gemacht hat, sei er häufig an Orten vorbei gerauscht. „Ich glaube, das Laufen ist für den Menschen das Tempo, wo er seine Umwelt am besten wahrnimmt. Man genießt es, mit wie wenig man zufrieden sein kann. Man erfreut sich an frischem Wasser, an einem Espresso oder an einem kühlen Bier, wenn man die Anstrengung hinter sich hat.“

Wann er in Santiago de Compostela ankommen wird, weiß er noch nicht. Wahrscheinlich wird es 2024, bis er von Lyon die nächste Etappe seiner großen Tour angehen wird. Kleinere Pilgerwanderungen unternimmt er aber auch mal zwischendurch: „Im März bin ich an einem Wochenende den Jakobsweg von Fulda über den Kreuzberg nach Schweinfurt gelaufen“, sagt er.

Ingrid Chiari und Matthias Moser
Ingrid Chiari (links) war 2005 vier Monate mit ihrem Mann auf dem Jakobsweg unterwegs. Matthias Moser (rechts) ist gerade auf dem Jakobsweg. Er ist in Fulda gestartet und läuft nach Spanien und zurück. © privat

Und noch etwas erzählt er: Im Herbst soll der Jerusalemweg – auch ein Stück des Jakobswegs – in Fulda eingeweiht werden. „Dieser Pilgerweg führt von Santiago de Compostela bis Jerusalem und dabei auch an Fulda vorbei“, sagt er. Diesen Weg würde er dann am liebsten auch gehen.

Als Dr. Reinhard Chiari, der als Urologe in Lauterbach gearbeitet hat, in Pension ging, machten er und seine Frau Ingrid sich 2005 in Fulda auf, um vier Monate lang den Jakobsweg zu gehen. Von Fulda, zum Bodensee, Schweiz und Frankreich bis nach Spanien. Über 3000 Kilometer, immer 20 bis 40 Kilometer pro Tag. „Wir hatten durch den Beruf meines Mannes wenig Zeit zusammen, da kam der Gedanke auf“, sagt die 83-Jährige.

Der spirituelle Teil einer solchen Wallfahrt sei für sie wichtig. Eines habe sie in dieser Zeit gelernt: In kniffligen Situationen kommt Hilfe. „Es gab zum Beispiel eine Situation, als wir über den eher einsamen Somport-Pass gelaufen sind und uns verlaufen haben. Ein Schneesturm hat uns erwischt, und als wir an einer Gabelung nicht weiter wussten, stand da plötzlich ein Bauer – zum richtigen Zeitpunkt –, der uns erklärt hat, wo wir lang müssen. Das ist uns einige Male passiert. Ich habe das für mich so gedeutet, dass wir geborgen waren“, sagt Ingrid Chiari. Sie sei gläubig. Und auch auf dem Weg hätten sie und ihr Mann sich angewöhnt, Gebete zu sprechen.

Nach der großen Pilgerwanderung 2005 seien die beiden immer wieder gepilgert, zum Beispiel den Franziskusweg von Florenz nach Rom. Einige Freundschaften seien auf diesen Reisen entstanden, Freundschaften, die „tragfähig“ sind, wie sie sagt. 2020 ist Reinhard Chiari gestorben. „Kurz vor seinem Tod, sagte er, dass diese vier Monate, die wir zusammen auf dem Jakobsweg unterwegs waren, für ihn die schönste Zeit war.“ Auch allein ist Ingrid Chiari schon gelaufen, eine Woche von Fulda nach Bad Kissingen. Sie sei stolz, es geschafft zu haben. „Aber zu zweit ist es schöner und ein wenig unsicher gefühlt habe ich mich schon.“

Video: Sommersonnenwende am Jakobsweg

Matthias Moser ist seit 23. Februar auf dem Jakobsweg. Losgelaufen ist er in Fulda. Gestern nahm er den Ibaneta-Pass in den Pyrenäen. Als er um 8 Uhr an sein Handy geht, läuft er seit einer halben Stunde. Es ist ein Tag von vielen, wie er sagt. Noch viele weitere werden folgen. Bis November ist er unterwegs. Er möchte nämlich nicht nur bis Santiago de Compostela laufen, sondern auch zurück. Am Ende werden das etwa 6500 Kilometer sein. Vor seiner Reise hat er als Vertriebsleiter gearbeitet. „Ich habe schon während meiner Berufszeit diesen Weg in Etappen gelaufen. Ich wusste immer, dass ich mal am Stück laufen möchte, und jetzt habe ich mir diese Auszeit genommen“, erklärt der 58-Jährige.

Für ihn sei es ein Luxus, eine Freiheit, diesen Weg ohne Zeitdruck laufen zu können. „Hier ist jeder gleich. Der Beruf spielt gar keine Rolle.“ Dass der Jakobsweg momentan gut besucht ist, kann er bestätigen. Ein Problem sei das jedoch nicht: „Ich konnte bisher immer eine Herberge für die nächste Nacht finden und zur Not habe ich auch mein Zelt dabei“, sagt er. Es gebe eine große Hilfsbereitschaft.

„Die Herbersgleute sehen das als Kooperation: Sie bieten ihre Herberge an, und die Pilger nehmen sie gedanklich im Gebet mit auf den Weg.“ Zeit für sich zu haben, nachdenken – das seien die Kernthemen auf dem Weg. „Dabei begegnet man ganz verschiedenen Menschen und mit dem ein oder anderen entstehen ganz tiefgehende Gespräche, obwohl man sich theoretisch gar nicht kennt. Es ist eine ganz besondere Atmosphäre“, sagt er.

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