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Zwischen Routine und Sorge: Landwirtschaft in der Region bislang nur bedingt von Corona-Krise betroffen

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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REGION - In der Landwirtschaft gibt es aktuell viel zu tun. Das liegt aber nicht an der Corona-Krise, sondern an Jahreszeit und Witterung. Zwar läuft vieles in der Region normal, dennoch herrscht bei den Landwirten eine gewisse Verunsicherung.

Von unserem Redaktionsmitglied Daniel Krenzer

Derzeit wird der Dünger ausgebracht, die Wiesen gepflegt sowie das Land für die Frühjahrsaussaat vorbereitet. In den nächsten Wochen wird außerdem das Vieh auf die Weide ausgetrieben. „Fällt da ein Mitarbeiter oder gar der Betriebsleiter krankheitsbedingt aus, wird es natürlich vom Arbeitspensum her schnell eng für die verblieben Arbeitskräfte“, sagt Sebastian Schramm, Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes Fulda-Hünfeld.

Das Ausbleiben der Saisonarbeiter aus dem Ausland sei in der Region glücklicherweise weniger ein Problem – anders als in Südhessen, wo die Spargelernte ansteht.

Weniger regionale Produkte, wenn keine Helfer gefunden werden

Etwas Sorgen um die Erdbeerernte in diesem Jahr macht sich indes Stefanie Becker, Geschäftsführerin des Kreisbauernverbands Vogelsberg. Schließlich müssten jetzt die Erdbeerpflanzen gesetzt werden, was oft mithilfe ausländischer Arbeitskräfte geschehe. „Wenn hier keine Helfer gefunden werden, wird es im Sommer weniger regionale Produkte geben, was sehr schade wäre.“ Ein Problem könnten zudem Betriebe haben, die Schlachtvieh nun aufgrund der Krise vielleicht nicht verkaufen könnten.

Zum Teil seien Milchbetriebe in Main-Kinzig-Kreis ebenfalls vom Ausfall ausländischer Arbeiter betroffen, insgesamt nehme aber fast alles seinen gewohnten Gang, berichtet Mark Trageser, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Main-Kinzig. Größter Leidtragender der aktuellen Situation dürfte Bauer Würfl in Gründau sein, dessen Spargelstände auch im Fuldaer Land bekannt sind. Zwar konnten wir Sebastian Würfl persönlich nicht erreichen, allerdings ist auf der Internetseite jüngst bekanntgegeben worden, dass es wohl an Ostern den ersten Spargel des Jahres geben dürfte.

Teilweise regen Zulauf

Die Corona-Krise kennt aber nicht nur Verlierer. „Wer einen kleinen Hofladen oder eine kleine Metzgerei betreibt, kann als Landwirt aktuell mitunter sogar von der Situation profitieren“, weiß Trageser. Durch dass viele Menschen nun von zuhause aus arbeiteten und aufgrund der Ansteckungsgefahr größere Läden eher mieden, hätten solche kleinen regionalen Versorger zumindest teilweise regen Zulauf. Diese Einschätzung teilt auch der Fuldaer Kollege Schramm: „Einen kleinen Hoffnungsschimmer haben die Landwirte in der Krise jedoch: Dass die heimische Landwirtschaft mit regionaler Erzeugung hochwertiger Lebensmittel eine höhere Wertschätzung erfährt und allen Menschen bewusst wird, wie wichtig es für ein Land ist eine eigene Versorgung mit Nahrungsmitteln zu haben.“

„Menschen können nur das Geld ausgeben, das sie haben“

„Sollte sich die Lage bis Ostern weitestgehend beruhigen, dann dürften die Landwirte ganz gut mit der Krise zurechtkommen“, denkt Trageser. Sollte sie allerdings länger anhalten und sich nachhaltig auf die Wirtschaft auswirken, dann könnte dies durchaus zum Problem werden. „Die Menschen können schließlich nur das Geld ausgeben, das sie auch haben“, fasst der Vorsitzende nüchtern zusammen.

Große Unsicherheit

„Eine große Unsicherheit neben den Marktpreisen besteht aktuell in den der Landwirtschaft vor- und nachgelagerten Bereichen“, gibt Schramm zu bedenken. Es drohten Lieferengpässe bei Futter- und Düngemitteln sowie Ersatzteilen für Maschinen. „Die Betriebe in unserer Region bauen den größten Teil ihres Futters selbst an, sodass die Grundversorgung ihrer Tiere auf jeden Fall gewährleistet ist. Doch beispielsweise Mineralfutter muss zugekauft werden“, führt Schramm aus. Außerdem seien viele Betriebe von den beiden vergangenen Dürrejahren noch gebeutelt, sodass die Sorge von zusätzlichen Störfaktoren groß sei.

„Unser Job ist es, die Versorgung von Nahrungsmitteln sicherzustellen – und das machen wir weiterhin“, betont Mark Trageser. Und das ist nicht nur, aber besonders in einer Zeit mit viel Ungewissheit sehr wichtig.

Erntehelfer gesucht

Nach dem Einreiseverbot für ausländische Saisonarbeiter setzen Hessens Bauern ihre Hoffnungen auf inländische Arbeitskräfte. „Jede helfende Hand ist willkommen“, erklärte Bernd Weber, Sprecher des Hessischen Bauernverbands. Für den erfolgreichen Einsatz von inländischen Erntehelfern seien Lockerung der bestehenden gesetzlichen Regelungen nötig. Ohne zusätzliche Arbeitskräfte drohten bei Sonderkulturen wie Spargel, Kohl, Salat und Möhren Engpässe und Preisanstiege.

Am Mittwoch hatte das Bundesinnenministerium wegen der Corona-Krise ein Einreiseverbot für Saisonarbeiter angeordnet. „Damit hat sich eine schon sehr schwierige Situation noch verschärft“, sagte Weber. Sein Verband war wegen der Infektionsangst ohnehin von 16 000 bis 17 000 fehlenden Erntehelfern ausgegangen. Dass das Ministerium nun auch osteuropäische Arbeiter aus Nicht-Risikoländern mit Gesundheitsattest abweise, „dafür haben die Bauern kein Verständnis“.

Dabei hätten sich bei den Landwirten schon viele freiwillige Helfer aus Deutschland gemeldet, die wegen der Corona-Krise nichts zu tun hätten. „Da sind sogar Zahnärzte dabei“, erklärte Weber. Allerdings müsse man den Menschen auch ehrlich sagen, worauf sie sich einließen. „Spargelstechen ist eine schwere Arbeit, da muss man Physis und Fertigkeiten mitbringen.“ Beim Spargel ist das Problem am drängendsten, die Ernte werde Mitte April richtig losgehen.

Um die landwirtschaftliche Arbeit für inländische Arbeitskräfte attraktiv zu machen, müssten alle Hebel in Bewegung gesetzt werden: Dazu gehörten die Anhebungen der Entgeltgrenze für geringfügig Beschäftigte, bessere Zuverdienstmöglichkeiten für Asylbewerber, Arbeitslose sowie Kurzarbeiter.

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