Am Flughafen in Kabul: Asib Malekzada aus Kassel.
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Am Flughafen in Kabul: Asib Malekzada aus Kassel.

Von der Bundeswehr ausgeflogen

Kasseler erlebt dramatische Stunden bei Flucht aus Kabul

  • Gregory Dauber
    VonGregory Dauber
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Ein Mann aus Kassel reist nach Kabul, um seine Verlobte herauszuholen. Der Krieg in Afghanistan spitzt sich zu. Die Flucht offenbart die dramatische Lage im Land.

Kabul/Kassel – Der Kasseler Asib Malekzada steckte seit Tagen in der afghanischen Hauptstadt Kabul fest. Von dort wollte er seine Verlobte nach Deutschland holen. Am Mittwochnachmittag (18.08.2021) wurden beide ausgeflogen.

„Wir sind jetzt sicher im Flieger“, schreibt Asib Malekzada in einer Textnachricht um 16.35 Uhr deutscher Zeit. „Die Deutschen hier vor Ort sind sehr hilfsbereit und strukturiert.“ Die Stunden und Tage davor in Afghanistan waren für den 32-jährigen Kasseler und seine Verlobte* Stunden der Angst und Unsicherheit. Seit Mittwochnachmittag sind die beiden auf dem Weg nach Deutschland. In Kassel, wo Malekzada seit mehr als 20 Jahren lebt, wollen sie bald heiraten.

Asib Malekzada reist wegen Verlobter nach Kabul - und sitzt mitten im Afghanistan-Krieg fest

Noch am Dienstag war Malekzada völlig verzweifelt: „Ich werde hier im Stich gelassen“, sagte der Mann aus Kassel im Gespräch mit der HNA*. „Wir sind mitten im Krieg und es scheitert an Formalitäten.“ Am Abend war dann klar geworden: Nicht die Deutschen verweigern die Mitnahme seiner afghanischen Verlobten. Taliban und US-Streitkräfte am Gelände des Flughafens ließen niemanden durch, der keinen ausländischen Pass bei sich hatte.

Malekzada wurde zwar in Kabul geboren, hat aber einen deutschen Pass. Garantien oder verlässliche Aussagen konnte ihm niemand geben. „Sie haben uns gesagt, dass wir versuchen sollen, uns zum Flughafen durchzuschlagen. Ich soll die Hand meiner Verlobten nehmen und mich bis zum deutschen Personal durchkämpfen“, sagte er am späten Dienstagabend in einer Sprachnachricht.

Ausharren in der Hitze: Malekzadas Bilder zeigen viele Afghanen, die ohne jegliches Hab und Gut und streng bewacht im militärischen Teil des Flughafens warten.

Afghanistan: Schreckliche Szenen bei der Flucht aus Kabul - „Wir mussten über Tote gehen“

Genau 17 Stunden später kommt die nächste Nachricht: „Wir haben es endlich geschafft. Wir sind auf dem militärischen Teil des Flughafens.“ Seine Stimme klingt erschöpft, im Hintergrund ist es sehr laut. „Der Weg hierhin war leider nicht so einfach, sehr gefährlich. Wir haben mehrere Checkpoints der Taliban passiert.“

Am Flughafen angekommen, zeigt sich ihm das ganze Ausmaß der humanitären Katastrophe. Die Bilder und Videos von Menschen in Panik gehen seit Tagen um die Welt. „Hier stehen Tausende vor den Toren und versuchen reinzukommen. Amerikaner haben wild um sich geschossen, auch gezielt. Wir mussten über Tote gehen. Kinder sind kollabiert.“ Seine Stimme bricht immer wieder. „Wir sind sehr dankbar und froh. Wir sind glücklich, bald zu Hause zu sein.“

Nur Wasser, kein Essen: Mann aus Kassel und seine Verlobte müssen auf Evakuierungsflug warten

Dann müssen Malekzada und seine Verlobte warten. Wir nennen ihren Namen nicht, um die Ausreise und ihre zurückgebliebene Familie in Afghanistan nicht zu gefährden. „Wir wissen nicht, wann der Flieger geht“, schreibt er am frühen Nachmittag. Auf dem militärischen Teil des Flughafens, der nördlich von der Landebahn und damit weiter vom Stadtzentrum entfernt liegt, harren sie aus.

Am Tag zuvor berichtete Malekzada von 38 Grad. Schon seit Wochen soll kein Regen mehr gefallen sein. Als Verpflegung gibt es nur Wasser, kein Essen. Auf den Bildern, die er schickt, sind Soldaten und viele Afghanen zu sehen. Sie sitzen an Mauern mit Stacheldraht obendrauf. Es sind Frauen, Männer und Kinder. Manche tragen Masken, Gepäckstücke sind kaum zu sehen.

Letzte Meter auf afghanischem Boden: Asib Malekzada steht in einer Menschenschlange vor der Bundeswehr-Maschine, als er dieses Foto macht. Kurz darauf hebt der Airbus A400M Richtung Taschkent in Usbekistan ab.

Die Flugroute raus aus Afghanistan: Kabul - Taschkent - Frankfurt

Als die beiden in den Airbus A400M der Bundeswehr steigen, beginnt die Nacht hereinzubrechen. „Es sind überwiegend ehemalige afghanische Mitarbeiter der Deutschen mit uns im Flieger. Es sind circa 300 Menschen mit uns hier drin. Es ist sehr laut“, schreibt er kurz vor dem Abflug. Kurz darauf werden die Whatsapp-Nachrichten nicht mehr auf sein Handy zugestellt. Das Transportflugzeug ist in der Luft, auf dem Weg zur usbekischen Hauptstadt Taschkent.

Von dort aus soll es mit einer normalen Passagiermaschine der Lufthansa weiter nach Frankfurt gehen. „Die Flugzeuge, die wir nach Taschkent entsenden, wurden vom Auswärtigen Amt gechartert“, heißt es von der Lufthansa auf Anfrage. Für die nächsten Tage plane man laufend weitere Transporte, doch das liege in der Hand der Behörde.

Gerade in Kabul gelandet: Mit diesem Transportflugzeug wurden Malekzada, seine Verlobte und weitere 227 Personen in Sicherheit gebracht.

Flucht aus Afghanistan: Bundeswehr meldet über 600 Menschen in Sicherheit

Als es auch in Deutschland langsam Abend wird, schreibt die Bundeswehr auf Twitter: „Der nächste A400M ist um 17.15 Uhr in Kabul gestartet. Wir bringen 229 zu Schützende aus #Afghanistan. Damit ist insgesamt der 5. Evakuierungsflug von der #Bundeswehr durchgeführt worden – über 600 Menschen sind in Sicherheit!“

Um 18.41 deutscher Zeit landet das Flugzeug in Taschkent, twittert die Bundeswehr später. Um Punkt 20 Uhr die letzte Nachricht von Malekzada: „Wir sind sicher gelandet. Gerade werden alle vom Auswärtigen Amt in einer Halle registriert. Die Lufthansa-Maschine soll schon bereitstehen.“ Der Flug von Taschkent nach Hause dauert etwa sechseinhalb Stunden. (Gregory Dauber) *Hna.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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