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„Liebe größer als Geschäftssinn“: Rente in Deutschland – Vielen Handwerkern droht Altersarmut

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Von: Lisa Mayerhofer

Rund 60 Prozent der Bürgerinnen und Bürger befürchten, im Alter von Armut betroffen zu sein – gerade Handwerker fürchten, dass die Rente nicht reicht.
Rund 60 Prozent der Bürgerinnen und Bürger befürchten, im Alter von Armut betroffen zu sein – gerade Handwerker fürchten, dass die Rente nicht reicht. © Maurizio Gambarini/dpa

Altersarmut durch eine niedrige staatliche Rente kann auch gutverdienende Handwerkerinnen und Handwerker treffen. Fachleute warnen vor Denkfehlern.

Frankfurt/Berlin – Viele Deutsche machen sich Sorgen, in die Altersarmut zu rutschen: Aus einer aktuellen Altersvorsorge-Befragung des Deutschen Instituts für Vermögensbildung und Alterssicherung (DIVA) geht hervor, dass 60 Prozent der Bürger und Bürgerinnen befürchten, im Alter von Armut betroffen zu sein.

Warum diese Angst so weit verbreitet ist, macht eine Twitter-Nutzerin deutlich. Sie schreibt: „Um eine Rente von 2000 Euro brutto zu bekommen, müsst ihr ein Brutto-Gehalt von 4200 Euro monatlich erzielen und das 45 Jahre lang. Das ist ein Jahresgehalt von 50.000 Euro. Mein Bruder ist Tischler und erhält ein Jahresgehalt von 26.000 Euro bei einer 40-Stunden-Woche. Das bedeutet Altersarmut.“

Fachkräften im Handwerk droht Altersarmut: Niedrige Rente durch wenige Beitragsjahre

Mit ihrer Rechnung liegt sie ziemlich richtig: Laut einem Bericht des Nachrichtenportals Focus Online müsste man mindestens 45 Jahre lang 4500 Euro brutto verdienen, um später eine Rente von 2000 Euro zu erhalten. Das ist für die meisten Deutschen nicht möglich. Tischlerinnen und Tischler erhalten zum Beispiel laut jobs-regional.de ein durchschnittliches Jahreseinkommen zwischen 24.000 und 33.000 Euro.

Der Bruder der Twitternutzerin müsste sich in diesem Beispiel – falls er 45 Jahre lang in die Deutsche Rentenversicherung eingezahlt und dasselbe verdient hat – mit etwa 975 Euro Rente zufriedengeben. Wenn er nur auf 30 Beitragsjahre kommt, dann sind es nur noch etwa 650 Euro. Das reicht kaum zum Leben.

Dies wäre bei einer Handwerkerbiografie keine Seltenheit: Viele Handwerker und Handwerkerinnen sind selbstständig und müssen deshalb nicht in die Rentenkasse einzahlen. So kommen sie nur auf wenige Beitragsjahre und damit auf eine niedrige gesetzliche Rente. Darüber hinaus sind die Gehälter in manchen Gewerken wie bei den Friseuren, Fliesenlegern oder Malern gering – und damit das Risiko für Altersarmut hoch.

Handwerk: Altersvorsorge nicht nur über staatliche Rente regeln

„Bei manchen ist die Liebe zum Handwerk größer als der Geschäftssinn“, sagt Georg Cramer, Geschäftsführer der Handwerkskammer Düsseldorf, gegenüber dem Fachmagazin Handwerksblatt. In schwierigen Fällen können sich betroffene Handwerksunternehmer und -unternehmerinnen an die Kammern wegen einer Altershilfe wenden.

Deshalb weiß Cramer, dass es selbst bei gutverdienenden Handwerkern manchmal im Alter eng werden kann. Die Gründe sind vielfältig: Krankheit, Konkurs, Pech – oder sie haben sich schlicht kaum darum gekümmert, selbst eine Vorsorge aufzubauen. Cramer warnt laut dem Magazin Handwerker und Handwerkerinnen vor der Vermutung, dass die Rente aus den 18 Jahren Handwerkerpflichtversicherung ein schöner Grundstock sei: „Wer immer den Regelbetrag gezahlt hat, bekommt eine Durchschnittsrente von nur 500 Euro.“

Wege, die eigene Rente zu erhöhen

Gesetzliche RenteFreiwillige Zusatzbeiträge, mehr Berufsjahre anhäufen
BetriebsrenteVom Arbeitgeber finanzierte oder Bezuschusste Altersvorsorge
Private RentenvorsorgeAuf einem Tagesgeldkonto sparen oder in Indexfonds investieren
Grundsicherung\tNotfalls Sozialhilfe beantragen, wenn die Rente nicht ausreicht

Professor Michael Heuser, Wissenschaftlicher Leiter des DIVA, sieht das ähnlich: „Viele denken bei ihrer Altersvorsorge allein an die gesetzliche Rente, und die wird in der Tat kaum mehr reichen.“ Die Menschen müssten ein stärkeres Bewusstsein dafür entwickeln, welche zusätzlichen Einnahmen im Alter zur Verfügung stehen können, beispielsweise aus privat abgeschlossenen Renten oder aus Erbschaften. „Zudem fallen einige Ausgaben im Alter weg. Es ist wichtig, dass das Projekt „säulenübergreifende Renteninformation“ endlich in der Breite eingeführt wird“, so Heuser. (lma/dpa)

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