Erste Corona-Impfungen in Hausarztpraxen
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Seit etwa zwei Wochen darf auch beim Hausarzt gegen das Coronavirus geimpft werden. Doch noch immer hängt Hessen bei der Impfquote stark hinterher.

Corona-Pandemie

Katastrophale Impfquote in Hessen: Hoffnung ruht auf den Hausärzten ‒ „Gebt uns mehr Impfstoff“

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  • Isabel Wetzel
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  • Erik Scharf
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Hessen hinkt beim Impfen gegen das Coronavirus deutlich hinterher. Ausschlaggebend dafür sind eine Vielzahl von Faktoren.

Update vom Freitag, 23.04.2021, 11.55 Uhr: Seit etwa zweieinhalb Wochen dürfen in Hessen auch die Hausärzte die Corona-Schutzimpfung verabreichen. Seit dem Start haben in den hessischen Arztpraxen bereits mehr als 174.000 Menschen eine erste Corona-Schutzimpfung erhalten. Das geht aus den Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) hervor (Stand 21. April). 465 Menschen in Hessen haben bei niedergelassenen Ärzten bereits beide Impfungen erhalten.

Trotz der vielversprechenden Zahlen ist bei den Corona-Impfungen vielerorts der Frust ein täglicher Begleiter. „Der Start zeigt deutlich, zu welcher Schlagzahl die Vertragsärzteschaft in der Lage ist“, sagte der hessische Ärztekammerpräsident Edgar Pinkowski Anfang der Woche (19.04.2021). Laut Pinkowski könnten die niedergelassenen Ärzte noch mehr leisten, die Wartelisten seien nach wie vor sehr lang. „Gebt uns Impfstoff, und wir machen aus dem lauen Lüftchen einen Orkan“, sagte Pinkowski.

Corona-Impfung in Hessen: Katastrophale Quote - Ein Impfstoff-Problem?

Insgesamt wurden in Hessen bislang 1,23 Millionen Menschen einmal und knapp eine halbe Million zweimal geimpft. Die Impfquote ist mit 19,6 Prozent so gering wie in keinem anderen Bundesland.

Das Produkt von Astrazeneca spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Bei den Erstimpfungen in hessischen Hausarztpraxen wurden laut RKI 152.000 Menschen mit Biontech/Pfizer und rund 22.500 mit Astrazeneca geimpft. Nur der Impfstoff von Moderna ist mit 35 Erstimpfungen noch seltener. In Impfzentren, mobilen Teams und Krankenhäusern in Hessen ist das Verhältnis der Impfstoffe anders: Astrazeneca wurde hier etwa halb so oft verimpft wie Biontech/Pfizer, Moderna ist am seltensten. „Natürlich spürt man das unberechtigte Imageproblem dieses Impfstoffs“, sagte ein Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen zur Zurückhaltung bei den Patienten. Seit Freitag (23.04.2021) kann sich nun auch die Priorisierungsgruppe 3 für die Corona-Schutzimpfung in Hessen anmelden. Das betrifft rund 1,5 Millionen Bürger.

Katastrophale Impfquote in Hessen: Ministerium und Kreise beschuldigen sich gegenseitig

Erstmeldung vom Donnerstag, 22.04.2021: Wiesbaden – Seit einigen Monaten laufen die Impfungen gegen das Coronavirus*. Ihre erste Impfung haben bis einschließlich Donnerstag (22.04.2021, Stand: 10.43 Uhr) gut 1,68 Millionen Hessen erhalten. Vollständig geimpft sind gut 459.182 Menschen, wie aus den Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) hervorgeht. Angesichts der Einwohnerzahl von etwas über 6 Millionen Hessen klingt dies wie ein Erfolg.

Schaut man jedoch bundesweit, ist die hessische Impfquote eine Katastrophe. Denn im bundesweiten Vergleich liegt Hessen abgeschlagen auf dem letzten Platz. Als einziges Bundesland hat Hessen die Quote von 20 Prozent geimpften Bürgerinnen und Bürgern noch nicht erreicht, derzeit haben 19,6 Prozent die Erstimpfung bekommen. Zum Vergleich: Bremen (24,1 Prozent) und das Saarland (24,0 Prozent) sind über vier Prozentpunkte voraus. Das geht aus den Daten des RKI hervor.

Corona in Hessen: Impfkampagne von Anfang an im Hintertreffen

Ein Grund dafür, so die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, sei der missglückte Start der Impfkampagne in Hessen, der von überlasteten Servern und Hotlines geprägt war. Von Anfang an war das Bundesland im Hintertreffen, aufholen konnte es jedoch nie.

Ein weiterer Grund ist die Impfstrategie des Bundeslandes, aber auch der einzelnen Landkreise. In Hessen wurden große Reserven angelegt, um jeder Person die bereits eine erste Impfdosis bekommen hatte auch eine zweite Dosis garantieren zu können. Andere Bundesländer, wie etwa Mecklenburg-Vorpommern priorisierten im Gegensatz die erste Impfdosis und mussten daher gelegentlich auch Termine für die zweite Impfdosis wegen Impfstoffmangel absagen, wie die „FAZ“ berichtet. Dies sei in Hessen gar nicht vorgekommen.

Corona-Impfung in Hessen: Ministerium und Kreise beschuldigen sich gegenseitig

So seien nach Informationen der „Hessenschau“ im Landkreis Kassel, im Kreis Darmstadt-Dieburg und im Main-Kinzig-Kreis bis zu 10.000 Dosen im Kühlschrank gelagert worden. Dagegen seien im Odenwaldkreis und Kreis Waldeck-Frankenberg die Lieferungen zügig verimpft worden. Für die Impfstoff-Lagerung gab es Kritik vom Ministerium. Dort habe man selbst einen Vorrat angelegt, um bei Engpässen helfen zu können. Dass Landkreise die Impfdosen hamstern, sei unnötig.

Die Kreise wiederum schieben die Schuld dem Ministerium zu. Ungeplant größere Lieferungen würden keinen Vorteil bringen, weil dafür keine Termine vereinbart worden seien, bemängelte beispielsweise der Main-Kinzig-Kreis gegenüber der „Hessenschau“. Vom Ministerium nicht freigeschaltete Termine und Doppelbuchungen sorgten dafür, dass der Kreis Kassel eine eigene Termin-Seite online stellte, berichtet hna.de*.

Impfen: Hessen bekam anfangs weniger Corona-Vakzin als andere Bundesländer

Ein wichtiger Faktor ist auch, dass Hessen anfangs prozentual weniger Impfstoff bekommen hat als andere Bundesländer, wie das Innenministerium dem „Hessischen Rundfunk“ mitteilte. Dies lag an dem Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz, die Impfungen in Gebieten mit einer hohen Verbreitung von Corona-Mutanten zu forcieren. Dazu zählten vor allem Grenzgebiete – nicht das zentral gelegene Hessen.

Hessen ist bei der Impfquote Schlusslicht in Deutschland. Große Hoffnung liegt auf dem Impfstart in den Hausarztpraxen.

Auch die Terminvergabe spielt in diese niedrigen Zahlen mit hinein. Derzeit fänden einfach mehr Zweitimpfungen statt. Denn für einen vollen Schutz sind zwei Spritzen im Abstand von drei bis fünf Wochen vonnöten. Bei diesen liegt Hessen übrigens mit 7,3 Prozent auf Platz sechs im vorderen Mittelfeld und weit über Bundesdurchschnitt, zeigt ein Blick auf die Zahlen des Robert-Koch-Institutes.

Corona: Starker Anstieg der Impfungen in Hessen erwartet

Durch die bevorstehende Öffnung der großen Gruppe der 60 bis 69-Jährigen könnten außerdem innerhalb kürzester Zeit hunderttausende Impfstoffdosen des Impfstoffes Vaxzevria von Astrazeneca verimpft werden, berichtet die „FAZ“. Auch die Impfungen bei den Hausärzten* sollten die Zahlen weiter nach oben treiben. Seit zwei Wochen darf auch dort geimpft werden, laut dpa standen jeder der 3.500 Hausarztpraxen jedoch nur 20 Dosen pro Woche zur Verfügung. Entsprechend lang sind die Wartelisten.

Das größte Problem ist, wie Hessens Gesundheitsminister Kai Klose der dpa sagte, jedoch noch immer der Mangel an Impfstoff. „Wir hoffen sehr, dass die Menge hier in der nächsten Zeit, wie durch den Bund angekündigt, signifikant erhöht werden kann.“ Hier ist das Bundesland allerdings auf die Lieferungen der Konzerne angewiesen. Wann also alle Hessen ein Impfangebot bekommen haben werden, dies steht derzeit noch in den Sternen. (als) *fnp.de und hna.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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