Ein Lokal in Hamburg weist auf die  2G-Regel hin: Hier ist sie bereits gang und gäbe. Ein Gastronom aus Wiesbaden setzt als Vorreiter in Hessen jetzt auch auf das Modell und bekommt ganz unterschiedliche Reaktionen.
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Ein Lokal in Hamburg weist auf die 2G-Regel hin: Hier ist sie bereits gang und gäbe. Ein Gastronom aus Wiesbaden setzt als Vorreiter in Hessen jetzt auch auf das Modell und bekommt ganz unterschiedliche Reaktionen.

Corona-Pandemie

Nur noch geimpft oder genesen: Gastronom bekommt Anfeindungen, weil er auf 2G-Regel setzt

  • Isabel Wetzel
    VonIsabel Wetzel
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Ein Pub-Besitzer in Wiesbaden will künftig nur noch Geimpfte oder Genesene in seiner Gastronomie empfangen. Dafür bekommt er viel Zuspruch, aber auch Anfeindungen. 

Wiesbaden ‒ Die vierte Corona*-Welle erreicht Deutschland. Das Robert Koch-Institut (RKI) berichtet von schneller steigenden Fallzahlen und die Krisenstäbe von Bund, Ländern und Kommunen beraten wieder über neue Maßnahmen und Regeln zur effektiven Eindämmung der Pandemie. Ein entscheidender Unterschied zum vergangenen Jahr ist, dass die Politik in diesem Herbst keinen harten Lockdown mehr vorsieht. Experten, wie Virologe Martin Stürmer aus Frankfurt*, erklären, dass die Infektionszahlen vor allem deshalb so rasant ansteigen, weil das Virus primär diejenigen befällt, die nicht geimpft sind: Es nimmt den Weg des geringsten Widerstandes.

Geimpfte und Genesene dagegen seien aktuell dagegen nicht bedeutend am Infektionsgeschehen beteiligt. Die sogenannte 3G-Regel (Geimpft, Getestet, Genesen) ist daher die Basis vieler neuer Corona-Maßnahmen. Als erstes Bundesland in Deutschland hat Hamburg für Veranstalter und Gastronomen nun zusätzlich ein „2G-Optionsmodell“ eingeführt.

2G statt 3G: Gastronomen dürfen Ungeimpfte in der Corona-Pandemie ausschließen

Der Hamburger Senat hat beschlossen, dass Veranstalter und Gastronomen ihre Dienstleistungen freiwillig nur noch für Geimpfte und Genesene anbieten dürfen. Im Gegenzug dafür würden dann noch einmal die Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus gelockert. Dadurch können unter anderem Restaurants, Hotels oder Fitnessstudios mehr Besucher hereinlassen und eine freie Platzwahl ohne Abstand anbieten. Nur die Maskenpflicht in Innenräumen bleibt vorerst bestehen. Das Modell bietet also Anreize, ungeimpfte Personen auch mit einem negativen Corona-Test nicht mehr hereinzulassen.

Im Zuge der Einführung dieses 2G-Optionsmodells wurden sofort Diskussionen über die Rechtmäßigkeit der Regel und eine „Impfpflicht durch die Hintertür“ laut. ARD-Rechtsexperte Kolja Schwartz erklärte allerdings, dass es privaten Anbietern, wie beispielsweise Gastronomen und Hoteliers, grundsätzlich völlig freisteht, wen sie als Kunden haben möchten und wen nicht, unabhängig von der Corona-Pandemie. Lediglich das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz setzt dieser Freiheit einige Grenzen. Beispielsweise verbietet es die Ungleichbehandlung von Menschen wegen ihrer Ethnie oder ihres Geschlechts - nicht aber wegen des Impfstatus.

Gastronomen dürfen sich also jederzeit entscheiden, Ungeimpfte nicht mehr in ihrem Geschäft zu empfangen - unabhängig von den Vorgaben des Landes. Denn in Hessen* gibt bislang kein generelles Optionsmodell wie in Hamburg, das bei der Anwendung der 2G-Regel Lockerungen verspricht.

Corona in Hessen: Wiesbadener Gastronom setzt auf 2G-Regel - Nur noch geimpft oder genesen

Carlos Roczek möchte dieses Konzept dennoch künftig in seinem Pub in Wiesbaden umsetzen. Auf Facebook veröffentlichte der Gastronom Mitte August ein Bild, auf dem er mit den Worten „Kneipe wie früher“ wirbt und ankündigt, dass bei ihm ab dem 13. September 2021 nur noch die 2G-Regel gelten wird und demnach nur noch Geimpfte und von Corona Genesene ins Roczek‘s Wiesbaden kommen können. Der Wiesbadener begründet die Entscheidung damit, dass dann keine Corona-Abstandsregelungen mehr fällig wären und Gäste endlich wieder an der Theke Platz nehmen können.

In einem Gespräch mit der Frankfurter Neuen Presse erklärt Roczek, wie die Idee entstanden ist. Denn der Wiesbadener hat schon lange bevor Hamburg das 2G-Modell eingeführt hat, einige Hebel in Bewegung gesetzt, um die neue Corona-Regel in seinem Laden einzuführen. Seit die Gastronomie im Mai in Hessen wieder öffnen durfte, hat der Wiesbadener festgestellt, dass ein Großteil seiner Gäste, die hauptsächlich aus dem Rheingau- und Dichterviertel kommen, bereits gegen das Coronavirus geimpft ist. Bei der Fußball-Europameisterschaft im Juni und Juli 2021 bot der Gastronom gemeinsames Mitfiebern im „Roczek‘s“ an und zum ersten Mal in diesem Jahr lief es für die Kneipe wieder richtig gut.

Kneipennormalität trotz Corona: Wiesbadener Gastronom stimmt sich über 2G mit dem Gesundheitsamt ab

Und die Corona-Regeln? Carlos Roczek berichtet, dass das Gesundheitsamt in Wiesbaden ihm genau vorgegeben hatte, wie viele Stühle er in seinem Laden stehen haben darf und in welchen Abständen diese stehen müssten. Doch Geimpfte und Genesene wurden nicht mitgezählt: „Wie Geister durften wir sie in die Lücken setzen“. Als dann auch der 1. FC Köln zum Bundesligastart Anfang August die 2G-Regel einführte und der SV Wehen Wiesbaden nachzog, war Roczek sich sicher, dass das auch bei ihm möglich sein müsse.

Der Gastronom telefonierte mit dem Ordnungsamt und dem Gesundheitsamt in Wiesbaden, fragte auch beim Hotel- und Gaststättenverband Dehoga Hessen nach - und stieß auf Zustimmung. Mit dem Gesundheitsamt sind bisher noch nicht alle Fragen geklärt, welche Corona-Schutzmaßnahmen im „Roczek‘s“ wegfallen dürfen, sobald die 2G-Regel in Kraft ist und wie viele Gäste er dann tatsächlich hereinlassen darf. Aber Carlos Roczek ist zuversichtlich: „Ich habe bei der Wiedereröffnung dreißig Barhocker und Stehtische aus dem Laden geräumt und hoffe, dass ich einige davon wieder aufbauen kann“. Außerdem erhofft er sich durch die Entscheidung ein Gefühl der Sicherheit bei seinen Gästen und Stammgästen, etwas „Kneipennormalität“ und weniger Aufwand und Diskussion bei den Einlasskontrollen.

Solidarität und Hass in Wiesbadener Gastronomie: 2G-Corona-Regel scheidet die Geister

Die Reaktionen der Gäste sind sehr unterschiedlich. Während dem Gastronomen aus Wiesbaden unter der Ankündigung einerseits viel Zuspruch und Solidarität entgegengebracht werden, reagieren andere weniger positiv auf die 2G-Pläne im „Roczek‘s“. Gerade unter seinen Stammgästen hat Roczek das Gefühl, dass sie sich über die Entscheidung freuen, einer wäre sofort auf ihn zugekommen und habe erklärt, sich jetzt doch noch gegen Corona impfen zu lassen. Viele fühlen sich sicherer und einige drückten auch ihren Unmut darüber aus, dass die Gesellschaft für die Kosten der Tests aufkommen müsse, damit in den Kneipen und Restaurants eine gewisse Sicherheit herrscht.

In der Branche wird das Thema rege diskutiert und Roszek sieht sich als eine Art Vorreiter in Hessen. Er glaubt, dass sich im Hinblick auf 2G oder 3G noch einiges tun wird. Bei der Dehoga Hessen bekommt er auch Zuspruch, besonders weil alle Initiativen, die einem erneuten Corona-Lockdown* entgegenwirken, wichtig für das Gastgewerbe sind. „Wer sich dafür entscheidet, nur Geimpfte oder Genesene in sein Lokal einzulassen, trifft damit eine nachvollziehbare Entscheidung und setzt ein klares Zeichen. Das ist durchaus ein Beitrag für die Solidargemeinschaft und zeugt von Courage, denn leider sehen sich solche Betriebe oft Anfeindungen von Impfgegnern ausgesetzt“, erklärt Julius Wagner, der Hauptgeschäftsführer der Dehoga Hessen dem Wiesbadener Kurier.

Endlich wieder ohne Abstand feiern: So bewirbt ein Pub in Wiesbaden die Umstellung auf das 2G-Modell - Nicht alle Gäste sind begeistert.

Drohungen und Nazi-Vergleiche: Wiesbadener Gastronom will an 2G-Regel festhalten

Obwohl die meisten Reaktionen auf die neue Corona-Regel positiv sind, sind unter den über 200 Kommentaren unter Roczeks Facebook-Post auch kritische Stimmen und eben diese Anfeindungen zu finden. Ein Nutzer weist beispielsweise darauf hin, dass die 2G-Regel keineswegs „Kneipe wie früher“ bedeute, da sich auch Geimpfte weiterhin mit dem Coronavirus infizieren und andere anstecken könnten. Eine Überlegung, die auch die Wiesbadener Gastronomengruppe beschäftigt.

„Das sind dann die neuen Superspreader Events, wo Geimpfte sich untereinander anstecken. Später wird es dann den Ungeimpften in die Schuhe geschoben“, beschwert sich ein anderer Facebook-Nutzer. Doch einige wütende Reaktionen reichen bis zu Vergleichen in der Nazi-Zeit. „Vielleicht sollten alle Ungeimpften einen gelben Stern tragen...“, schreibt ein Nutzer. Ein anderer Kritiker hat dem „Roczek‘s“ in Wiesbaden eine extrem negative Google-Bewertung gegeben - unter dem Pseudonym „Querdenker“, berichtet Carlos Roczek.

Außerdem erzählt er, dass kurz nachdem er den Post auf Facebook veröffentlicht hatte, ein Nutzer kommentierte: „Dann komme ich mit 3G und vollem Magazin.“ Diese explizite Drohung wurde von Facebook umgehend gelöscht und obwohl sie den Gastronomen schockieren, lässt er sich dadurch nicht von seinem Entschluss abbringen: „Die meisten sind begeistert und geben mir positives Feedback. Ich werde das durchziehen.“ (iwe)

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