Bischöfin Beate Hofmann im Interview mit dem Leiter des Medienhauses der Landeskirche.
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Bischöfin Beate Hofmann im Interview mit dem Leiter des Medienhauses der Landeskirche.

Im Sommerinterview

Bischöfin Hofmann: „Corona ist keine Strafe Gottes“

Die Corona-Pandemie ist keine Strafe Gottes und auch nicht das Ergebnis politischer Verschwörung. Diese Auffassung vertritt Dr. Beate Hofmann, Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, im Sommerinterview des Medienhauses der Landeskirche.

Kassel - „Corona ist also nichts, was Gott geschickt hat, sondern eine Verknüpfung von vermutlich natürlichen Prozessen und menschengemachter Verbreitung“, sagte die Bischöfin Beate Hofmann.

In dem Interview nahm sie kurz vor ihrem Sommerurlaub auch zu den Themen Rechtsextremismus und Klimakrise sowie zu weiteren aktuellen Fragen Stellung.

Corona ist wie ein Brennglas auf unsere Lebensverhältnisse

Seit Beginn der Corona-Pandemie seien viele Menschen sehr verunsichert und suchten nach Erklärungen für die Krankheit, so die Bischöfin. Für sie persönlich sei ihr Glaube eine Hilfe in der Krise: „Ich erlebe meinen Glauben in dieser Zeit als Geländer. Es ist etwas, woran ich mich festhalten kann,“ sagte sie.

Hofmann widersprach dem Deutungsansatz, dass Corona eine Strafe Gottes sei. Bei der menschengemachten Verbreitung spiele die moderne Mobilität für Urlaub, für Arbeit, für Ausbildung eine entscheidende Rolle. Ihrer Ansicht nach wirkt „Corona wie ein Brennglas auf unsere Lebensverhältnisse“ und zeige in vielerlei Hinsicht soziale Ungleichheiten und viele Probleme in der Welt auf.

„Kirche hat angemessen auf Corona-Krise reagiert“

Nach Einschätzung der Bischöfin hat die Kirche angemessen auf die Corona-Krise reagiert. Man habe versucht, das zu tun, was angesichts der staatlichen Verordnungen möglich gewesen sei.

Die Kranken habe man weiterhin begleitet und da, wo Menschen gestorben seien, haben man sie bestattet. Als positiv wertete Hofmann den Kreativitätsschub, den die Krise bei vielen ausgelöst habe. Viel Neues sei entstanden, „um nah bei den Menschen zu sein, um in Kontakt zu bleiben, um Gottes Wort zu verkündigen“, so die Bischöfin.

Auch habe es einen großen Digitalisierungsschub in der kirchlichen Arbeitswelt gegeben, „weil es nicht mehr anders ging“. Dabei seien die Vorzüge, aber auch die Grenzen des digitalen Arbeitens sichtbar geworden. In der Konsequenz werde man künftig genau überlegen, zu welchen Terminen man hinreise oder welche Termine digital durchführbar seien – nicht nur aus Zeitgründen, sondern auch aus Gründen des Klimaschutzes. Genauso habe Corona das Bewusstsein dafür geschärft, dass man seine Konsumgewohnheiten umstellen könne.

Hofmann äußerte sich besorgt, dass aufgrund der Corona-Pandemie mit weniger Einnahmen zu rechnen sei. Gerade jetzt gebe es viel zu tun in der Begleitung von Menschen, die unter den Folgen der Corona-Pandemie leiden und die besondere Unterstützung brauchen. „Angesichts solcher Herausforderungen weniger Ressourcen zu haben, ist bitter, aber es zwingt uns auch einfach sehr genau zu überlegen, was unser Auftrag ist: Wo will Gott uns jetzt und wie können wir das mit dem, was wir an Ressourcen haben, ermöglichen?“, so Hofmann.

Rechtes Gedankengut und christlicher Glaube nicht vereinbar

Als die schwierigsten Momente in ihrer bisherigen Amtszeit wertete die Bischöfin die Ereignisse in Hanau und Volkmarsen. Abgesehen von ihrer persönlichen tiefen Erschütterung habe sie sich als Bischöfin gefragt, wie Kirche nah bei den Menschen sein könne. In beiden Fällen sei das durch die Notfallseelsorge gut gelungen.

Nach den Ereignissen habe sie auch viel Solidarität seitens der ökumenischen Partner erfahren, mancher habe allerdings auch die bange Frage gestellt: „Seid ihr in Deutschland wieder da, wo ihr 1933 schon mal wart? Was tut ihr denn als Kirche gegen diesen Fremdenhass und gegen diesen Antisemitismus und gegen diese rassistischen Gedanken?“

Sie habe den ökumenischen Partnern versichert, dass die Kirche ganz klar Position beziehe und deutlich mache: „Rechtes Gedankengut und christlicher Glaube sind nicht miteinander vereinbar.“

Die Kirche müsse sich aber auch der Herausforderung stellen, mit den Menschen, die offen für rechtes Gedankengut seien, ins Gespräch zu kommen. Solche Menschen gebe es auch in den eigenen Reihen. Daher solle man in Gesprächen die Chance nutzen, diesen Menschen Erfahrungen zu ermöglichen, die sie in die Lage versetzten, ihre eigenen Positionen zu überprüfen und Vorurteile fallen zu lassen.

Durch Corona-Krise: Menschen haben beim Thema Klimawandel viel gelernt

Die Bischöfin zeigte sich überzeugt, dass die Menschen durch Corona beim Thema Klimawandel viel gelernt haben. „Wir haben gelernt, dass wir unsere Konsumgewohnheiten umstellen können. Wir haben gelernt, dass wir nicht für jede Sitzung fahren müssen. Wir haben gelernt, dass auch nicht jedes Jahr Urlaub am anderen Ende der Welt sein muss. Und ich glaube, dass das sehr wichtige Erfahrungen sind für den Umgang mit dem Klimawandel und für den Kampf gegen die Erderwärmung, denn wir wissen ja schon lange, dass unser Verhalten sich ändern muss, wenn wir die Erderwärmung begrenzen wollen“, sagte die Bischöfin im Interview.

Die Aufgabe von Kirche bestehe darin, mit gutem Beispiel voran zu gehen. „Ich persönlich hoffe auch, dass die Menschen lernen, gesünder zu essen und auch etwas mehr auf Fleisch zu verzichten, weil wir wissen, das ist schädlich für das Klima“, ergänzte die Bischöfin.

Nah am Menschen sein: Sorgenetze in den Regionen knüpfen

Hofmann plädierte dafür, dass sich Kirche noch stärker mit der Zivilgesellschaft und dem Sozialraum vernetzen sollte: „Wie verstehen wir uns auch als Kirche im Dorf? Wo können wir mit anderen zusammen Sorgenetze knüpfen, nah bei den Menschen sein, als Kirche präsent und sichtbar sein?“

Entwicklungsmöglichkeiten sehe sie auch bei der Frage der Kooperation von Kirchengemeinden. In der Corona-Krise gelte es bei der Gottesdienstgestaltung klug abgestimmte Konzepte zu entwickeln, in denen jeder Kooperationsraum für sich prüft, wo Kirchen groß genug seien, um gemeinsam Gottesdienst zu feiern, welche anderen Orte geeignet seien für Gottesdienste und wo es sich anbietet, Gottesdienste digital zu feiern.

Corona habe auch gezeigt, dass Menschen, die an einem Sonntagmorgen keinen Gottesdienst besuchten, sich durch Angebote im Fernsehen oder im Videostream ansprechen lassen. Diese Menschen hätten durchaus Interesse an den Fragestellungen des Glaubens, wenn diese leichter in den familiären Ablauf einzubinden seien.

„Und deswegen glaube ich, werden wir über Gottesdienst am Sonntagabend, Gottesdienst am Samstagabend, Gottesdienst in anderer Form, an anderem Ort viel stärker nachdenken müssen“, so Hofmann.

Das vollständige Interview gibt es unter www.ekkw.de zum Nachlesen.

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