„Ein Feind der DDR“: Karl-Heinz Wehrs Hilfsbereitschaft zerstörte seinen Lebenstraum

  • VonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Bad Sooden-Allendorf - Als junger Mann half Karl-Heinz Wehr einigen DDR-Flüchtlingen über die Grenze. Bevor er geschnappt wurde, flüchtete er selbst in den Westen. Sein großes Ziel musste er dafür aufgeben.

Schon immer wollte Karl-Heinz Wehr Förster werden. Doch die Hilfsbereitschaft und das Pflichtbewusstsein des 71-Jährigen zerstörten diesen Lebenstraum. Als 17-Jähriger wird er Anfang der 1950er Jahre in der Ausbildung zum Förster an der innerdeutschen Grenze bei Bad Sooden-Allendorf in Nordhessen eingesetzt – auf der Ostseite. „Tausende flohen jeden Tag in Berlin von Ost nach West“, erzählt er. Weil die DDR-Führung dies weiß, darf kaum noch jemand ohne triftigen Grund nach Berlin fahren. Also suchen sich die Menschen andere Schlupflöcher.

Wehrs Arbeitsort ist 15 Kilometer von seinem Wohnort entfernt, die Strecke geht er zu Fuß. Der 17-Jährige hat als Forstlehrling einen Sperrzonenschein und so direkten Zugang zur Grenze. Bald kommt eine erste Anfrage, ob er helfen könne. Auch wenn er nicht überzeugt gewesen sei von der DDR, Wehr lehnt ab. „Ich wollte ja Förster werden, das war mein Ziel“, betont er.

„Zu keinem ein Wort!“

Schließlich aber kommt sein bester Freund auf ihn zu, dessen Mutter bereits im Westen ist. Wehr sagt zu, ihn in den Westen zu bringen. „Ich habe ihm gesagt: Zu keinem ein Wort!“ Über kleine Wege durch den Wald gelangen sie zur Grenze. „Keiner durfte uns zusammen sehen.“ Er führt den Freund zu einer Stelle 500 Meter vor der Grenze, dort ist der Drahtzaun von Wildschweinen beschädigt worden. Der Freund kommt wohlbehalten im Westen an. „Ich hab drei Kreuze gemacht.“ Für Wehr selbst ist eine Flucht zu dem Zeitpunkt aber keine Option. „Was will ich im Westen? Ich will doch alles für den Forstberuf tun.“

Wehr vertraut sich seinem Vorgesetzten an. Kurz danach bittet dieser darum, ein junges Mädchen über die Grenze zu bringen. „Wir gingen 13 Kilometer zu Fuß. Sie war aufgeregt und wollte plötzlich nicht mehr. Da hab ich sie durch den Draht getragen“, erinnert sich Wehr. „Hier liegen Kaugummipapier und Westzigarettenstummel, wir sind da“, habe er ihr gesagt. Nachdem die Flucht geglückt ist, kommt der Vorgesetzte wieder und wieder auf ihn zu. Im Abstand von ein bis zwei Wochen bringt Wehr noch zwei Männer und zwei Frauen von Ost nach West.

Flucht vor der Polizei

Schließlich bekommt sein Vater einen Wink – man ist dem 17-Jährigen auf die Schliche gekommen. „Morgen früh müssen wir deinen Sohn holen“, sagt ein befreundeter Polizist. Der 17-Jährige versteckt sich nachts im Wald. „Im Morgengrauen bin ich dann selbst schweren Herzens weggegangen.“ Als er die Grenze überquert, fallen Schüsse – Warnschüsse, wie er sagt. „Es gab nur vorwärts.“ Auch seine Flucht glückt – glücklich ist er dort aber nicht. „Ich kannte ja niemanden im Westen.“

Der Försterberuf ist ein unerfüllter Traum geblieben. Ungeeignet für den Staatsdienst, heißt es im Westen – wohl aus Sorge, er könne ein Spion sein. „Ich nehme der BRD das nicht übel, ich kann kann das verstehen“, sagt Wehr heute. Schließlich landet er als Angestellter bei der Staatsanwaltschaft in Kassel. Viele Jahre später kann er seine Eltern straffrei im Osten besuchen – inklusive indirekter Anwerbeversuche der Behörden, für die DDR als Spion zu arbeiten. Doch Wehr lehnt auch das ab. „Ich war im Innern ein Feind der DDR. Ich habe geholfen als Mensch, aber wollte auch, dass das mit der DDR zu Ende geführt wird.“

Nur wenige Meter fehlten

Nicht alle Fluchtversuche in Nordhessen enden so erfolgreich. Am Grenzmuseum Schifflersgrund stehen 26 Stelen für 26 Menschen, die bei der Flucht über die Grenze erschossen wurden. Das Museum entstand nahe der Stelle, wo am 29. März 1982 der 34 Jahre alte DDR-Flüchtling Heinz-Josef Große beim Versuch getötet wurde, die innerdeutsche Grenze mit einem Radlader zu überwinden. „Es fehlten 40 Meter bis zur BRD“, sagt der 2. Vorsitzende des Vereins des Grenzmuseums Schifflersgrund, Stefan Heuckeroth-Hartmann.

Am Museum ist noch etwa ein Kilometer der Grenzanlage mit dem 3,20 Meter hohen Metallzaun und dem Original-Beobachtungsturm zu sehen. Das Grenzmuseum Schifflersgrund an der hessisch-thüringischen Grenze war im Oktober 1991 eröffnet worden. Es ist nach eigenen Angaben das älteste deutsch-deutsche Grenzmuseum und zieht pro Jahr mehr als 40.000 Besucher an. / dpa, sps

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