Prozessstart nach Auto-Attacke auf Rosenmontagsumzug - Beim Prozess-Auftakt um die Autoattacke auf den Rosenmontagsumzug in Volkmarsen schweigt der Angeklagte.
+
Beim Prozess-Auftakt um die Auto-Attacke auf den Rosenmontagsumzug in Volkmarsen schweigt der Angeklagte.

Vorwurf: 91-facher versuchter Mord

Volkmarsen: Prozess um Auto-Attacke auf Rosenmontagsumzug beginnt - Angeklagter schweigt

Am Rosenmontag 2020 fährt in Volkmarsen ein Auto in die Zuschauermenge, die ausgelassen den Karnevalsumzug feiern möchte. Der Mann am Steuer soll das Fahrzeug absichtlich dorthin gesteuert haben, um möglichst viele Menschen zu töten. Nun steht er deswegen vor Gericht - und schweigt.

Update, 14.01 Uhr: Die Generalstaatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten 91-fachen versuchten Mord vor, gefährliche Körperverletzung in 90 Fällen sowie gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr. Er habe „planvoll und absichtlich“ gehandelt, sagte Anklagevertreter Tobias Wipplinger. So habe der Angeklagte sein Auto mit einer Kamera ausgerüstet und in Nähe des Tatortes abgestellt.

Als sich der Umzug näherte, fädelte er sich laut Ermittlern in den Verkehr ein. Doch statt an einer Kreuzung abzubiegen, gab er Gas und steuerte das Auto mit 50 bis 60 Stundenkilometern durch eine Absperrung erst in den Umzug, dann in die Zuschauermenge. Nach 42 Metern kam das Fahrzeug zum Stehen. Die Kollisionen hatten das Auto gebremst.

Welche Folgen die Tat hatte, macht die Anklageschrift deutlich: Menschen wurden durch die Luft geschleudert, vom Auto überrollt, von umherfliegenden Gegenständen getroffen. Rund eine Dreiviertelstunde verlas Wipplinger die Verletzungen der Opfer: Brüche, offene Wunden, Quetschungen, Traumata, innere Verletzungen, Gedächtnisverlust, Koma, Prellungen. 90 Personen seien körperlich verletzt worden, 28 mussten stationär behandelt werden, zwei wurden lebensgefährlich verletzt. Unter den Opfern waren viele Kinder - einige erst ein paar Jahre alt.

Volkmarsen: Unter Opfern der Auto-Attacke 2020 waren viele Kinder

Laut Anklage wollte der 30-Jährige seine Tat fortsetzen. Doch mehrere Zeugen hätten ihn daran gehindert, seien ins Auto gestiegen, hätten versucht den Schlüssel abzuziehen und ihn festgehalten. Seit seiner Festnahme schweigt der 30-Jährige aus Volkmarsen - vor Gericht wollte er zunächst auch nichts zu seinen Lebensumständen sagen.

Warum der Fahrer in die Menge raste, wissen die Ermittler nicht. „Zu dem Motiv haben die Ermittlungen zunächst mal nicht ergeben, dass die Tat einen politischen oder extremistischen Ansatz hatte“, sagte Georg Ungefuk, Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt, unmittelbar vor Prozessbeginn. Das Verfahren sei nun der letzte Versuch, die Motivlage aufzuklären.

Sicher ist die Anklage dagegen: Das Ziel des 30-Jährigen sei gewesen, möglichst viele Menschen zu töten. Er sei schuldfähig, habe zum Tatzeitpunkt nicht unter Drogen gestanden. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft kommt für ihn nach einer Haftstrafe Sicherungsverwahrung in Betracht.

Am ersten Prozesstag wurde ein Polizeibeamter als Zeuge gehört, der die Tat zufällig privat gefilmt hatte. Zudem wurden mehrere Videos der Autoattacke gezeigt. Fortgesetzt werden soll der Prozess am Mittwoch. Insgesamt sind bisher 31 Verhandlungstage angesetzt.

Volkmarsen: Angeklagter schweigt beim Prozess-Auftakt

Update vom 3. Mai, 11.15 Uhr: Nach einer Auto-Attacke auf den Rosenmontagsumzug im nordhessischen Volkmarsen bleibt das Motiv des Angeklagten auch zu Prozessbeginn unklar. Sein Mandant werde vom Schweigerecht Gebrauch machen, sagte der Verteidiger des 30 Jahre alten Deutschen am Montag vor dem Landgericht in Kassel. Dort muss sich der Angeklagte bis Mitte Dezember für die Tat verantworten. Er war laut Generalstaatsanwaltschaft am 24. Februar 2020 in eine Zuschauermenge gefahren. 90 Menschen, darunter viele Kinder, erlitten teils schwere Verletzungen. Weitere Opfer trugen seelische Wunden davon, die Ermittler gehen von insgesamt mehr als 150 Betroffenen aus.

Die Generalstaatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten 91-fachen versuchten Mord vor, gefährliche Körperverletzung in 90 Fällen sowie gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr. Das Motiv für die Tat ist bisher völlig unklar. Gegenüber Ermittlern äußerte sich der Angeklagte seit seiner Festnahme nach der Tat nicht.

Aufgrund des erwarteten großen öffentlichen Interesses und der Abstandsregelungen der Corona-Pandemie hatte das Landgericht die ersten Verhandlungen in die Kasseler Messehallen verlegt. Die angemietete Halle bietet Platz für 360 Zuschauer und 48 Medienvertreter. Zum Auftakt war aber nur ein Bruchteil der angebotenen Plätze besetzt. (Lesen Sie hier: FKG zeigt sich nach Auto-Attacke in Volkmarsen fassungslos)

Erstmeldung vom 3. Mai: Seit mehr als einem Jahr tragen viele Menschen in Volkmarsen eine Frage mit sich herum. Warum? Warum ist ein Mann im Februar 2020 mutmaßlich absichtlich mit seinem Auto in die fröhliche Menschenmenge beim Rosenmontagsumzug gefahren? Wie konnte es dazu kommen, dass jemand das Leben und die Gesundheit zahlreicher Menschen derart gefährdet?

Das Landgericht Kassel hat von Montag, 3. Mai, an die Aufgabe, die Auto-Attacke mit Dutzenden Verletzten und das mögliche Motiv dafür aufzuklären. Mehr als 400 Personen hat die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt benannt, die als Zeugen in Frage kommen und während des bis Mitte Dezember angesetzten Verfahrens befragt werden könnten. Ob die Richter auch Antworten des mutmaßlichen Täters bekommen, bleibt abzuwarten - bislang hat der 30-Jährige von seinem Schweigerecht Gebrauch gemacht.

Die Menschen in der nordhessischen Stadt sind froh, dass der Prozess nun startet. So berichtet es Christian Diste, der Vorsitzende der Volkmarser Karnevalsgesellschaft. Und sie wünschten sich durchaus, dass sich der Angeklagte äußert: „Dass er mal sagt, was in ihm vorging, dass er mal probiert zu erklären, was da in ihm passiert ist.“ Das sei ein Stück weit die Erwartungshaltung oder Hoffnung an den Prozess. „Aber ich frage mich auch selber, ob uns das am Ende weiterbringt, ob uns das tatsächlich eine Erklärung liefert.“

Volkmarsen: Staatsanwaltschaft wirft Angeklagtem 91-fachen versuchten Mord vor

Die Generalstaatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten 91-fachen versuchten Mord vor, Körperverletzung in 90 Fällen sowie gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr. Der Deutsche soll am 24. Februar 2020 ein Auto bewusst und ungebremst mit Tempo 50 bis 60 ins Gedränge gefahren haben. 90 Menschen, darunter viele Kinder, erlitten teils schwere Verletzungen. Es gibt viele weitere Opfer, Menschen, die seelische Wunden davongetragen haben. Die Ermittler gehen daher von insgesamt mehr als 150 Betroffenen aus.

In Volkmarsen erinnert auf den ersten Blick nichts mehr an die schrecklichen Bilder von damals. Der Frühling hat Einzug gehalten. Närrische Püppchen in einem Fenster verweisen auf die Bedeutung, die die Karnevalszeit für das Städtchen hat. Ob der Prozess bei der Aufarbeitung hilft? Ein Passant ist skeptisch: Dabei komme doch sowieso nichts raus.

Nach Einschätzung des hessischen Opferbeauftragten Helmut Fünfsinn bedeutet ein Prozess für die Opfer eine durchaus ambivalente Situation. „Grundsätzlich ist so ein Prozess wichtig, auch um die Dinge noch einmal zu verarbeiten und vor allem, um dann eine Person zur Verantwortung zu ziehen“, sagt er. Auf der anderen Seite müsse man bedenken, dass ein Verfahren noch einmal aufwühlt, „weil ja die Erinnerungen an die Situation, der man entkommen ist, zurückkommen“. Besonders schwer sei es für jene, die vor Gericht geladen sind und aussagen müssen. Aber ein Prozess biete auch „den positiven Aspekt, die Dinge hinter sich zu lassen und sich dann neu zu orientieren“.

Video: Prozess um Auto-Attacke auf Rosenmontagsumzug beginnt

Die Corona-Krise mit den fehlenden Begegnungsmöglichkeiten erschwerte in den vergangenen Monaten die Aufarbeitung des Geschehens. Zum Jahrestag feierte Volkmarsen einen ökumenischen Gedenkgottesdienst - doch es konnten nur wenige Gäste in die Kirche kommen. Der Gottesdienst wurde daher live im Internet gezeigt.

„Viele Kontakte sind nicht persönlich möglich, sondern nur per Videokonferenz oder Telefonaten und das beeinträchtigt natürlich die Aufarbeitung“, berichtet Fünfsinn von seiner Arbeit mit den Betroffenen. Die Pandemie erschwere auch die Betreuung der Opfer und Zeugen vor dem Prozess: „Normalerweise, ohne Corona, hätten wir uns vor dem Prozess mit all denjenigen persönlich getroffen, die das gewollt hätten, und hätten zumindest abstrakt erklärt, wie ein solcher Prozess abläuft - um eine Stütze zu sein. Das geht jetzt leider nicht vor Ort.“

Beistand gebe es aber dennoch, betont Fünfsinn: durch die Beratungsstelle „Kasseler Hilfe“, die etwa Zeugen unterstützt in der für sie neuen Situation, vor Gericht aussagen zu müssen. Die Nachfrage sei da. Die Menschen wollten wissen, was jetzt vor Gericht passiert.

Das könnte Sie auch interessieren