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Der Wilke-Fleischskandal und die Folgen: „Umdenken muss stattfinden“

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Willingen/Wiesbaden - Vor zwei Monaten schreckt der Fall Wilke die Öffentlichkeit auf. Seitdem beschäftigt er Politik und Behörden. Verbraucher zeigen sich dagegen unbeeindruckt – dabei hätten sie Veränderungen in der Hand. Auch ein Professor der Hochschule Fulda äußert sich.

Nur 20 Kilometer trennen das Unternehmen von Heinrich Saure und den geschlossenen Wurstproduzenten Wilke. Trotzdem liegen zwischen beiden Betrieben Welten. Saure hat 30 Mitarbeiter und produziert 80 Tonnen Fleischspezialitäten pro Monat. Wilke hatte 200 Mitarbeiter und stellte Hunderte Tonnen her. Doch seit Lebensmittelbehörden Wilke geschlossen haben, hat sich auch für Familie Saure viel verändert.

Zehn Prozent Mehrkosten wegen Wilke

„Wir haben jetzt fast wöchentlich Kontrolleure im Haus“, sagt Saure. Erst am Morgen war die Lebensmittelüberwachung des Landkreises Waldeck-Frankenberg da. Die Kontrollen seien viel schärfer geworden. „Es wird nicht mehr durch Haus gegangen und übers Wetter geredet.“ Zusätzlich schickten große Kunden eigene Prüfer – und stellten die Kosten in Rechnung. „Wir haben zehn Prozent Mehrkosten aufgrund der Wilke-Affäre“, sagt Saures Sohn Maximilian. Dabei existiert zwischen beiden Unternehmen keine Verbindung. Doch die Kontrolleure sind nervös. Nach Wilke würden alle Betriebe „über einen Kamm geschoren“.

Wiederholt hatten Prüfer in Waren des nordhessischen Fleischherstellers Wilke-Wurst Listerien gefunden. Die Keime können bei geschwächtem Immunsystem lebensgefährlich sein. 37 Krankheitsfälle, darunter drei Todesfälle, werden mit Wilke in Verbindung gebracht. Die Staatsanwaltschaft Kassel ermittelt wegen fahrlässiger Tötung gegen den Geschäftsführer.

Saures Betrieb wurde mit Wilke verwechselt

Der Skandal bei Wilke hätte auch Saures Betrieb sehr schaden können: Weil die Firma im Willinger Ortsteil Usseln „Waldecker Fleischwaren“ im Namen trägt, sei es zunächst zu Verwechselungen mit der geschlossenen Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren GmbH gekommen. Die Rettung sei gewesen, dass man sich vor Jahren den Namenzusatz „Upländer Feinkost Manufaktur“ zugelegt habe.

„Jetzt trennt sich die Spreu vom Weizen.“

Maximilian Saure sieht im Fleischskandal Chancen: „Jetzt trennt sich die Spreu vom Weizen.“ Nur gute Betriebe würden überleben, hofft er. Doch dazu müsse der Verbraucher seine Schnäppchenmentalität ablegen. „Es muss ein Umdenken stattfinden.“ Denn über den Produktpreis wird auch die Hygiene bezahlt. Allein zwei Stunden dauert in Saures Betrieb jeden Tag die Reinigung – dann trocknen Räume und Maschinen über Nacht. Wer rund um die Uhr produziere, bekomme seinen Betrieb nicht trocken – und Feuchtigkeit ist ein Nährboden für Keime.

Kleine Metzgereien können nicht profitieren

Doch aktuell hat der Wilke-Fleischskandal nach Einschätzung des Deutschen Fleischer-Verbandes (DFV) beim Verbraucher wenig verändert. „Das hat nach unserem Eindruck bisher nicht zu einer Kaufzurückhaltung geführt“, sagte DFV-Hauptgeschäftsführer Martin Fuchs. Belastbare Zahlen fehlen noch. Auch profitierten kleine Handwerks-Metzgereien nicht: Während nach manchen Fleischskandalen Verbraucher verstärkt zum Fleischer ihres Vertrauens gingen, sei das im Fall Wilke anders. Denn der Verbraucher nehme den Fall in erster Linie als Krise des Lebensmittelkontrollsystems wahr.

Fuldaer Hochschulprofessor: Fall ist exemplarisch

Gerade den Kunden kommt laut Ernährungswissenschaftler Marc Birringer eine große Rolle zu: „Ein Skandal wie bei Wilke ist nur das hässliche Gesicht eines Lebensmittelsystems, welches der Verbraucher durch seine tägliche Kaufentscheidung mit verändern kann“, erklärt der Professor der Hochschule Fulda. Der Fall Wilke sei exemplarisch für viele Lebensmittelskandale der vergangenen Jahre.

„Natürlich möchte jeder Verbraucher sichere Lebensmittel und die Lebensmittelüberwachung macht in der Regel einen guten Job“, erklärt Birringer. Doch in der Realität seien die meisten Verbraucher nicht bereit, mehr Geld für Lebensmittel, insbesondere Fleisch und Fleischprodukte auszugeben. Als Konsequenz herrsche ein enormer Preisdruck bei den Lebensmittelproduzenten und -herstellern.

„Wir sehen keinen großen Schritt.“

So hat der Fleischskandal bisher vor allem politische Dimensionen und führt im besten Fall zu besseren Lebensmittelkontrollen. Am Freitag will sich Hessens Verbraucherschutzministerin Priska Hinz (Grüne) mit kommunalen Spitzenverbänden treffen, um über die Umsetzung der angekündigten Konsequenzen zu beraten. Doch es gibt Zweifel, wie nachhaltig die Reformen sein werden: „Wir sehen in den für Hessen angekündigten Veränderungen keinen großen Schritt“, sagt Diana Schuster, Vorsitzende des Verbands der Lebensmittelkontrolleure in Hessen.

Es sei nicht abzuschätzen, ob beispielsweise das uneingeschränkte Weisungsrecht des Landes gegenüber den Kontrollbehörden vor Ort Verbesserungen bringen werde. „Das wird eher einen Vertrauensbruch bewirken.“ Zudem würden die Unteren Lebensmittelbehörden insgesamt nicht entlastet, sondern bekämen mehr Aufgaben aufgebürdet – obwohl dort Personal fehle. Der Verband sei aber jederzeit zu Gesprächen bereit, um bessere Lösungen zu finden.

Foodwatch übt scharfe Kritik an Politik

Auch die Verbraucherorganisation Foodwatch hält an ihrer Kritik fest: „Keine bisher vorgelegte Initiative der Bundes- oder der hessischen Landesregierung ist auch nur im Ansatz geeignet, die augenscheinlichen Gesetzeslücken und Schwachstellen des Lebensmittelrechts zu beheben“, sagte Geschäftsführer Martin Rücker. Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) und Ministerin Hinz nähmen sehenden Auges den nächsten Lebensmittelskandal in Kauf.

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