Das „Bauernhaus“ bleibt. Doch nur die Fassade erinnert künftig noch an seine landwirtschaftliche Vergangenheit. Die Tür wird zugeschlossen: von Gabriele Reuter – hier mit ihrem Chef Hubert Beier. / Fotos: Hartmut Zimmermann

Bauern gehen, Haus bleibt: Hünfelder Büro des Kreisbauernverbands geschlossen

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Hünfeld - Es ist mehr als ein normaler Standortwechsel: Am Freitag war das Hünfelder Büro des Kreisbauernverbands Fulda-Hünfeld zum letzten Mal geöffnet. Das markiert einen Einschnitt, der über die Belange der Landwirtschaft hinausgeht.

Von unserem Redaktionsmitglied Hartmut Zimmermann

Denn mit dem Kreisbauernverband (KBV), der bis 1991 noch auf das Gebiet des Altkreises Hünfeld beschränkt war, verliert die Stadt ein Stück Erinnerung an ihre Kreisstadt-Vergangenheit.

„Wir waren hier die letzten Allrounder“

Künftig müssen die Landwirte aus dem Hünfelder Umland und den Kegelspiel-Kommunen ein paar Kilometer mehr zurücklegen, wenn sie Beratung in Sachen Sozialversicherung, Steuerangelegenheiten oder Agraranträgen benötigen: Im KBV-Büro in Petersberg gibt es dann die geballte Beratungskompetenz.

„Wir waren hier die letzten Allrounder“, sagt Dr. Hubert Beier, der 40 Jahre Geschäftsführer des Verbands – zunächst in Hünfeld und dann des zusammengeschlossenen KBV Fulda-Hünfeld – war. Sein „wir“ bezieht sich auf Gabriele Reuter. Sie wird, genau wie ihr Chef, jetzt in Rente gehen – mit 46 Berufsjahren. Mehr als die Hälfte der vier Jahrzehnte war sie die Anlaufstelle für die Landwirte im Hünfelder KBV-Büro.

„Ich habe mich gleich wohl gefühlt“

Reuter kommt aus dem thüringischen Borsch. Kontakte zur Familie ihres späteren Chefs bestanden schon vor dem Mauerfall: „Meine Frau stand in Briefkontakt mit den Eltern von Gabriele Reuter“, berichtet Beier. Und diese weiß aus dem Stand noch, wann sich die durch die Zonengrenze getrennten Familien das erste Mal leibhaftig begegneten: „Es war am 3. Dezember 1989.“ Damals war Reuter noch als Industriekauffrau im Möbelwerk Meiningen tätig, wo sie auch gelernt hatte. Der Betrieb überlebte die DDR nur wenige Jahre, Reuter musste sich eine neue Stelle suchen.

„Ich hatte gerade eine Vollzeitstelle in einem Betrieb in Aussicht, als die Anfrage des Kreisbauernverbands kam“, erinnert sie sich. Dort war Hilfe gefragt, denn die beiden Frauen, die bislang dort tätig waren, mussten aus gesundheitlichen und persönlichen Gründen pausieren. „Ich habe mich gleich wohl gefühlt und kam auch fachlich gut zurecht“, berichtet Reuter.

„Es war ein bisschen wie Roulette spielen“

Doch irgendwann musste sie sich entscheiden, denn auch ihre Bewerbung war erfolgreich gewesen. „Es war ein bisschen wie Roulette spielen“, sagt sie zurückblickend. Gabriele Reuter setzte alles auf das Bauernverbands-Feld – und gewann: Aus der Aushilfsstelle wurden 26 Berufsjahre, in denen sie, da die beiden Vorgängerinnen nicht zurück kamen, in Vollzeit tätig war.

„Die Umstellung war einfacher als man denken könnte“, berichtet Reuter. Zum einen sei die Ausbildung in der DDR vergleichsweise breit angelegt und vielfältig gewesen, zum anderen habe sie auch durch den familiäreren Hintergrund einen guten Zugang zu den Menschen und deren Fragen gehabt: Reuters Eltern waren selbst noch Landwirte gewesen und hatten, solange die Politik es möglich machte, in Borbels einen kleinen Milchviehbetrieb geführt.

Kleinere West-Ost-Probleme

Kleinere West-Ost-Probleme gab es aber doch: „Bei den Flächenmaßen, mit denen die Landwirte hier hantierten, musste ich doch erst einmal dazu lernen: Bei uns waren Hektar-Angaben angesagt. Als die Leute hier sagten, dass sie diverse ,Morgen‘ oder ,Acker‘ Land hatten, wusste ich damit nichts anzufangen.“ Doch im Arbeitsalltag ging es auch um viele andere Dinge: Neben Sekretariatsaufgaben für Geschäftsführer Dr. Beier ging es oft um die Beratung der Landwirte, besonders bei Fragen rund um die Pflege-, Kranken- oder Rentenversicherung.

Bauern nehmen Abschied

„Anscheinend haben wir nicht alles verkehrt gemacht“, sagt sie in der Rückschau: In den vergangenen Wochen seien ganz viele Mitglieder noch einmal ins Büro gekommen – auch um Abschied zu nehmen.

Am Freitag war nicht mehr viel Zeit für Gespräche: Ein letztes Mal war Auf- und auch ein bisschen Ausräumen angesagt. Und eine Portion Wehmut beim Abschließen dürfte es auch gegeben haben.

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