Fotos: Sammlung Hans-Joachim Ruppel/Museum für Stadt- und Kreisgeschichte Hünfeld, Sebastian Kircher

Bombenangriff auf Hünfeld vor 75 Jahren

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Hünfeld - Vor genau 75 Jahren hat Hünfeld den schlimmsten Luftangriff seiner Geschichte erlitten. Bei dem Bombenabwurf auf den Bahnhof am 21. November 1944 starben Dutzende Menschen, 61 allein in einer Unterführung für Fußgänger.

Von unserem Redaktionsmitglied Sebastian Kircher

An Fliegeralarme hatten sich die Menschen in der Region Fulda im Jahr 1944 bereits gewohnt. Nach der Schlacht um Stalingrad und der Landung der Alliierten in der Normandie war der Krieg für Deutschland nicht mehr zu gewinnen. Mehrmals am Tag wurden auch in Osthessen feindliche Flugzeuge gesichtet, heulten die Sirenen auf.

Wie verheerend die Fracht der Bomber sein konnte, das hatte die Region schon zu spüren bekommen. Beim ersten großen Luftangriff im Mai 1944 auf der Wasserkuppe starben 13 Menschen. Bei den Attacken am 11. und 12. September 1944 auf Fulda kamen fast 600 Personen ums Leben, die Innenstadt lag in Schutt und Asche.

Hünfeld war „Gelegenheitsziel“

Der Kreis Hünfeld war bis dahin weitgehend verschont geblieben. Zu klein und für den Kriegsverlauf zu unbedeutend erschienen die Orte dort. Das sollte sich am 21. November 1944 ändern. Wie der Regionalhistoriker Günter Sagan schreibt, starteten an diesem Morgen 1200 Bomber und 800 Jäger der US-Airforce in England.

Ihr Ziel: Hydrierwerke in Sachsen-Anhalt und Ölraffinerien in Hamburg. Über Mitteldeutschland hing jedoch „eine dichte Wolkendecke“, erklärt Sagan. Die Flieger drehten ab – und der Einheitsführer „gab den Befehl, die Bombenlast auf Gelegenheitsziele abzuladen“.

Abwurf von 30 Tonnen Sprengstoff

Zwölf B-17-Bomber nahmen deshalb Kurs auf Hünfeld. Um 12.10 Uhr warfen sie fast 30 Tonnen Sprengbomben über der Stadt ab. Ziel war der Bahnhof, aber laut Sagan schlugen die Bomben auch bis zu 500 Meter rund um die Gleise ein.

Schon kurz vor 12 Uhr wurde in der Stadt Vollalarm ausgelöst. Am Bahnhof herrschte damals dichtes Gedränge. Laut dem Heimatforscher Hans-Joachim Ruppel warteten zu dem Zeitpunkt viele Schüler und Schichtarbeiter auf ihre Züge. Die genauen Opferzahlen sind unklar: August Weber schreibt von 106 Toten, Günter Sagan von 75.

Ein Blutbad am Bahnhof

Was sicher ist: Allein 61 Personen starben in der Unterführung. Eine Bombe explodierte auf Gleis 2, genau über diesem Fußgängertunnel. Besonders tragisch: Die Menschen waren dorthin geflüchtet, um in Sicherheit zu sein. „Die Reisenden wurden von Reichsbahnbediensteten angewiesen, zu ihrem Schutz die Bahnsteigunterführungen aufzusuchen – eine Anweisung, die für sie tödlich endete“, schreibt Ruppel. Sagan spricht von „einem Blutbad“.

Eines der Opfer war Hans-Joachim Siebert, Sohn des evangelischen Pfarrers von Burghaun Heinz Martin Siebert. Pfarrer Siebert schreibt in seinen Erinnerungen: Während Mitschüler nach Burghaun liefen, hatte sich Hans-Joachim für den Zug entschieden, „weil er etwas erkältet war und Regen befürchtete. Als unser Hans nicht nach Hause kam – ein Schüsselchen Nachtisch wartete noch auf ihn –, fuhr ich mit dem Motorrad in die von dem Geschehen gelähmte Stadt, wo am Bahnhof die Bergungs- und Aufräumarbeiten in vollem Gange waren, und fand den geliebten Jungen unter den bereits geborgenen Toten.“

Attacke hätte verheerender sein können

Die Wucht des Luftangriffs war noch in den umliegenden Orten zu spüren. So erinnert sich die damals 18-jährige Ottilie Lühn, die in Rasdorf wohnte, „wie die Türen und die Fensterscheiben gewackelt haben“.

Trotz all des Leides hätte die Attacke noch verheerender werden können, meint Hans-Joachim Ruppel: „Der Personenzug nach Bebra hatte Verspätung und hätte zu diesem Zeitpunkt eigentlich auf Gleis 2 stehen sollen.“ Für die Haunestadt, die damals nur 2500 Einwohner zählte, war der Blutzoll dennoch gewaltig.

Tafel gedenkt an Luftangriff

Der 21. November 1944 war der größte und nach Recherchen von Günter Sagan auch einzige Luftangriff mit Todesfolge im Hünfelder Land. Die Region jedoch musste weiter leiden: Am 27. Dezember starben 700 Menschen im Krätzbachbunker in Fulda, und auch kurz vor Einmarsch der Amerikaner an Ostern 1945 kamen immer wieder Personen im Bombenkrieg zu Tode.

Eine Tafel, die der Opfer des Hünfelder Luftangriffs gedenkt, wurde 1957 in der Unterführung angebracht. Den alten Fußgängertunnel gibt es nicht mehr, da der Bahnhof 2014 umgestaltet wurde. Die Gedenktafel ist allerdings erhalten geblieben. Und vor dem Bahnhof erinnert ein Kunstwerk von Ulrich Barnickel an die Schrecken des Weltkriegs: den Luftangriff ebenso wie den Todesmarsch von KZ-Häftlingen, der durch Hünfeld führte.

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