Probesitzen in der Stiftsruine: Intendant Joern Hinkel am Schreibtisch, der im Sommer vielleicht von Goethe sein wird.
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Probesitzen in der Stiftsruine: Intendant Joern Hinkel am Schreibtisch, der im Sommer vielleicht von Goethe sein wird.

Joern Hinkel im Interview

Corona und die Bad Hersfelder Festspiele: Schauspieler sprechen per Zoom vor - „ziemlich absurd“

In der Corona-Krise will Joern Hinkel, Intendant der Bad Hersfelder Festspiele, neue Wege gehen und versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Derzeit wird die 70. Auflage (25. Juni bis 8. August) der Festspiele vorbereitet.

Bad Hersfeld - Joern Hinkel, Intendant der Bad Hersfelder Festspiele, erklärt im Interview der Fuldaer Zeitung, wie er der Corona-Krise begegnet. Der 50-Jährige sagte, dass er „Hoffnung geben und Mut machen“ will. Das Interview führte FZ-Redaktionsmitglied Christoph A. Brandner.

Die drei Helden des Festivals 2021, Goethe, John Keating und Momo, träumen von Kraft und Macht der Liebe, der Poesie und der Freundschaft. Welche Träume begleiten Sie?
Ich träume davon, dass diese Menschheits-Krise uns dazu bringt, auf die Tische zu steigen und die Dinge aus einem neuen Blickwinkel wahrzunehmen: Was ist wirklich wertvoll im Leben? Was ist überflüssig? Was hat mich bisher eher von mir selbst abgelenkt, worauf kann ich getrost verzichten? Ich träume davon – und da nehme ich mich selbst erst recht nicht aus – zu begreifen, dass wir mit der egoistischen Ausbeutung der Erde und der Menschen nicht mehr so weitermachen können. Und natürlich träume ich davon, dass unsere Festspiele im kommenden Sommer nach einem Jahr Winterschlaf wieder aufwachen. Das können wir nur ermöglichen, wenn wir bereit sind, neue Wege einzuschlagen. Unsere Partner unterstützen uns alle unglaublich großzügig dabei. Die Politik in der Stadt und der Region hat sich für uns stark gemacht, den Förderwillen in unsicheren Zeiten bekräftigt – nur so war es überhaupt möglich, die Festspiele zu planen und die Vertragsverhandlungen weiterzuführen. 

Corona und die Bad Hersfelder Festspiele: Schauspieler sprechen per Zoom vor - „absurd“

Wie sehr leiden Sie und Ihr Team darunter, dass Kultur von der Politik seit Beginn der Corona-Pandemie als Nebensache und als „nicht systemrelevant“ be- und misshandelt wird?
Für unsere Festspiele kann ich das Gott sei Dank nicht behaupten. Stadt, Landkreis, Land und Bund waren immer auf unserer Seite und haben uns nie das Gefühl geben, wir seien nicht relevant. Allerdings fand ich es sehr verstörend, mit welchen Begriffen auf Bundesebene von politischer Seite teilweise argumentiert wurde. Wie Theater und Museen in einen Topf geworfen wurden mit Bordellen und Freizeitparks. Ich würde mal vorschlagen, wir lassen alle künstlerischen Tätigkeiten für eine bestimmte Zeit ausfallen, und bin gespannt, wie die Menschen dann reagieren. Das heißt: keine Musik mehr, keine Literatur, kein Tanz, kein Radio, kein Fernsehen, keine Streaming-Dienste, keine Spiele, keine Zeitungen! Kunst ist doch gerade in schwierigen Zeiten besonders wichtig, wenn die Menschen alleine sind mit ihren Ängsten und Nöten. Kunst ist Medizin für die Seele! 
In einem Pressetext haben Sie vor Monaten Kultur als „Überlebensmittel“ bezeichnet und eine große Sehnsucht nach ihr prophezeit. Wie viel von diesem Verlangen spüren Sie im Allgemeinen und im Besonderen, also bei der Vorbereitung des Festivals? 
Der Wunsch nach Gemeinsamkeit ist besonders groß, sei es nun nach dem Zusammensein in der Familie, mit Freunden, bei Festen oder eben auch bei kulturellen Veranstaltungen. Die Menschen sind nicht fürs Alleinsein gemacht. Die Theater und Museen haben in den vergangenen Monaten bewiesen, dass sie hervorragende Konzepte haben, um die Sicherheitsmaßnahmen einzuhalten und ein Zusammensein zu ermöglichen. Ich behaupte mal: Im Theater geht das sogar viel besser als beispielsweise in öffentlichen Verkehrsmitteln, weil wir die Bewegungen der Beteiligten regeln und nachvollziehen können. Das haben wir beim „anderen Sommer“ bewiesen, und die Besucher haben sich bei uns besonders sicher gefühlt. Zumal die Festspiele ja grundsätzlich an der frischen Luft stattfinden! Mir macht Sorge, dass wie in fast allen Berufen auch Künstlerinnen und Künstler in Bewegung bleiben und üben müssen. Das gilt für Orchestermusiker genauso wie für Tänzer, Schauspieler oder Autoren. Wir dürfen nicht einrosten …
Können Sie die größten Herausforderungen, die Sie und Ihr Team bislang bewältigen mussten, in Stichworten zusammenfassen? 
Besonders problematisch ist, dass wir absolut keine Planungssicherheit haben. Die aktuelle Corona-Situation gibt den Takt vor, wir müssen bestmöglich und flexibel auf alles vorbereitet sein. Das macht die Planungen sehr aufwendig. Außerdem: Viele Künstler haben inzwischen erhebliche finanzielle Probleme und sind auf sichere Jobs angewiesen. Ein Engagement beim Film wird da in jedem Fall dem unsicheren Angebot eines Theaters vorgezogen. Da ist besonders viel Überzeugungsarbeit notwendig. Ständig werden Termine von Theaterpremieren oder Dreharbeiten verschoben, wir müssen ununterbrochen umdisponieren oder umbesetzen.
Womit beschäftigen Sie und Ihr ganzes Team sich derzeit?
Wir bereiten die kommenden Inszenierungen vor. Die meisten Gespräche laufen digital, sowohl Teambesprechungen zum Bühnen- und Kostümbild, als auch zu Hygiene- und Sicherheitskonzepten. Ich habe auch schon Vorsprechen per Zoom vorgenommen. Das ist alles ziemlich absurd, aber wir versuchen, das Beste aus der Situation zu machen.

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Als Intendant tragen Sie auch die Verantwortung für mehr als 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie für das Publikum. Wie sehen die Schutzmaßnahmen vor und hinter der Bühne aus?
Wie schon gesagt: Wir müssen immer auf die aktuelle Lage reagieren und sind auf alle möglichen Szenarien vorbereitet. Im Augenblick verkaufen wir nur die Hälfte der Plätze, um einen Sicherheitsabstand der Zuschauer untereinander zu gewährleisten. Alle Karten sind personalisiert, wir können genau rückverfolgen, wer wann wo gesessen hat. Wir werden die einzelnen Produktionen so strikt wie möglich voneinander trennen, jedes Stück hat eine eigene Probenhalle, seine eigenen Ankleider und Maskenbilder, geschminkt und umgezogen wird sich in unterschiedlichen Räumen, wir haben dazu eigens neue Gebäude angemietet. Alle Mitarbeiter sind vertraglich dazu angehalten, auf Heimreisen oder weitere Auftritte so weit wie möglich zu verzichten, um gegebenenfalls eine Ausbreitung des Virus zu vermeiden. Das wird nur im Ausnahmefall bewilligt. Außerdem werden wir in regelmäßigen Abständen alle Mitarbeiter testen lassen. 
Wie gestaltet sich die Finanzierung der Festspiele 2021? Müssen Sie sich auch auf diesem wichtigen Sektor Sorgen machen, zumal pro Vorstellung nur 600 von 1300 Plätzen besetzt werden dürfen. Wie läuft der Vorverkauf?
Wir sind ausgesprochen zufrieden mit dem Vorverkauf und freuen uns, dass uns so viele Zuschauer die Treue halten. Wir haben gute Chancen, schon vor Festspielbeginn ausverkauft zu sein, allerdings haben wir jetzt ja auch nur die Hälfte der Plätze zur Verfügung. Der Stadt als Veranstalter der Festspiele ist das Risiko der Mindereinnahmen bewusst, und die Verantwortlichen waren bereit, es zu tragen. Das war einer der Gründe, warum wir die Spielzeit verkürzt und die Anzahl der Inszenierungen reduziert haben, so minimiert sich gleichzeitig das Risiko. 

Größter Corona-Wunsch? Kinder sollen wieder ohne Masken miteinander spielen

Kultur gibt nach Ihren Worten Trost, Kraft und Mut. Spiegelt sich dieses Credo auch in den Festspielen?
Mir schien es in diesem Jahr unangebracht, ausgesprochene Problemstücke auf den Spielplan zu setzen. Ich selbst will mich auch nicht mit depressiven Themen auseinandersetzen, sondern mich mit Geschichten beschäftigen, die Hoffnung geben und Mut machen. Alle drei Hauptstücke tun das auf ihre Weise! Alle drei plädieren für Nächstenliebe, Zusammenhalt und die Freiheit der Gedanken und der Fantasie, sie argumentieren gegen Beharren auf sinnlosen Traditionen, blinden Gehorsam und Selbstzufriedenheit.
Lassen Sie uns zum Schluss an Ihrem größten Wunsch teilhaben.
Kinder sollen wieder ohne Masken miteinander spielen, wir alle wieder gemeinsam ohne Angst miteinander umgehen und uns berühren können. Ich hoffe, dass wir unser Bewusstsein erweitern, die Sorgen der Kranken, Alten und Kinder mehr beachten, dass wir verantwortungsvoller mit der Natur umgehen und die Kultur nicht geschwächt, sondern positiv in die Zukunft blickend und gestärkt aus dieser Zeit hervorgeht. 

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