Leonie Melzer und ihr Partner John Clements leben seit mehr als einem Jahr in Neuseeland - das Einleben war in Zeiten der Pandemie nicht einfach.
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Leonie Melzer und ihr Partner John Clements leben seit mehr als einem Jahr in Neuseeland - das Einleben war in Zeiten der Pandemie nicht einfach.

„Es war nervenaufreibend“

Auswandern in Corona-Zeiten: Leonie Melzer aus Hünfeld lebt seit anderthalb Jahren in Neuseeland

  • Jacqueline Kleinhans
    vonJacqueline Kleinhans
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Seit eineinhalb Jahren lebt Leonie Melzer (28) mit ihrem Partner John Clements (25) in Auckland. Die gebürtige Hünfelderin erzählt, wie sie in Neuseeland gelandet ist und wie sich das Leben dort seit einem Jahr mit der Pandemie entwickelt hat. 

Auckland/Hünfeld - Am 15. Oktober 2019 sind Leonie und John mit einem Arbeits- und Urlaubsvisum in Neuseeland gelandet. Das Jahr in der Corona-Pandemie im fremden Land hat den beiden einiges abverlangt, wie Leonie Melzer im Interview mit unserer Zeitung berichtet.

War der Aufenthalt in Neuseeland für einen so langen Zeitraum geplant, oder sind Sie dort coronabedingt gestrandet?
Ja und nein. Unser Plan war, Neuseeland noch mal für zwei bis drei Monate zu verlassen, unsere Familien zu besuchen und ein Arbeitsvisum für ein, maximal zwei Jahre zu beantragen. Wir hatten im Mai 2020 sogar schon Flüge nach Südafrika, Simbabwe und Deutschland gebucht. Aber es sollte alles anders kommen. Unsere Flüge wurden Ende März 2020 wegen der Corona-Pandemie storniert. Die Rückflug-Aktion der Bundesregierung von deutschen Urlaubern in Sondermaschinen haben wir nicht in Anspruch genommen, da unsere „Arbeits- und Urlaubsvisa“ noch bis Oktober 2020 gültig waren.
Wie ist Ihr Pandemiejahr verlaufen?
Es war nervenaufreibend, herausfordernd und aufregend. Von Beginn an war uns klar, dass wir innerhalb von 24 bis 30 Stunden nach Hause fliegen konnten, wenn wir gewollt hätten. Aber mit der Pandemie und den geschlossenen Grenzen war das natürlich unmöglich und machte uns Angst. (Lesen Sie hier: Reisen trotz Corona-Krise: Hier können die Deutschen im Sommer Urlaub machen - eine Übersicht)

Corona in Neuseeland: Leonie Melzer aus Hünfeld berichtet von einem besonderen Jahr im fremden Land

Wie haben Sie den neuseeländischen Lockdown erlebt?
Es war wahrscheinlich einer der härtesten Lockdowns der Welt: Grenzen komplett geschlossen, keiner durfte raus und rein. Sogar private Päckchen wurden an der Grenze abgefangen und zurück nach Deutschland geschickt. Wir verloren unsere Arbeit, waren beide mehrere Monate arbeitslos, lebten von unseren Ersparnissen, da wir keinen Anspruch auf soziale und finanzielle Unterstützung von der Regierung hatten. Wir waren auf die Hilfe unserer Familien zu Hause und von Familie und Freunden hier in Neuseeland angewiesen, die uns glücklicherweise sehr unterstützten. Lange Zeit wussten wir gar nicht, wie es für uns weitergeht. Aber im Mai 2020 kam nach und nach immer mehr Normalität zurück, und Neuseeland war das erste Mal „Corona-frei“. Nachdem wir im April 2020 von Nelson nach Auckland gezogen waren, gab es in der Auckland-Region ab und zu kurzzeitige Lockdowns aufgrund von Coronafällen, aber nichts Schwerwiegendes.
Gibt es jetzt noch Einschränkungen?
Es gibt bei uns in Neuseeland nur noch sehr wenige Einschränkungen wie beispielsweise eine Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln oder Abstandsregeln zu Menschen, die man nicht kennt. Es wird uns nahegelegt, den QR-Code vor allen Geschäften, in öffentlichen Verkehrsmitteln und Standorten, Bars, Restaurants zu scannen, um verfolgen zu können, wo wir wann unterwegs waren und mit wem wir Kontakt hatten. Das hat der Regierung die Möglichkeit gegeben, Coronafälle in der Gesellschaft innerhalb von zwei Tagen einzugrenzen und Kontaktpersonen ausfindig zu machen. (Lesen Sie hier: Ärger über langes Warten im Bürgerbüro Fulda: Reisewillige überlasten Telefonleitungen)
Waren Sie nach all den Lockerungen schon bei großen Veranstaltungen wie Konzerten oder Sportevents?
Das größte Sportevent für uns war dieses Jahr der America‘s Cup. Wir haben uns einige Segelrennen mit Freunden im sogenannten „America‘s Cup Dorf“ angeschaut. Die finalen Rennen waren ein absolutes Highlight, und wir waren mit ungefähr 52.000 Menschen im Hafen (Auckland Viaduct) mitten im Geschehen. Vor einigen Wochen hat bei uns in Auckland auch das Six60 Konzert mit etwa 50.000 Besuchern stattgefunden.
Wie schauen Sie auf den Rest der Welt und Deutschland, wo es noch viele Einschränkungen gibt? Verfolgen Sie das Geschehen?
Natürlich verfolgen wir das Geschehen und vergessen häufig, wie gut es uns in Neuseeland mit all unseren Freiheiten geht. Wir haben am eigenen Leib gespürt, dass strenge Einschränkungen sinnvoll sind, um ein positives Ergebnis zu erzielen – auch wenn alles manchmal ganz schön nervt. Es ist schwierig, Neuseeland mit Deutschland und dem Rest der Welt zu vergleichen. Neuseeland hat nur rund fünf Millionen Einwohner und kann die Grenzen schließen, was in anderen Ländern mit deutlich höheren Einwohnerzahlen unmöglich ist. Wir glauben, dass wir uns hier in Neuseeland ganz schön umschauen werden, wenn die Grenzen wieder öffnen, da wir seit einiger Zeit komplett isoliert vom Virus leben.
Was machen Sie mittlerweile beruflich?
Aufgrund der Pandemie war es sehr schwierig, Arbeit in unseren Fachbereichen zu finden. Mein Partner John arbeitet seit Juli letzten Jahres als Softwareentwickler. Ich habe mich einige Monate mit unterschiedlichen Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten. Mein Plan war es, mich als Ergotherapeutin in Neuseeland registrieren zulassen. Am akademischen Internationalen Englisch Sprachtest, der ein Kriterium der Registrierung war, bin ich allerdings leider zwei Mal mit 0,5 Punkten im schriftlichen Teil gescheitert. Ich habe nun seit Februar 2021 eine feste Arbeit als Betreuerin bei einem häuslichen Gesundheitsdienst, aber die Registrierung zur Ergotherapeutin ist immer noch ein Ziel.

Der neuseeländische Weg

Neuseeland hat die Pandemie in den Griff bekommen und macht vor, was dann möglich ist – Massenveranstaltungen und volle Stadien inklusive. In dem Inselstaat gab es einen strengen Lockdown – von März bis Mai 2020. Es folgte eine clevere Strategie mit genauen Kontaktverfolgungen und dem erklärten Ziel, das Virus nicht nur kleinzuhalten, sondern gänzlich auszumerzen. Zu diesem Zweck schloss die Regierung von Ministerpräsidentin Jacinda Ardern vor 14 Monaten die Grenzen. Reisen sind mühsam und nur mit triftigem Grund möglich. Das ist der Preis, den die Menschen für ihre ansonsten große Freiheit zahlen müssen. Mittlerweile können sie immerhin wieder quarantänefrei nach Australien und seit dem 17. Mai auch auf die Cookinseln reisen.

Wenn es doch einmal hier und da einen Corona-Fall gibt, wird das betroffene Gebiet umgehend unter einen strengen, aber meist auch sehr kurzen Lockdown gestellt. Im Rest des Landes geht das Leben weiter seinen normalen Gang.

Haben Sie denn ein Visum oder einen neuseeländischen Pass?
John hat ein Arbeitsvisum und ich ein Partnerschaftsvisum, die bis Oktober 2023 gültig sind. Der neuseeländische Reisepass ist noch sehr weit entfernt.
Wie lange wollen Sie in Neuseeland bleiben?
Das ist eine Frage, die wir momentan noch überhaupt nicht beantworten können. Unsere Visa sind bis Oktober 2023 gültig. Unser Plan ist es, irgendwann bei der Einwanderungsbehörde unseren Wohnsitz hier in Neuseeland anzumelden. Aber sobald wir die Möglichkeit haben, nach Hause zu fliegen, um unsere Familien zu sehen, machen wir das auf jeden Fall! Aber erst, wenn wir problemlos wieder nach Neuseeland einreisen dürfen, ohne für 14 Tage in Quarantäne zu müssen. Die Quarantäne-Kosten betragen 3000 Euro für eine Person und knapp 5000 Euro für zwei Personen.
Was ist der Unterschied zum Leben in Deutschland?
Der Lebensstil und die Einstellung der Menschen sind hier in Neuseeland grundsätzlich entspannter. Sätze wie „Keine Bange“ oder „Es wird alles gut“ hören wir regelmäßig. Es ist einfach, mit Leuten ins Gespräch zu kommen – ganz egal, ob an der Supermarktkasse, im Restaurant mit dem Nebentisch, bei Veranstaltungen oder wenn wir abends unterwegs sind.
Einer der schönsten Unterschiede ist, dass man in Neuseeland in kurzer Zeit am Meer ist. Aber es gibt auch Negatives: Dinge des täglichen Bedarfs wie Zahnpasta oder Bodylotion sind viel teurer als in Deutschland. Das Preis-Leistungsverhältnis ist gewöhnungsbedürftig. Ein großer Unterschied zu Deutschland sind die Ausstattungen der Häuser und dass es keine verpflichtende gesetzliche Krankenversicherung gibt. Viele Häuser hier in Neuseeland haben beispielsweise keine Zentralheizung und nur einfachverglaste Fenster, was vor allem im Herbst und Winter deutlich spürbar ist.

Video: Australien und Neuseeland eröffnen „Reiseblase“

Was vermissen Sie an Deutschland am meisten?
Wir vermissen vor allem unsere Familien und Freunde, aber nicht nur in Deutschland, sondern auch in Südafrika und Simbabwe, weil John dort Familie hat. Natürlich vermissen wir auch unsere Haustiere. Ansonsten haben wir alles Notwendige. Eine deutsche Bäckerei fast um die Ecke, eine Schwarzwälder Metzgerei etwa 20 Kilometer entfernt und ein paar deutsche Biersorten können wir sogar im Supermarkt kaufen, obwohl das Bier hier gar nicht so schlecht ist.
Wie sind Sie anfangs von den „Kiwis“ empfangen worden?
Wir wurden bis jetzt überall freundlich empfangen und haben noch keine negativen Erfahrungen gesammelt. „Kiwis“ empfinden wir als entspannte, offene und freundliche Menschen. Neuseeland ist ein traumhaftes Land, das mit wundervollen Landschaften und seiner natürlichen Schönheit verzaubert. Es bietet wunderschöne Strände, Meer und Seen, beeindruckende Berge und Gletscher, Wälder, Nationalparks, unberührte Natur und viele unterschiedliche Aktivitäten und Attraktionen.
Würden Sie sagen, Sie fühlen sich in Neuseeland mittlerweile zu Hause?
Es hat eine ganze Weile gedauert, vor allem nach unserem Umzug nach Auckland und der zehnmonatigen Weltreise, zu der wir am 11. Januar 2019 von Frankfurt aus aufgebrochen waren. Keine Arbeit, soziale Kontakte nur in deiner „Blase“, ein dunkler und regnerischer Winter und keine wirkliche Perspektive. Wir kämpften mit vielen Emotionen und Heimweh. Ich war sogar kurz davor alles hinzuschmeißen und meine Koffer zu packen. Aber mit John an meiner Seite habe ich auch diese emotionale Hürde überwunden. Schwierige Situationen haben uns enger zusammengeschweißt. Wir haben uns gegenseitig unterstützt, uns Halt gegeben, Mut zugesprochen und Tiefen zusammen gemeistert.
Mittlerweile sind wir angekommen, und es passt alles. Im Dezember sind wir in unsere erste gemeinsame Wohnung gezogen. Wir fühlen uns seit Anfang des Jahres sehr wohl in unserem neuen zu Hause und sind gespannt, was die Zukunft für uns bereithält. Zu Hause ist, wo dein Herz ist.

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