Kurt Lehmann wohnt seit 2015 im Mediana St. Ulrich in Hünfeld.
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Kurt Lehmann wohnt seit 2015 im Mediana St. Ulrich in Hünfeld.

„Wie Gefängnis-Insassen behandelt“

Corona bedrückt die Senioren in Pflegeheimen - Bewohner Kurt Lehmann: „Seit über einem Jahr eingesperrt“

  • Daniela Petersen
    vonDaniela Petersen
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Besuchsverbot, Quarantäne und Mitbewohner, die an Corona gestorben sind: Es waren harte Wochen für Menschen in Pflegeheimen. Auch jetzt gibt es noch Einschränkungen, wie Kurt Lehmann, der im Mediana St. Ulrich in Hünfeld lebt, schildert.

Hünfeld - An seiner Tür hängt ein Aufkleber mit dem Satz „Ich bin geimpft“. Auch einen ähnlichen Button für seine Jacke hat sich Kurt Lehmann gekauft. Er ist froh, inzwischen auch die zweite Impfung bekommen zu haben. „Davor hatte ich Bammel vor Corona“, erklärt der 84-Jährige, der, wie er sagt, sowieso schon „alle möglichen gesundheitlichen Probleme“ hat. Doch mit der Impfung geht für den geselligen Mann auch eine Hoffnung einher: dass wieder etwas mehr Normalität einkehrt im Pflegeheim – und dass Geimpfte mehr Privilegien erhalten. (Lesen Sie hier: Hoher Krankenstand in Pflegeberufen - Corona verschlimmert angespannte Lage)

Corona bedrückt Senioren in Pflegeheimen - „Seit über einem Jahr eingesperrt“

„Doch bisher hat sich da kaum etwas geändert. Seit über einem Jahr sind wir eingesperrt“, ärgert sich Lehmann, der vor seiner Pensionierung Forstamtsleiter in Kalbach war. Weggesperrt und vergessen, so fühle er sich mit Blick auf die Entscheidungen von Bund und Ländern. „Dank der beispiellosen Menschenverachtung und Gleichgültigkeit der Regierung werden wir wie Gefängnis-Insassen und nicht wie normale Menschen behandelt. Unsere einzige Schuld ist: Wir wohnen in Alten- und Pflegeheimen“, erklärt der 84-Jährige. Die Auswirkungen seien immens: „Schwere Depressionen, Schmerzen, Lagerkoller und der Verlust jeglichen Lebensmutes sind die Folge. Man merkt, dass einige Bewohner total vereinsamen und auch weniger sprechen“, betont er.

Als er drei Tage im Krankenhaus war, musste er anschließend sieben Tage in Quarantäne und durfte sein Zimmer nicht verlassen. Das Leben im Heim habe sich stark verändert: Es gibt weniger Feste, Veranstaltungen und Gottesdienste. Kontakte sind nur innerhalb der Hausgemeinschaften möglich. „Das stört mich ganz gewaltig. Vor Corona hatten wir eine Doppelkopfrunde, die jetzt nicht mehr stattfinden kann, weil eine Person verstorben ist. In einer anderen Hausgemeinschaft gibt es eine 94-Jährige, die gerne mitmachen möchte, aber es ist nicht erlaubt“, sagt Lehmann.

Die Corona-Besuchsregeln in Altenheimen sind kürzlich nicht nur in Hessen*, sondern auch in anderen Bundesländern aber etwas gelockert worden. Während es zeitweise sogar ein Besuchsverbot in Alten- und Pflegeheimen gab, darf jeder Bewohner inzwischen bis zu zwei Personen pro Tag empfangen. Der Besuch muss jedoch vorher angemeldet werden und einen negativen Test vorweisen, der auch vor Ort gemacht werden kann. (Bleiben Sie mit dem Corona-News-Ticker für Fulda auf dem Laufenden.)

Video: Trotz Impfungen gelten in Heimen strenge Corona-Regeln

Mit dieser Test-Strategie und der Tatsache, dass im Landkreis Fulda rund 90 Prozent der Bewohner geimpft sind, scheint die Situation in den Heimen weitgehend im Griff zu sein: „Es ist festzustellen, dass mit dem Fortschritt der Impfungen in den Senioreneinrichtungen des Landkreises Fulda diese als Infektionsschwerpunkte glücklicherweise eine untergeordnete Rolle spielen“, erklärt Leoni Rehnert, Pressesprecherin beim Kreis. Dennoch gibt es auch jetzt Personen, die im Pflegeheim leben und positiv auf Corona getestet sind. Ende März waren es 20 Männer und Frauen: 16 Bewohner sowie vier Beschäftigte. Mittlerweile sind bis auf drei alle wieder raus aus der Quarantäne. Unter den Erkrankten waren auch Geimpfte, wie Rehnert erklärt: „Eine Impfung bietet keinen 100-prozentigen Schutz. In der Regel geht eine solche Infektion aber mit milden Krankheitsverläufen bis solchen ohne jegliche Krankheitszeichen einher.“

Zuletzt mit vielen Corona-Fällen betroffen war eine Einrichtung in Gersfeld: „Dort waren 19 positiv getestete Personen geimpft, vier nicht geimpft beziehungsweise ohne vollständigen Impfschutz. Drei Personen mit positiven Testergebnissen sind verstorben. Zwei von ihnen waren nicht beziehungsweise nicht vollständig geimpft“, ergänzt Rehnert. Insgesamt sind in den Seniorenheimen des Landkreises Fulda 144 Menschen an oder mit Corona gestorben. *merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Bastian Hans, Geschäftsführer der Mediana Holding, berichtet im kurzen Interview über die Stimmungs-Lage in den Seniorenheimen während der Corona-Pandemie.

Wie läuft die Test-Strategie in den Heimen?
Die Bundeswehr ist im Auftrag des Landkreises Fulda in allen Einrichtungen im Landkreis unterwegs und ist zweimal in der Woche zu festen Zeiten in den Mediana Häusern. Das funktioniert hervorragend. Unabhängig davon werden Bewohner und Mitarbeiter regelmäßig getestet.
Wie hat sich der Alltag für die Pflegekräfte und auch die Bewohner verändert?
Die Vorsichtsmaßnahmen, die auf Grundlage der gesetzlichen Verordnungen ergriffen werden mussten, verändern selbstverständlich den Alltag aller. Derzeit sind große Gemeinschaftsveranstaltungen nicht erlaubt. Die Mitarbeiter der Sozialen Betreuung haben jedoch das Gemeinschaftsleben in den Hausgemeinschaften im Blick und engagieren sich mit vielen kreativen Ideen, das Miteinander zu leben.
Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf die Bewohner?
Es gibt – wie außerhalb von Senioreneinrichtungen auch – Menschen, die sich aufgrund der Schutzbestimmungen in ihren Möglichkeiten stark eingeschränkt fühlen. Andere wiederum sind froh, dass die Bestimmungen zum Schutze aller streng eingehalten werden. Unsere Mitarbeiter engagieren sich stark dafür, dass der Alltag dennoch mit Freude und positiver Stimmung gelebt werden kann.

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