Gefängnisse haben besondere Vorkehrungen gegen das Coronavirus.
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Gefängnisse haben besondere Vorkehrungen gegen das Coronavirus.

Besucher-Verbot

Corona hinter Gefängnis-Mauern? Warum neue Strafgefangene erstmal in Quarantäne müssen

  • Daniela Petersen
    vonDaniela Petersen
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Corona bringt auch den Gefängnisalltag durcheinander: Während des Lockdowns im Frühjahr waren Werkbetriebe, in denen die Häftlinge arbeiten, geschlossen. Besucher durften nicht rein. Und auf dem Gefängnishof gilt seitdem Maskenpflicht. Der JVA Hünfeld kommt in der Pandemie eine besondere Rolle zu. 

Hünfeld - In der Hünfelder Justizvollzugsanstalt ist Platz für mehr als 500 Häftlinge. 95 Prozent sind belegt. Hinzu kommen 220 Mitarbeiter – wenn das Coronavirus dort grassiert, dann können schnell viele Menschen betroffen sein. So wie das jetzt in einer JVA in Frankfurt vorgekommen ist.

Deshalb müssen Strafgefangene, die ihre Haft antreten, erst einmal in Quarantäne. Weil das aber nicht in jedem Gefängnis ohne weiteres möglich ist, gibt es sogenannte Aufnahmeanstalten. Die JVA Hünfeld ist eine davon. (Lesen Sie hier: Im März 2020 haben sich die Gefängnisse in Osthessen vor dem Coronavirus abgeschottet.)

„In Hessen sind wir neben Darmstadt und Dieburg die größte Aufnahmeanstalt für Ersatzfreiheitsstrafen“, sagt Anstaltsleiter Lars Streiberger. Ersatzfreiheitsstrafen sind die Strafen, die abgesessen werden müssen, wenn eine Geldstrafe nicht gezahlt wird. „Wenn jemand zum Beispiel zu 30 Tagessätzen á 50 Euro verurteilt wird, dann muss er 30 Tage ins Gefängnis, wenn er nicht zahlt“, erklärt der 54-Jährige.

Corona hinter Gefängnis-Mauern? Das Virus muss draußen bleiben

Während des ersten Lockdowns wurden diese Ersatzfreiheitsstrafen nicht vollstreckt, weil verhindert werden sollte, dass so das Virus ins Gefängnis eingeschleppt wird. Häftlinge, die eine solche Strafe verbüßten, wurden zum Teil auch erst einmal entlassen. „Das, was noch zu vollstrecken war, blieb offen. Erst nach drei Monaten wurde es wieder in Vollzug gesetzt. So schob man in ganz Hessen natürlich eine Bugwelle vor sich her“, sagt Streiberger.

Etwa 500 „Ersatzfreiheitsstrafler“ hat Hünfeld in den vergangenen Wochen in Quarantäne gehabt. Auch jetzt, während des zweiten Lockdowns, werden diese kurzen Freiheitsstrafen – anders als im Frühjahr – weiter vollstreckt. Zumindest bislang.

JVA Hünfeld ist Aufnahmeanstalt

Wie die Quarantäne in Haft aussieht, erklärt Streiberger so: „Der Häftling wird bei uns aufgenommen, fotografiert, eingekleidet und bekommt eine Eingangsuntersuchung in gesonderten Räumen. Es ist eine Art kleine Anstalt in der Anstalt. Danach verbringt er zehn Tage auf einer speziellen Station mit Einzelhafträumen. Erst nach dieser Zeit kommen die Häftlinge in die Anstalt, die für sie vorgesehen ist.“ Wo das ist, hängt mitunter davon ab, weshalb der Insasse in Haft ist: „In Hünfeld sitzen männliche Erwachsene mit Freiheitsstrafen von bis zu fünf Jahren ein“, sagt Streiberger. Das seien viele Erstverbüßer, Drogenschmuggler, Diebe und Betrüger, keine Sexualstraftäter oder Täter, die wegen eines Tötungsdelikts verurteilt sind.

Gefängnisse haben besondere Vorkehrungen gegen das Coronavirus.

Dass Hünfeld Aufnahmeanstalt geworden ist, hat ganz praktische Gründe: „Wir sind modern, jeder Haftraum hat eine eigene Toilette und einen Waschraum. Ältere Gefängnisse haben das nicht.“

Corona im Gefängnis: Besuchsrecht zeitweise ausgesetzt

Durch die Quarantäne zu Beginn der Haft konnte ein Ausbruch des Virus bereits verhindert werden: Ende September wurde ein Gefangener positiv auf das Coronavirus getestet. Er sollte eine Ersatzfreiheitsstrafe in Frankfurt absitzen und kam zunächst für die Quarantäne nach Hünfeld. „Er hatte eine erhöhte Temperatur und wurde medizinisch beobachtet. Es war ein junger Mann ohne Vorerkrankungen. Hätte sich sein Zustand verschlechtert, dann wäre er ins Krankenhaus gekommen.“

Durch Corona hat sich im Gefängnis einiges verändert: So wurde zum Beispiel das Besuchsrecht zeitweise ausgesetzt. Eigentlich haben die Gefangenen das Recht, eine Stunde im Monat Besuch zu bekommen, in Hünfeld sind es normalerweise sogar zwei Stunden. Mit dem Lockdown war das nun nicht mehr möglich. „Stattdessen haben wir die Telefonzeiten verlängert“, erklärt der Anstaltsleiter. Inzwischen ist Besuch wieder erlaubt – unter strengen Hygienemaßnahmen: Besucher und Insasse haben keinen direkten Kontakt, sondern sind durch eine Plexiglasscheibe getrennt. Damit sie miteinander sprechen können, gibt es spezielle Telefone.

Gefangene bekommen in Corona-Zeit mehr Freizeit

Auch die 220 Mitarbeiter müssen sich genau an die Hygieneregeln halten: „Es gilt Maskenpflicht und das Abstandsgebot, die Hände müssen regelmäßig desinfiziert werden, und bei Krankheitssymptomen müssen sie draußen bleiben, so lange bis ein negativer Test vorliegt“, erklärt Streiberger. Tests seien in der Anstalt vorhanden, es werde allerdings nur anlassbezogen getestet. „Als es im März zum Lockdown kam, haben wir den gesamten Tagesablauf umgestellt“, erinnert sich der 54-Jährige. Die tägliche Arbeit musste über Wochen größtenteils eingestellt werden.

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Mittlerweile wird wieder gearbeitet, jedoch wurden die Plätze reduziert, um die Abstände einzuhalten. „Viele sind in Werkbetrieben beschäftigt, verpacken zum Beispiel Kaugummis, Katzenfutter oder Aromaölbäder. Andere arbeiten in der Reinigung, der Küche, im Elektro- oder Metallbereich. Die Gefangenen, die infolge der Coronabeschränkungen ihre Arbeit – auch teilweise – verloren haben, erhalten einen entsprechenden finanziellen Ausgleich“, sagt Streiberger. Generell hätten die Insassen sehr vernünftig auf die Einschränkungen reagiert. Um die Stimmung hoch zu halten, sei die Freizeit während des Lockdowns im Frühjahr von eineinhalb auf zwei bis drei Stunden am Tag erhöht worden, auch durfte jeder Gefangene kostenfrei einen Fernseher nutzen. Und das Sportprogramm wurde erweitert.

Kostenloses Fernsehprogramm und mehr Freizeit gibt es nun nicht mehr. Aber die besonderen Essensbeigaben sind geblieben: Als Nachtisch gibt es manchmal Chips, Eis und Schokolade.

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