Justitia
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Im Prozess um den 23-Jährigen, der in Buchenau den Vater seiner Ex-Freundin erstochen haben soll, hat die Staatsanwaltschaft in Fulda Freispruch gefordert. (Symbolbild)

Bluttat in Buchenau

Überraschung im Totschlag-Prozess: Staatsanwalt fordert Freispruch für Angeklagten

  • Marcus Lotz
    VonMarcus Lotz
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Im Totschlag-Prozess um den 23-Jährigen, der in Eiterfeld-Buchenau den Vater seiner Ex-Freundin erstochen haben soll, hat die Staatsanwaltschaft vor dem Landgericht in Fulda Freispruch gefordert. Eine Tötung aus Notwehr könne nicht ausgeschlossen werden.

Eiterfeld - „Es gibt keine Zweifel daran, dass der Angeklagte der Täter war“, stellte Staatsanwalt Andreas Hellmich gleich zu Beginn seines Plädoyers im Landgericht in Fulda fest, nur um anzufügen: „Ich bin jedoch nicht der sicheren Überzeugung, dass Notwehr ausgeschlossen werden kann. Mir bleiben bei dieser Sache zu viele Konjunktive.“

Eine Stunde nahm sich Hellmich anschließend Zeit, darzulegen, was aus Sicht der Staatsanwaltschaft am 15. Februar 2021 in dem Wohnhaus in Buchenau vorgefallen war: Vorausgegangen war, dass die damals 17-jährige Tochter des Opfers sich von dem Angeklagten getrennt hatte, weil sie ihm vorwarf, sie im Schlaf vergewaltigt zu haben.

Nach der Trennung hatte der Vater die beiden auch räumlich voneinander getrennt. Der Angeklagte sagte den beiden zunächst zu, zeitig auszuziehen, versuchte dann aber, seine Ex-Freundin unter Suizid-Androhungen dazu zu drängen, ihn zurückzunehmen. (Lesen Sie hier: Blutige Gewalttat nach Streit um die Dusche - Angeklagter tötet Mitbewohner)

Fulda: Bluttat in Buchenau - Staatsanwalt fordert Freispruch für Angeklagten

In dieser angespannten Atmosphäre suchte der Vater am Abend des 15. Februar mehrfach das Gespräch mit dem Angeklagten. Den Ausgang eines dieser Gespräche zeigt ein Video, das dem Gericht vorliegt. „Dort ist zu sehen, wie er sich über den Angeklagten lustig macht.“

„Dieser war die Treppe heruntergefallen, als er vor dem Vater fliehen wollte. Er verhöhnte den Angeklagten in einer selbstherrlichen Art“, so Hellmich. Der Vater, der im Verlauf des Abends mehrere Flaschen Bier sowie Likör getrunken hatte, ging schließlich ein zweites Mal zu dem Angeklagten. Seine Tochter warnte er vor: „Wundere dich nicht, wenn es laut wird.“

Mit laut Gutachten des Rechtsmediziners zwischen 1,56 und 1,75 Promille ging er ein zweites Mal in das Schlafzimmer im oberen Stock, wo sich der damals 22-Jährige aufhielt. Etwa 20 Minuten später hielt der Angeklagte sein Kampfmesser der Bundeswehr, von dem Blut tropfte, in der Hand.

Er sagte laut Staatsanwaltschaft zu seiner Ex-Freundin: „Wenn du für deinen Vater einen Krankenwagen rufen willst, solltest du das jetzt tun. Weil das gerade in ihm gesteckt hat.“ Doch das Opfer verstarb noch im Haus, die Obduktion ergab 14 Stichverletzungen.

Was zuvor genau passiert ist, ließe sich nicht mehr rekonstruieren, so der Staatsanwalt. „Wir haben keine Zeugen, die berichten könnten, und der Angeklagte schweigt. Er hat sich also auch zu keinem Zeitpunkt des Prozesses auf Notwehr berufen.“ Dies, so erläuterte Hellmich, dürfe ihm aber nicht zum Nachteil ausgelegt werden.

Auch würden genügend Hinweise vorliegen, welche für eine Notwehrlage sprächen: Die aggressive Art des Vaters, der Alkohol, die Ankündigung, es könne laut werden, und auch die vorherige Bitte an seinen Bruder, sich um seine Töchter zu kümmern, egal, was passiere.

Bluttat in Buchenau: Staatsanwalt will Notwehr nicht ausschließen

Hat der 41-Jährige den Angeklagten also zuerst angegriffen, womöglich mit einer Latte des Bettes, wie der damals 22-Jährige gegenüber der Polizei ausgesagt hatte? Hellmich hält das für nicht unwahrscheinlich. Und die 14 Stiche könnten von einem Kampf herrühren, bei dem beide um das Messer rangen.

Verteidiger Bernhard Zahn schloss sich diesen Ausführungen an. „Es gab auch keine gezielten Stiche, etwa auf lebensgefährliche Organe. Es war Notwehr. Es muss ein Freispruch erfolgen.“ Anders sah das die Nebenklage. „Die Familie will Antworten und Genugtuung“, sagte Rechtsanwalt Johann Müller und verwies auf die Tochter, die während einer Verhandlungspause nach dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft in Tränen ausgebrochen war.

„Was genau in diesem Zimmer geschah, wird wohl für immer das Geheimnis des Angeklagten bleiben“, räumte Müller ein. Dennoch könne man bei 14 Stichen nicht von Notwehr ausgehen. „Das Opfer spricht auch nach seinem Tod zu uns: Das Fehlen von Abwehrverletzungen widerspricht einer Notwehrlage.“ Der Angeklagte hätte zudem auch aus dem Raum fliehen können.

Müller forderte daher eine Verurteilung wegen Totschlags, das Strafmaß solle das Gericht festsetzen. Am Ende ergriff der Angeklagte doch noch das Wort und richtete es an seine Ex-Freundin: „Ich wollte mich für alles entschuldigen, was passiert ist.“ Die rief weinend zurück: „Denkst du wirklich, das würde etwas ändern?!“ Das Urteil wird Richter Josef Richter am Freitag um 12 Uhr sprechen.

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