Die Friedliche Revolution hat so manches Bettlaken gekostet: Auch die Grüsselbacher hatten zur Grenzöffnung emsig Spruchbänder gemalt. Am Morgen des 18. November war die Verbindung nach Buttlar ab 6 Uhr wieder geöffnet. / Fotos: (2) Karl-Heinz Burkhardt

Grenzöffnung bei Grüsselbach: „Die Trabis stauten sich bis nach Sünna“

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Grüsselbach - Neun Tage hat es gedauert, bis im Revolutionsherbst 1989 auch die Rasdorfer mit Fug und Recht sagen konnten: „Die Grenze ist offen“: Ab sechs Uhr morgens konnten vom 18. November an Menschen von Ost nach West und von West nach Ost fahren.

Von unserem Redaktionsmitglied Hartmut Zimmermann

Wo heute der als Mobilfunkmast weiter genutzte Grenzturm und ein Schild an die jahrelang unüberwindbare Grenze erinnern, hatte damals einige Tage emsige Betriebsamkeit geherrscht. Berthold Jost (72), der damals Rasdorfer Bürgermeister war, erinnert sich, dass er eines Tages per Funk von seinen Bauhof-Leuten an die Grenze an der B 84 gerufen wurde. Er solle Kontakt zum Fuldaer Landrat aufnehmen, damit dieser wiederum mit dem Rat des benachbarten Kreises gemeinsam die Öffnung der Grenze auf den Weg bringen könne.

„Ich habe dann rasch Landrat Fritz Kramer angerufen – und letztlich ging dann alles recht schnell“, erinnert sich Jost: Am Morgen des 16. November wurden die Metallgitterzaun-Elemente von DDR-Grenzern abmontiert, der Straßenbau konnte beginnen. Und weil die Firma Giebel aus Eiterfeld, mit Material und Gerät besser ausgestattet als die DDR-Kollegen, rascher vorankam, gab es beim Schieben des Unterbaus und beim Asphaltieren auch ein paar Grenzüberschreitungen: So mancher Meter „im Osten“ wurde von den Eiterfeldern mit gebaut.

Großer Andrang an der Grenze

Bei der offiziellen Eröffnung war dann nicht nur Landrat Kramer dabei, sondern auch der damalige Vorsitzende der CDU-CSU-Fraktion im Bundestag, Alfred Dregger. Der Andrang an der Grenze war enorm. Die Rasdorfer waren morgens um fünf Uhr geweckt worden: Der damalige Pfarrer Josefe Jilek hatte die Glocken Sturm läuten lassen, um auf das Ereignis aufmerksam zu machen.

„Es war ein großartiges, bewegendes Erlebnis“, sagt Jost. „Die Trabis stauten sich bis zum Schacht in Sünna – und als die ersten Wagen kamen, war der Asphalt noch warm. Immer wieder fielen sich Menschen in die Arme, sahen sich Verwandte, die nah, aber doch unerreichbar fern auf beiden Seiten der Grenze gelebt hatten, nach langer Zeit erstmals wieder.“

Volkspolizist hält Bus an

Auch Karl Sauerbier (78), Schreinermeister aus Großentaft, hatte sich auf den Weg gemacht, um einen Großcousin in Geismar zu besuchen. Den Linienbus von Buttlar nach Geisa hielt ein Volkspolizist für die „Wessis“ an. Und unterwegs hörte Sauerbier Frauen, die ihn und seine Begleitung als Hessen erkannt hatten, sagen: „Die kommen aus dem Westen – da müssen wir uns jetzt dran gewöhnen ...“

Am Tag vor der offiziellen Öffnung hatte es eine private Premiere gegeben: Fuldas Bischof Johannes Dyba hatte in Begleitung einiger DDR-Offiziere über die noch nicht fertige Straße ein paar hundert Meter in die DDR hineingehen dürfen.

„Am Arsch der Welt gelebt“

Für den weltläufigen gebürtigen Berliner Dyba war das Leben mit der Teilung sicherlich anders als für die Menschen in den Rasdorfer Dörfern. Karl Sauerbier formuliert kurz und drastisch: „Wir haben am Arsch der Welt gelebt.“ Aber er sagt das eher nüchtern-bilanzierend als verbittert: „Wir sind mit der Situation groß geworden, dass nach Osten einfach die Grenze war.“ Der aus Soisdorf stammende Jost ergänzt: „Für uns war das ganz normal, dass US-Soldaten, Zöllner und Bundesgrenzschutz allgegenwärtig waren. Das war unser Alltag. Besonders beklemmend oder einengend war das für uns nicht.“

Auch Sauerbier erinnert sich eher an pragmatische Auswirkungen der nahen Grenze. Im positiven Bereich sind das die Fördergelder, die er für Investitionen in der heimischen Schreinerei bekommen konnte. Das sei aber auch wichtig gewesen: „Ich bin immer neidisch geworden, wenn Innungskollegen aus der Mitte der Bundesrepublik berichteten, dass ihre Kunden im Umkreis von 40, 50 Kilometer Entfernung lebten. Wir mussten zur Arbeit bis Frankfurt und Wiesbaden fahren.“ Einig sind sich die beiden darin, dass die Grenzöffnung das wichtigste und beglückendste politische Ereignis ihres Lebens gewesen ist.

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