Zwischen Thüringen und Hessen, hier die ehemalige Grenze bei Birx, hat sich eine einzigartige Natur entwickelt. / Foto: Rhön Marketing GbR

Das Grüne Band: Eine Schatzkammer der Natur

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Hessen/Thüringen - Einst brachte der Streifen an der innerdeutschen Grenze mit seinen Minenfeldern und Selbstschussanlagen Hunderten Menschen den Tod. Heute ist das Grüne Band, das sich von der Ostsee bis ins Erzgebirge zieht, ein einzigartiger Biotopverbund, in dem vieles zu finden ist, das es anderswo kaum noch gibt.

Von unserem Redaktionsmitglied Sabrina Mehler

Die Mauer war gerade erst gefallen, da trafen sich schon im Dezember 1989 im bayerischen Hof mehr als 400 Naturschützer und Naturschützerinnen aus Ost- und Westdeutschland, um die Naturlandschaft entlang der Grenze zu erhalten. Vor 30 Jahren schlug die Geburtsstunde des Grünen Bands.

Es sind zwei Aspekte, die den Streifen einzigartig machen, sagt Liana Geidezis, Leiterin „Grünes Band“ beim BUND: Der naturschutzfachliche beruht darauf, dass das Band Deutschlands längster zusammenhängender Biotopverbund ist; der geschichtliche, dass ein Todesstreifen zur Lebenslinie wurde. „Der kulturhistorische Aspekt hilft also mit, dass dieses Gebiet so außergewöhnlich ist.“

Wertvolle Lebensräume für die Natur

„Während der langen Trennung Deutschlands in zwei Staaten hat sich eine Ruhezone entwickelt“, erklärt die Biologin. In dem Gebiet bewegten sich damals kaum noch Menschen: Auf DRR-Seite hatte das Regime die Grenze mit Stacheldraht, Minen, Wachtürmen und Gräben gesichert. Auch im Zonenrandgebiet im Westen hielten sich die Menschen fern. „Die Natur erhielt die Chance, wertvolle Lebensräume zu entfalten, die zu Rückzugsgebieten für Flora und Fauna wurden.“ Im Schatten des Eisernen Vorhangs entstand ein Refugium für mehr als 1200 seltene oder gefährdete Arten.

Ein Beispiel dafür ist das Braunkehlchen: „Schon vor der Grenzöffnung in den 70er und 80er Jahren konnten Naturschützer im Westen beobachten, wie diese Vögel im Grünen Band alle paar Meter perlenschnurartig ihre Brutreviere anlegten“, berichtet Geidezis. Denn dort gab es unberührte Sträucher, Geäst und genügend Stellen zum Balzen.

Zahlreiche Orchideenarten

„Fantastisch“, nennt die Naturschützerin dieses Phänomen, das viele weitere Tiere und Pflanzen betrifft: Auch Fischotter fanden im Grenzraum ein Rückzugsgebiet; und viele Tiere nutzen den Streifen, der sich eigentlich am gesamten ehemaligen Eisernen Vorhang vom Eismeer bis zum Schwarzen Meer entlangschlängelt, als Wanderweg. Denn das Grüne Band ist eben kein isoliertes Schutzgebiet, sondern miteinander vernetzt und verwoben.

Während sich im Norden Elche bewegen, sind es im Süden oft Wölfe und Luchse. Zahlreiche Orchideenarten wachsen an der ehemaligen Grenze, und auch Arnika, Heidekräuter, Schwarzstörche, Libellen und vieles mehr haben hier ihre Lebensräume.

„Es ist notwendig, diese Lebensräume zu erhalten, damit die Tierarten wandern und sich austauschen können“, betont Liana Geidezis. Ziel ist es zu verhindern, dass auf dem Grünen Band Flächen versiegelt werden. 2018 ist der Streifen in Thüringen zum Nationalen Naturmonument erhoben worden, 2019 auch in Sachsen-Anhalt – und damit besonders geschützt. Weitere Ost-Bundesländer werden folgen und mit Hessen auch das erste westliche Bundesland, dass sich für den Schutz einsetzt.

Touristen sollen angelockt werden

Das Grüne Band ist heute auch ein wichtiger Aspekt, um Touristen, vor allem Wanderer, zur Gedenkstätte Point Alpha zu locken, erklären Dr. Eberhard Fennel und Berthold Jost, die beiden Vorstände der Stiftung. Und Gästeführer Wolfgang Christmann ergänzt, dass es zwischen Hessen und Thüringen ein „wunderbarer Erlebnisraum“ gebe – mit vielen Orchideen wie Knabenkräutern und vielen Heckenbrütern. „Und wenn Sie mal ruhebedürftig sind, dann kommen Sie hierher“, empfiehlt er.

Allerdings müssten am US-Camp, dem Haus auf der Grenze und dem Weg der Hoffnung der Pflanzenwuchs ab und an „gebändigt“ werden, berichten Jost und Fennel. Damit der Eiserne Vorhang mit Wachtürmen und anderen Grenzelementen nicht zuwächst, seien auch in diesem Jahr wieder in Abstimmung mit den Naturschutzverbänden Rodungs- und Rückschnittarbeiten geplant.

Landwirte pflegen die Natur

Vollends freien Lauf wird der Natur aber ohnehin nicht gelassen, berichtet Liana Geidezis. Der BUND arbeite erfolgreich mit vielen Landwirten zusammen, die die Natur pflegen. Auch am Point Alpha schicken Schäfer ihre Tiere von Ost nach West und umgekehrt. Die Schafe halten die Landschaft in Schuss. Zudem kauft der BUND Flächen aus Privatbesitz oder tauscht Gebiete, damit der Lebensraum, der ohnehin an vielen Stellen schon zum Beispiel durch Straßen durchlöchert ist, nicht zerstört wird.

Im vergangenen November haben Bund und Länder das Ziel beschlossen, das Grüne Band als global bedeutsames Biotopnetzwerk zum UNESCO-Weltnatur- und Weltkulturerbe erklären zu lassen. Ob das möglich ist, wird nun geprüft. „Bis das gelingt, sind noch viele Brettchen zu bohren“, glaubt die Naturschützerin Geidezis. „Aber das Grüne Band hätte diese Auszeichnung sicher mehr als verdient.“

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