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Mühseliger Start in neuer Heimat - 10.000 Vertriebene kamen nach dem Krieg ins Hünfelder Land

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Heimatvertriebene aus Ungarn auf ihrem Heimweg von einem Gottesdienstbesuch in Setzelbach entlang der ehemaligen Zonengrenze nach Rasdorf.
Heimatvertriebene aus Ungarn auf ihrem Heimweg von einem Gottesdienstbesuch in Setzelbach entlang der ehemaligen Zonengrenze nach Rasdorf. © Karl-Heinz Burkhardt

Vor gut 75 Jahren fanden 9424 aus ehemaligen Ostgebieten vertriebene Menschen deutschsprachiger Bevölkerungsgruppen im ehemaligen Landkreis Hünfeld eine neue Heimat.

Hünfeld - Nach schicksalhaften Jahren infolge des Zweiten Weltkrieges feierten sie 1946 erstmals wieder eine friedvolle Weihnacht, wenn auch unter bescheidenen Verhältnissen.

Es war das Jahr der großen Transporte von Vertriebenen, die ihre Heimat in Richtung einer ungewissen Zukunft verlassen mussten: entsagungsreich mit wenig Hab und Gut in gepackten Koffern, zumeist in mit je 30 Erwachsenen und Kindern besetzten Viehwaggons. Zwischen Januar 1946 und Mai 1949 erreichten in 409 solcher organisierter Transporte etwas mehr als 400.000 Vertriebene Hessen. Sie kamen aus Ungarn, Schlesien und der Tschechoslowakei, insbesondere aus dem Sudetenland. (Lesen Sie hier: Bewegende Familiengeschichte - US-Amerikanerin findet ihre Wurzeln in Osthessen)

Hessen: 10.000 Vertriebene finden nach Kriegsende neue Heimat in Hünfeld

Innerhalb eines Jahres nahm der damalige Landkreis Hünfeld seinerzeit 9424 Heimatvertriebene auf. Im Kreisgebiet wohnten infolge von Bombenangriffen bereits mehr als 4000 Evakuierte aus dem Saarland, dem Ruhrgebiet, Frankfurt und Kassel. Für die Kreisverwaltung und die Bürgermeister war es eine Mammutaufgabe, Wohnungen für die vielen Neuankömmlinge zu besorgen.

Einquartierungen seien nicht immer ohne Anspannungen verlaufen, wie der Hünfelder Heimatforscher Dr. August Weber in „Die Geschichte des Kreises Hünfeld“ niederschrieb. In den oft beengten Häusern bedurfte es eines Zusammenrückens mit den Einheimischen. Familien mit mehreren Personen lebten dann beengt in einem oder zwei Zimmern. Es gab kein fließendes Wasser in den Häusern, die Toiletten befanden sich auf der Hofstelle.

Es waren etwa 1000 Ungarndeutsche, die zuerst eintrafen und denen im ehemaligen Eiterfelder Amt eine Bleibe zugewiesen wurde. 170 von ihnen fanden Aufnahmen in Rasdorf, andere in Ufhausen, Mansbach, Soisdorf sowie in Großentaft. Ihr Abtransport aus der angestammten Heimat erfolgte am Bahnhof in Hegyeshalom im ungarisch-österreichischen Grenzgebiet.

Erste Unterbringung in Rasdorf

Nach siebentägiger beschwerlicher Fahrt – es gab pro Tag einmal eine Suppe und Brot – kamen sie am Hünfelder Bahnhof an, wurden mit Fahrzeugen abgeholt und zunächst zu den eingerichteten Rasdorfer Sammelplätzen in den Gaststätten Stark und Flach gefahren, dort untergebracht und dann in die Häuser aufgeteilt.

Eine weitere Gruppe ostpreußischer Vertriebener folgte. Sie wurde vornehmlich in den Orten des Oberamtes und in Mackenzell „verteilt“. Aus Ober- und Niederschlesien kamen rund 900 Heimatvertriebenen. Zur Auswanderung aufgefordert wurden durch die Beneš-Dekrete die Sudetendeutschen, die aus dem Kreis Friedland im Isergebirge, aus Haindorf und Neustadt an der Tafelfichte, aus Augezd oder Marienbad im Kreisgebiet ankamen.

Sie stellten mit 60 Prozent die stärkste Gruppe unter den Heimatvertriebenen. Mit dem sechsten Transport von 22 aus Marienbad anrollenden Zügen, die am 24. März 1946 in Hünfeld ankamen, habe man die meisten im Kiebitzgrund untergebracht, schreibt Walter Kraft (80, Wehrda) in seinem Buch „Ein Leben zwischen Zahlen und Zinseszins“. Seinen Ausführungen zufolge lebten 1947 im Bezirk Marienbad nur noch 538 Deutsche nach zuvor 35 000 im Herbst 1945.

Vertriebene müssen sich an andere Konfessionen und Sprache gewöhnen

Kurt Pirkl, Vorsitzender des Augezder Komitees Burghaun, erinnert sich sehr gut an die Ankunft mit seinen Eltern und den drei Geschwistern. Der damals Elfjährige wurde mit anderen von drei der 13 Waggons am Bahnhof Hünfeld – zuvor stand der Zug in Fulda – abgekuppelt. Mit diesen Wagen sei es weitergegangen zum Burghauner Bahnhofsgelände. Im Saal des nahegelegenen Gasthofes Seipel sowie im Saal Altstadt in der Ortsmitte habe man die 120 Personen untergebracht.

Der gebürtige Langenschwarzer und bereits verstorbene Oberstudienrat Erwin Müller (Fulda), schildert im Buch „Der Kiebitzgrund“ die Vertreibung der Sudetendeutschen. Es sei für die Heimatvertriebenen nicht leicht gewesen, sich in einer neuen Umgebung unter völlig anderen Bedingungen, unterschiedlichen Konfessionen und der Sprache einzugewöhnen. „Das Zusammenrücken in den Häusern war nicht leicht und für beide Parteien eine Belastung“, so der Chronist.

Wer in der alten Heimat selbständig gewesen sei, so Müller, der versuchte dies auch in der „neuen Heimat“. Die in Langenschwarz angekommene Familie Kutzer zum Beispiel, die im Hause Schmier wohnte, habe einen Teil der Staatsdomäne in Mansbach erworben, um dort als Landwirt Fuß zu fassen.

Kaum Arbeitsstellen - Jugend wandert nach Frankfurt und süddeutschen Raum ab

Franz Korn, dessen Familie in Marienbad eine Drogerie und ein Feinkostgeschäft betrieb, pachtete in Langenschwarz die Gaststätte „Zur Linde“ und entpuppte sich als vielfältiges Talent. Er schrieb ein Kochbuch mit dem Titel „Für die sparsame Hausfrau“ und zog als Puppenspieler mit selbstgebastelten Figuren durchs Land. Bei einem Gastspiel der „Augsburger Puppenkiste“ in Fulda durfte er im Vorprogramm auftreten.

„Durch den Zuzug der Heimatvertriebenen veränderte sich auch das kulturelle und gesellige Leben“, berichtet Erwin Müller. „Die Egerländer haben durch ihre auch handwerklichen Fähigkeiten und ihre Geselligkeit neuen Schwung ins Dorfleben gebracht“, war immer wieder von Einheimischen zu hören.

Kinder gingen gemeinsam zur Schule, spielten zusammen Fußball und entwickelten Freundschaften, die bis in die heutigen Tage anhalten. Doch nur wenige Heimatvertriebene blieben in den beschäftigungsarmen Orten mit nur geringen Verdienstmöglichkeiten wie im Kiebitzgrund. Für die Jugend war es nach 1946 insgesamt schwer, eine passende Lehrstelle zu finden. Auch die Arbeitsmöglichkeiten für Erwachsene waren rar. Demzufolge wanderten viele aus den Dörfern nach Hünfeld, Schlitz, Fulda, nach Westfalen, in den Frankfurter oder den süddeutschen Raum ab. (Karl-Heinz Burkhardt)

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