Alexandra Mihm am Rathaus-Arbeitsplatz – gegenüber von Kämmerer Bernhard Roth, dessen Nachfolge sie in absehbarer Zeit antreten dürfte.
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Alexandra Mihm am Rathaus-Arbeitsplatz – gegenüber von Kämmerer Bernhard Roth, dessen Nachfolge sie in absehbarer Zeit antreten dürfte.

Beruflicher Neustart mit 39 Jahren

Goldschmiedin Alexandra Mihm macht Ausbildung im Rathaus Nüsttal

  • Hartmut Zimmermann
    vonHartmut Zimmermann
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„Lebenslanges Lernen“ – diese Worte hören wir öfters – und beherzigen sie hoffentlich auch dann und wann. Alexandra Mihm (39) setzt sie auf ihre Weise um: Die gelernte Goldschmiedin ist seit August 2020 Auszubildende zur Verwaltungsfachangestellten im Rathaus Nüsttal.

Am Ende des vierten Lebensjahrzehnts in einen neuen Beruf einzusteigen, wäre schon außergewöhnlich genug. Alexandra Mihm steigert dies noch: Die Frau aus dem Nüsttaler Ortsteil Gotthards absolviert ihre Ausbildung in Teilzeit. Denn sie möchte trotz des neuen Wegs auch noch Luft haben, um sich mit ihrem Mann Tobias um die beiden jetzt 10 und 13 Jahre alten Söhne kümmern zu können.

Dass sie nun diesen Weg eingeschlagen hat, war nicht seit Jahren geplant. „Ich hatte nach meiner Ausbildung als Gesellin bei einer Fuldaer Goldschmiedin gearbeitet und war zuletzt auf 450-Euro-Basis tätig“, berichtet sie. Zudem habe sie auch diverse andere Aufgaben angepackt. Doch sie habe gespürt, dass sie eine neue Herausforderung brauche, sagt Mihm. Und dabei sei es nicht um irgendeine Tätigkeit gegangen, sondern auch um etwas, bei dem es am Ende ein Zeugnis geben würde, „mit dem ich mich dann auch irgendwo bewerben kann“. Denn sie habe ja noch ganz locker 25 Jahre im Berufsleben vor sich, merkt Mihm an.

Hessen: Diese Goldschmiedin will lieber im Rathaus arbeiten

In dieser Phase hatte sie im vergangenen Jahr in die „Nüsttal-Nachrichten“, das „Gemeindeblättchen“ geschaut – und war auf ein Inserat der Verwaltung gestoßen, die eine Ausbildungsstelle ausgeschrieben hatte. Doch Ausbildung im ganz normalen Rhythmus – das hätte wegen der Familiensituation nicht gepasst.

Daher nahm sie Kontakt auf zu Bürgermeisterin Marion Frohnapfel, die erst vor wenigen Wochen in die zweite Amtszeit gestartet ist. Das ging ohne große Umwege, nicht nur deshalb, weil in Nüsttals Rathaus die Wege kurz sind – beide Frauen spielen im Nüsttaler Musikverein: Die potenzielle Chefin saß jahrelang in den Proben nur zwei, drei Notenständer weit entfernt. Mihm berichtete von ihrem Interesse und fragte ganz konkret, ob für die Gemeinde auch eine Teilzeit-Möglichkeit denkbar sei.

Die Bürgermeisterin erkundigte sich, trug Informationen zusammen – und gab grünes Licht für die Bewerbung. Dann ging alles zügig: Im August 2020 begann Mihms Ausbildung im Rathaus in Hofaschenbach. Aufgrund der Tatsache, dass sie bereits einenBerufsabschluss und zudem ein Abiturzeugnis der Wigbertschule in der Tasche hat, verkürzt sich Mihms Ausbildungszeit von drei auf zwei Jahre.

Das ist auch für die Nüsttaler Rathauschefin ganz passend, denn in der kleinen Verwaltung vollzieht sich gerade ein Generationswechsel. Da fügt es sich gut, dass mit Alexandra Mihm jemand antritt, der absehbar die Aufgaben des auf den Ruhestand zusteuernden Kämmerers Bernhard Roth übernehmen kann.

Doch wie passt das zusammen – Goldschmiedin-Vergangenheit und Rathaus-Schreibtisch? „Das ist mitunter näher beieinander als man von außen denken mag“, sagt Mihm. „In meinem ersten Beruf habe ich gelernt, konzentriert und ausdauernd an einem Projekt zu arbeiten. Dieser Ansatz ist beim Umgang mit Zahlen und entsprechenden Berechnungen und Excel-Dateien auch gefragt.“ Feinarbeit ist offenbar Feinarbeit – unabhängig davon, ob der Blick ausdauernd auf Gold und Silber oder Excel-Tabellen gerichtet ist. Da ist es durchaus eine verlockende Perspektive, in diesem Jahr beim Aufstellen des kommunalen Haushaltsplans intensiver beteiligt zu sein als vor zwölf Monaten beim Start in den neuen Beruf.

Mit den Erfahrungen im neuen Arbeitsumfeld ist Mihm überaus zufrieden: „In der Berufschule habe ich fast nur mit Leuten aus der Kreisverwaltung zu tun. Dort ist man viel mehr spezialisiert auf diese oder jene Richtung – bei uns ist die Vielfalt der Aufgaben groß.“ Das sei ebenso gut wie das „familiäre Betriebsklima“.

Zufrieden ist aber auch Rathauschefin Marion Frohnapfel. Sie sehe es als eine Chance, als Arbeitgeberin im Rathaus durch ein wenig Flexibilität solche Lösungen zu ermöglichen, betont sie. Denn das Beispiel zeige, dass man so gleichermaßen motivierte und qualifizierte Menschen ins Team holen könne.

Dass sie nicht „nur“ motiviert, sondern ihren neuen Aufgaben auch fachlich gewachsen ist, hat Alexandra Mihm kürzlich bei der Zwischenprüfung unter Beweis gestellt, die sie zur eigenen Freude, aber auch zu der ihrer Chefin mit einem Top-Ergebnis abschloss. Die Nüsttaler Personalplanung scheint aufzugehen.

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