Ein Wolf läuft durch sein Gehege in der Fasanerie in Hanau.
+
Erstmals seit der Rückkehr des Wolfes nach Hessen ist wieder Wolfsnachwuchs nachgewiesen worden (Symbolfoto).

Wie Fuchs und Wildschwein

Jagd-Experte aus Landkreis Fulda plädiert dafür, den Wolf auch schießen zu dürfen

  • Hartmut Zimmermann
    VonHartmut Zimmermann
    schließen

Erstmals seit 200 Jahren haben in Hessen wild lebende Wölfe Nachwuchs bekommen. Aufnahmen einer Wildkamera aus dem Rheingau-Taunus-Kreis bestätigen das. Für den Jagdhistoriker Wendelin Priller aus Rasdorf-Grüsselbach im Landkreis Fulda keine Überraschung.

Rasdorf - Eine automatische Wildkamera hat kürzlich zwei Wolfswelpen im südlichen Rheingau-Taunus-Kreis aufgenommen. Das Video ist der erste Nachweis von Welpen in Hessen, seitdem Wölfe wieder hierher zurückkehren, teilt das Hessische Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) mit. 

Die Nachricht sei erwartbar gewesen, sagt Wendelin Priller aus Rasdorf-Grüsselbach im Landkreis Fulda. Der 72-Jährige, der sich seit langem mit Fragen der Jagdgeschichte befasst, ist auch Akademischer Jagdwirt. Er zieht im Gespräch einen Bogen von der Geschichte der Wolfsjagd in fürstbischöflichen Zeiten bis zur Situation heute.

Hessen: Jagdhistoriker plädiert dazu, den Wolf in Hessen auch schießen zu dürfen

So seien nach dem 30-jährigen Krieg – beispielsweise in Maberzell – Lehen an Bauern vergeben worden, in denen diese als Gegenleistung speziell zur Wolfsjagd verpflichtet worden seien. Für die Schäfer im Oberamt Haselstein habe die Pflicht bestanden, ihre Hunde bei Hetzjagden auf Wölfe einzusetzen.

Und im Erfolgsfall gab es Belohnungen, wie beim letzten kurhessischen Wolf: Im Juni 1817 erlegte ein Förster aus Eiterfeld-Leibolz mit dem nicht gerade kriegerischen Namen Lamm den auf Jahrhunderte letzten Wolf in Hessen. Dafür gab es den stattlichen Betrag von insgesamt 75 Gulden „Schussgeld“ und Belohnung.

Dass die wolfslose Zeit in Hessen enden würde, sei absehbar gewesen, sagt Priller: Nachdem sich in den vergangenen Jahrzehnten Bestände des Raubtiers in der Lausitz angesiedelt und von dort verbreitet hätten, habe es ja auch diverse Wolfssichtungen und -nachweise in Hessen und auch in der Rhön gegeben. 

„Die Frage, wie man nun mit dem Wolf umgehen soll, polarisiert enorm“, betont Priller. Das Spektrum der Reaktionen reiche vom vorbehaltlosen, ja euphorischen „Ja“ zum Wolf an allen Orten bis hin zur radikalen Ablehnung des Rückkehrers. „Aus meiner Sicht liegt die Wahrheit dazwischen – hier gibt es keine schwarz-weiß-Lösung“, ist Priller überzeugt.

Jagdhistoriker Wendelin Priller warnt im Umgang mit dem Wolf vor Schwarz-Weiß-Denken.

Das Tier aus ideologischen Gründen zu verteufeln und Rotkäppchen-Ängste zu schüren, sei völlig verkehrt: „Der Wolf tut dem Menschen nichts und frisst auch keine kleinen Kinder“, betont Priller. Aber man müsse auch bedenken, dass das Tier mancherorts in der vom Menschen geprägten Kulturlandschaft ein Problem darstellen könne, gibt er zu bedenken.

Priller verweist auf die Tierhalter. „Man muss Region für Region die soziale, die ökologische und die ökonomische Tragfähigkeit prüfen“ und danach entscheiden“, findet Priller. Das muss aus seiner Sicht zur Folge haben, dass der Wolf ins Jagdrecht aufgenommen und dann unter Beachtung entsprechender Regeln auch bejagt werden kann.

Genauso wie aktuell in der Rhön zum Schutz des Birkwilds gezielt Jagd auf entsprechende Räuber wie den Fuchs und das Wildschwein gemacht werde, könne man auch den Wolf im Bedarfsfall in den Blick nehmen. 

Video: Erstmals Nachwuchs bei hessischen Wölfen

Dass sich Hessens erste wild lebende Wolfsfamilie nun nicht, wie vielleicht erwartet, irgendwo im dünn besiedelten und waldreichen Nord- oder Osthessen, sondern unweit des Rheins niedergelassen hat, sei eine der Überraschungen, mit denen die Natur aufwarte, so Priller. „Wir können eben nur ahnen, nach welchen Kriterien die Entscheidungen bei der Revierwahl fallen.“

Die Elterntiere der Welpen sind die im Juni 2021 als Paar bestätigten Wölfe, die man im HLNUG mit den Kennnummern GW1798f und GW1958m führt. Das Video der Wildkamera zeigt – etwas unscharf – die beiden seinerzeit etwa drei Monate alten Jungtiere, die durch den Wald streifen und an einer Stelle am Boden schnüffeln.

In Hessen leben damit dem Landesamt zufolge derzeit vier sesshafte Einzeltiere und ein Rudel. Mit durchziehenden Wölfen sei jederzeit zu rechnen. 

Das könnte Sie auch interessieren